Sorge vor Russlands Lieferstopp Deutsche Gasspeicher füllen sich langsam

Moskaus Kappung der Gasversorgung von Polen und Bulgarien sorgt auch hierzulande für Beunruhigung. Die Bundesnetzagentur meldet immerhin: Der Füllstand der Speicher steigt – und ist sogar höher als im Vorjahr.
Anlagen eines Gasspeichers in Halle: Füllstand steigt

Anlagen eines Gasspeichers in Halle: Füllstand steigt

Foto: Stringer / Getty Images

Nur wenige Stunden nach der Ankündigung machte Russland offenbar schon Ernst und hat Polen den Gashahn abgedreht. Der tatsächliche Gasdurchfluss durch die Jamal-Pipeline von Belarus nach Polen lag am frühen Mittwochmorgen bei null Kilowattstunden, wie Daten des Europäischen Netzes der Fernleitungsnetzbetreiber zeigen. Später hieß es, die Gaslieferungen seien nach einer Unterbrechung wieder aufgenommen worden. Der russische Energiekonzern Gazprom teilte am Mittwochmorgen jedoch mit, die Lieferungen an Polen und Bulgarien seien wegen ausbleibender Zahlungen in Rubel gestoppt worden.

Während die Regierung in Warschau betont gelassen reagiert, dürfte die Nervosität bei den deutschen Krisenmanagern steigen.

Zumindest die Bundesnetzagentur meldet, dass die deutschen Erdgasspeicher sich langsam wieder füllen. Am Montag lag der Füllstand aller deutschen Speicher bei 33,4 Prozent, wie die Behörde in ihrem Lagebericht zur Gasversorgung mitteilte. Aktuell werde relativ konstant eingespeichert.

Die Füllstände seien vergleichbar mit dem Jahr 2017 und mittlerweile deutlich höher als im Frühjahr 2015, 2018 sowie 2021, schreibt die Behörde.

Seit dem 5. April nimmt der Füllstand laut einer Übersicht der europäischen Speicherbetreiber kontinuierlich zu. Zum Vergleich: Am 18. März waren die Speicher zu 24,2 Prozent gefüllt, der niedrigste Wert des Winters 2021/22.

»Die Gasversorgung in Deutschland ist stabil«, meldete die Bundesnetzagentur weiter. Die Gasnetzbetreiber hätten keine besonderen Vorkommnisse gemeldet. Es seien keine Beeinträchtigungen der Gaslieferungen nach Deutschland zu verzeichnen.

»In polnischen Wohnungen wird es keine Gasengpässe geben«

Auch der Bevollmächtigte der polnischen Regierung für strategische Energieinfrastruktur, Piotr Naimski, versicherte, dass nach Deutschland weiter Gas über Nord Stream 1 fließe.

Die Versorgungssicherheit in Deutschland sei derzeit weiter gewährleistet, sagte eine Sprecherin von Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) am Dienstagabend. »Wir beobachten die Lage genau.«

Polens Klimaministerin Anna Moskwa erklärte, die Auswirkungen des Lieferstopps auf Polen seien gering. Seit den ersten Tagen des Ukrainekrieges habe die Regierung in Warschau erklärt, dass das Land für eine vollständige Unabhängigkeit von russischen Rohstoffen bereit sei. »In polnischen Wohnungen wird es keine Gasengpässe geben«, sagte Moskwa.

Polen verfüge über die »notwendigen Gasreserven und Versorgungsquellen, um unsere Sicherheit zu schützen«. Regierungschef Mateusz Morawiecki betonte, die Gasspeicher in Polen seien zu 76 Prozent gefüllt. Polen sei bereit, »Gas aus allen möglichen anderen Richtungen zu beziehen«.

Der russische Staatskonzern Gazprom hat am Dienstag angekündigt, ab Mittwoch auch seine Gaslieferungen nach Bulgarien zu stoppen. Das Land ist bei einem Jahresverbrauch von rund drei Milliarden Kubikmeter Gas fast vollständig von Russland abhängig.

Das Balkanland erhält nur geringe Mengen aus Aserbaidschan. Es hofft darauf, diese Lieferungen nach der Fertigstellung einer wichtigen Pipelineverbindung zum benachbarten Griechenland noch in diesem Jahr zu erhöhen. Ein langfristiger Liefervertrag mit Gazprom läuft Ende dieses Jahres aus.

Man habe Schritte zur alternativen Gasversorgung unternommen, teilte das Energieministerium in Sofia mit. Vorerst sei keine Begrenzung des Gasverbrauchs notwendig.

Bulgarien habe seine Verpflichtungen »vollkommen erfüllt« und alle Zahlungen für russisches Gas »rechtzeitig und strikt« getätigt, die der laufende Vertrag erfordert, heißt es in der Mitteilung weiter.

Bulgarien beugte sich offenbar Putins Forderung nicht

Ein örtliches Onlineportal hatte berichtet, dass die Gaszahlung für Mai auf die bisher übliche Weise erfolgt sei, und nicht wie von Gazprom gefordert, über zwei neu eröffnete Konten bei der Gazprom-Bank – in Dollar und in Rubel. Auch Polen will Erdgas nicht wie von Russland gefordert über diese Kontenlösung in Rubel bezahlen.

Ende März hatte Kremlchef Wladimir Putin gefordert, dass mit Wirkung zum 1. April westliche Staaten Konten bei der Gazprom-Bank eröffnen müssten, um russische Gaslieferungen in Rubel zu bezahlen. Andernfalls würden diese für die »unfreundlichen« Länder eingestellt.

Westliche Staaten wiesen die Forderung zurück und pochen auf die Einhaltung der Verträge mit Russland, die Zahlungen für die russischen Gaslieferungen ausschließlich in Euro oder Dollar vorsehen.

Wegen des Kriegs in der Ukraine wird in der EU derzeit heftig über mögliche Energiesanktionen gegen Russland debattiert. Anfang August tritt in der EU ein Kohleembargo gegen Russland in Kraft. Einige EU-Mitgliedstaaten fordern eine Ausweitung des Embargos auch auf russisches Öl und Gas.

Deutschland will schnell auf russisches Öl verzichten

Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) sagte am Dienstag bei einem Besuch in Warschau, er gehe davon aus, dass Deutschland die Unabhängigkeit von Öllieferungen aus Russland erreichen könne. Deutschland sei »einer Unabhängigkeit von russischen Ölimporten sehr, sehr nahegekommen«, sagte Habeck.

Auch »bei Gas sind wir mit Hochdruck daran, die hohe Abhängigkeit, die Deutschland hier hatte und die ein Fehler war, zu überwinden«, sagte der Wirtschaftsminister. Er kündigte eine enge Zusammenarbeit im Energiebereich mit Polen an.

mmq/Reuters/dpa/AFP