Zur Ausgabe
Artikel 24 / 72
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

»Solang mer no schnauft, is mer net tot«

aus DER SPIEGEL 11/1975

Ein Wink genüge, sagen die Herren vom Betriebsrat, und die Kollegen legten selber Hand ans Audi-Werk von Neckarsulm: »Die zünde des auch an.« Doch bis auf weiteres tragen sie nur Gesichter, die sich in Existenzangst verengen, und dazu den Protest im Knopfloch. Von der IG Metall haben sie seit einer Woche himmelblaue Abzeichen, deren Inschrift von Landesvater Filbinger stammen könnte: »Audi Neckarsulm muß bleiben.«

Weißblaue Aufkleber dieses milden Wortlauts zieren einheitlich die Scheiben der blitzblanken Autos, Läden und Wirtshäuser im 1200jährigen Neckarsulm. Dessen Einwohnerschaft ist noch einmal so groß wie die 10 200 Köpfe starke Audi-Belegschaft und von der Sorge restlos mitbetroffen, daß Wolfsburg seine Neckarsulmer Tochter demnächst endgültig stillegt.

Nach sechs Monaten zermürbender Furcht vor einem solchen Amputations-Beschluß mutete vorige Woche das eigentlich erste Aufmucken an wie eine Waschmittelkampagne. Die Steuermänner von IG Metall scheinen es fürs erste so gewollt zu haben: Der Ingrimm ist ein wenig kanalisiert und, in netter Form, die Umwelt einbezogen. Ärzte behandeln hoffnungslose Fälle nach ähnlich tröstlichem Muster und nennen das: ut aliquid fiat -- damit wenigstens etwas geschehe!

Auf der nach solchem Muster gewehten ersten Gewerkschaftskundgebung hat vergangene Woche der sonst so konfliktbereite IG-Metall-Bezirksleiter Franz Steinkühler in einer Weise Emotionen gedämpft, daß ihm selber das vorkam »wie eine kalte Dusche für die Kollegen«.

Die Läden Neckarsulms hatten aus Solidarität mit den geplagten Leuten von Audi NSU geschlossen, sogar ein Kontingent der nahen Kolbenfahrik Schmidt verließ die Arbeitsplätze und gesellte sich einer Kundgebung zu, deren Redner Steinkühler gleich mitteilte, sie löse »noch keine Probleme«. Die enttäuschten Kollegen spendeten kaum Beifall. Und einige zogen davon mit dem halblauten Ruf: »Jetzt gehe mer hoim und grabet's Maschineg'wehr aus und putzet's.«

Die anderntags stattfindende Jet-Visite des neuen VW-Chefs Toni Schmücker beim Landesvater Filbinger in Stuttgart ergab tatsächlich nichts weiter als die fruchtlos-frostige Konfrontation eines auf Rentabilität vereidigten Sanierers mit einem Gefühlspolitiker. Dem stand außer der Devise, daß nicht sein kann, was nicht sein darf, kein Mittel gegen den drohenden Exitus des größten Betriebes im Unterland zu Gebote.

Für den Fall, Audi Neckarsulm selbständig am Leben erhalten zu wollen, erfuhr Filbinger von Schmücker. daß der Konzern zwar auf das Werk. nicht aber auf den Audi verzichten könne. von dem es lebe, Und indem der Landesvater dann forderte, doch wenigstens das »Nachfolge-Modell« des Audi 100 noch an der Sulm zu starten, vermehrte er ahnungslos die Absatzsorgen des Werkes, das derzeit, bei einer Kapazität von 650 »Audi 100« pro Tag, nur 225 baut.

Auf Schrifttafeln für ihre Protestkundgebung hatten die Neckarsulmer Autowerker gemalt: »Was ist das für eine Mutter, die uns nimmt vom Brot die Butter?« Noch reimt sich ihre Verzweiflung »Sie sagen, daß in einem Boot wir sitzen«, dichtete ein Betriebsrat, »sie steuern schlecht, darum müssen wir rudern, bangen und schwitzen.«

Rudern: Dazu gehört, daß die Arbeiter stillschweigend finanzielle Verbesserungen preisgeben, die der Tarifstreiter Steinkühler für seinen Bezirk extra herausgeschlagen hatte, etwa einen Schichtzuschlag« dessen Umgehung pro Jahr 1,8 Millionen Mark einspart. (Dessenungeachtet stellt die VW-Tochter im bayrischen Ingolstadt ihre Audis mit geringeren Lobnkosten her.)

Bangen und schwitzen: Das bezieht die Erkenntnis ein, daß für die meisten aus dieser in zwei Jahrzehnten gewachsenen und gealterten Belegschaft ein neuer Arbeitsplatz kaum zu finden sein wird, schon gar nicht im Unterland, wo sie ihr Häusle abbezahlen. Das bezieht sich aber auch auf die widerwärtige Angst, man könne sich bei einem vielleicht doch nur teilweisen, schrittweisen Personalabbau durch irgendeine Unbotmäßigkeit selber unter die Betroffenen befördern.

Die Stille im Städtchen ist ein Produkt der Unsicherheit. Sie wird kultiviert durch die von Wolfsburg her unverbindlich genährte Hoffnung, eine paritätische Belegschaftsverkleinerung in sämtlichen VW-Werken werde am Ende der totalen Schließung von Audi Neckarsulm doch vorgezogen.

So gediehen in einem halben Jahr geduckten Zuwartens keine nennenswerten menschlichen Gemeinsamkeiten. Vielmehr finden sich sogar Gruppen unter den Angestellten von Audi Neckarsulm, die es heutzutage nicht einmal wagen, einem vertrauten Bürokollegen zu folgen, wenn der zu einem Viertele samt Aussprache über gemeinsame Chancen einlädt. »So kenn' ich's aus dem ganzen Konzern« schimpft ein herumreisender Jung-Manager aus Wolfsburg, »Solidarität ist unterentwickelt, und jedem Zweig wäre es recht, wenn nur der andere dichtgemacht wird:

Adrette Agitateure von Linksaußen bieten vor dem Werkstor Flugschriften an, etwa die Empfehlung, statt des Audi 100 sofort Traktoren für die Dritte Welt zu bauen. Nicht einmal ein Augenkontakt zu der stumm und stumpf heraustrottenden Schicht will ihnen so gelingen. Diese Erbitterten sperren sich gegen politische Ansprache, und die jungen Gastarbeiter übertreffen dabei an Sperrigkeit noch die Eingeborenen, stoßen einen sanften Flugblatt-Jüngling beiseite: »Geh zu Hause!«

Letzte Woche wies der Wirt der Gaststätte »Wilhelmshöhe« zwei leise Vertreter einer neuen »Internationalen Arbeiterpartei« aus seinem Nebenzimmer. Die hatten sich erdreistet, mit zwei verschreckten Audi-Gesellen, wie er bemerkte, »net bloß über Audi, sondern politisch zu schwätze«.

Wie kämpft man um eine Fabrik, wenn der Unternehmer sie nicht mehr will? Wenn im Aufsichtsrat hoffnungslos auch noch die eigene Gewerkschaft sitzt? Mit Streik wäre da, fürchten die Organisierten, höchstens die Gewerkschaftskasse zu schädigen. Den Laden selber zu betreiben, wie es in Frankreich die Arbeiter von Uhren-Lip versucht haben, daran wollen sie sich nicht wagen. »Die ganzen Zulieferer«, sagt der Betriebsratsvorsitzende Karl Walz, »drehen da doch sofort den Hahn zu.«

Kapitalistische Tragödie. Sie haben ein Produkt, mit dem sie sich identifizieren. Sie haben ein modernisiertes Werk, mit dem sie sich oft wie mit einem Eigentum verbunden fühlen. Karl Walz zum Beispiel wurde einst schon von französischen Besatzern gefeuert, weil er in Neckarsulm Demontage verhinderte.

Sie haben sogar einen Markt, der sich jetzt wieder bessert. Doch vor dem Kalkül eines Konzerns. der sich erst ohne Rückfrage bei ihnen -- krankwuchs und sich nun -- ohne Rücksicht auf sie -- gesundschrumpfen will, sind sie plötzlich bloß noch Ballast. Freilich einer, dessen Abwurf teuer würde: Erste Voranschläge für einen Sozialplan schwanken zwischen 240 und 360 Millionen Mark.

Bezirksleiter Steinkühler, selber Aufsichtsrat von Audi NSU, verflucht die Bereitschaft Wolfsburgs, auf jede Nachfrage-Spitze mit Kapazitätsausweitungen zu reagieren, statt, wie Daimler-Benz, lieber mit Verlängerung von Lieferfristen. Andererseits hätte man sonst der massiven ausländischen Konkurrenz von VW sicher Terrain überlassen müssen. Eine Zwangslage, der nur durch Marktabsprachen abzuhelfen wäre, wie man sie eigentlich dem Wunschdenken des Kapitals zuzählt. Mitunter aber, erinnert sich Steinkühler, »wollen wir und das Kapital dasselbe«.

Dem Betriebsratsvorsitzenden Walz ist das alles auf den Magen geschlagen. Ihm, wie übrigens vielen Audiwerkern: Längst registriert er die in der Belegschaft um sich greifenden vegetativen Störungen, diesen, wie man plötzlich sogar an der Karosseriepresse weiß, Symptomen verdrängter Ängste. Er selber bekniet reihum Kollegen, überfälligen Urlaub doch zu nehmen. Aber die Angst scheint sie ans Werk zu fesseln.

Sie schleppen sich mit Grippe zur Arbeit. Und dies ausgerechnet zu einer Zeit, in der ohnehin nur eine von zwei Schichten am Tag gefahren. die Hälfte der Audi-Arbeiter im Turnus zur Kurzarbeit gemeldet wird.

Nie war der einzelne so entbehrlich wie jetzt. Das plagt vor allem die Senioren. obwohl sie dem von ihnen tagtäglich um endlich eindeutige Prognosen angeflehten Vorsitzenden Walz so im Vorübergehen einen mannhaften Optimismus zeigen: »Solang mer no schnauft, is mer net tot.

Eine Weile wollten Eingeborene eine Lösung darin erkennen, daß man von den noch anno 73 durch den VW-Konzern gierig angesogenen Gastarbeitern möglichst viele wegschickt. Nachdem von 6600 Türken. Jugoslawen. Griechen, Spaniern. Portugiesen und Italienern 3000 aus Neckarsulm verschwunden waren, griff die Erkenntnis um sich, daß die schweren Jobs am Band über die Leistungskraft der meisten älteren Deutschen gehen.

Und auch noch diese körperliche Erkenntnis haben die nun für sich ganz allein zu verdauen: Wie hart ein neuer Anfang anderswo ihnen selbst dann noch fallen müßte, wenn die Industrie-Struktur am Neckar nicht so bar der Alternative wäre.

Verdrängung von Wirklichkeit gehört da wohl zum Selbstschutz. Der Lokairedakteur Ekkehard Würstle von der »Heilbronner Stimme« wurde allein dadurch zu einer gefürchteten Instanz, daß er monatelang nahezu täglich über das schwärende Audi-Problem schrieb, Daß er letzthin mit dem Hörensagen von der Schließung ausgerechnet vor einem schönen Wochenende herauskam, können ihm die Gepeinigten bei Audi nicht vergessen.

Für den Fall. daß der Wolfsburger Aufsichtsrat in der entscheidenden April-Sitzung wirklich für Schließung votiert, werde es vor Ort zu einem Vulkanausbruch kommen, fürchtet Karl Walz. Freilich hält er es für denkbar, es werde schon der »wie ein Erlöser« wirken, der »bloß einmal dieses Wort Schließung vorn Tisch bringt«. Und Erlösung wäre dann in Wahrheit auch nur ein langsamer Tod.

Mehr lesen über
Zur Ausgabe
Artikel 24 / 72
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel