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Arbeitslose Soviel Elend

Ein Verein verspricht Arbeitslosen goldene Zeiten. Er will die Differenz zwischen dem letzten Lohn und dem Arbeitslosengeld zahlen.
aus DER SPIEGEL 5/1995

Etwas mitleidig sah Rudolf Harlos den Mann an, der ihm im Frankfurter Queens Hotel erzählte, er komme als selbständiger Außendienstler auf 20 000 Mark im Monat. »Bei uns«, lockte Harlos, »können Sie 150 000 im Monat verdienen.«

Für gutes Geld, so versprach Harlos den Zuhörern im Queens Hotel, sollten seine Helfer ein gutes Werk tun: Arbeitnehmer, die ihren Job verlieren, finanziell voll absichern.

Vom nächsten Monat an will Harlos mit seinen Verkaufstruppen etwas ganz Neues unters Volk bringen, »einmalig in Deutschland«. Für ein paar hundert Mark pro Jahr - zehn Prozent eines Monats-Nettoeinkommens, mindestens 400 Mark - können Arbeitnehmer Mitglied in einem spendierfreudigen Verein werden, der Arbeitslosen ein sorgenfreies Leben verspricht.

Die »Aktion Gemeinnützige Fördervereinigung e.V. Verein für nicht rückzahlbare Finanzleistungen« (AGF) offeriert den vielen Millionen Deutschen, die um ihren Arbeitsplatz bangen, eine scheinbar traumhafte Absicherung vor finanzieller Not.

Einem Empfänger von Arbeitslosengeld fehlt rund ein Drittel seines früheren Einkommens - wer nur die Arbeitslosenhilfe bezieht, ist noch schlechter dran. Die AGF verspricht, die Differenz zwischen der staatlichen Stütze und dem früheren Nettoeinkommen auszugleichen. »Es gibt soviel Elend hier«, barmte der AGF-Vorsitzende Günter Bongartz aus Übach-Palenberg bei Aachen.

Während seriöse Unternehmen wie die Allianz die Risiken einer zusätzlichen Arbeitslosenversicherung für »nicht kalkulierbar« halten, verweist AGF-Chef Bongartz auf das Gutachten eines Versicherungsmathematikers, der ihm alles genau ausgerechnet habe.

Den Namen des Rechenkünstlers verrät Bongartz nicht, auch nicht den des »Gedankengebers«, der auf die Idee kam, einen gemeinnützigen Verein zu gründen: »Darüber wurde strengstes Stillschweigen vereinbart.«

Einer der »Gedankengeber« war Friedhelm Holtkamp, früherer Verkäufer von Bausparverträgen. Sein Wahlspruch: »Sie haben es dann geschafft, wenn Sie mehr Geld haben, als Sie ausgeben können.«

Der gemeinnützige Verein könnte ihn und seine Partner diesem Ziel schnell nahebringen. Vereinsvorstand Bongartz sowie seine beiden Stellvertreter, Friedhelm Krüppel und Hans-Albert Ohnesorge, sind bewährte Vertriebsprofis, die wissen, wie Lebensversicherungen oder Investmentfonds, Sparverträge oder Immobilien zu verkaufen sind.

Der »Vereinszweck, Mitmenschen, die durch unverschuldete Arbeitslosigkeit in wirtschaftliche Not geraten sind, durch nicht rückzahlbare Finanzleistungen zu unterstützen«, klingt edel. Doch die AGF verfolgt noch ein weiteres Ziel: über einen außenstehenden Vertrieb Mitgliedschaften profitabel zu verkaufen.

Von Anfang an war klar, daß AGF-Mitglieder über einen Strukturvertrieb gekeilt werden sollten. Den organisiert Rudolf Harlos, ein ehemaliger Mitarbeiter der Vertriebsfirma AWD, die für beinharte Verkaufsmethoden berühmt ist.

In dem neunstufigen Vertrieb von Harlos + Partner verdient der Klinkenputzer auf der untersten Stufe 125 Mark für jedes angeworbene Mitglied, das dann 713 Mark Aufnahmegebühr zahlen muß. Der größte Teil der Einnahmen geht an die höheren Ränge der pyramidenförmig aufgebauten Organisation.

Wenn der Drücker so viele Mitglieder gekeilt hat, daß diese wiederum andere Mitglieder werben, steigt er in der Hierarchie auf. Das kann bei neuen Strukturvertrieben, die ein neuartiges Produkt verkaufen, mitunter sehr schnell gehen.

Schon auf Stufe fünf - Regionalgeschäftsstelle - verdient ein Verkäufer von AGF-Mitgliedschaften laut »Karriereplan« mehr als 30 000 Mark pro Monat. Dann geht es weiter mit 90 000 Mark, Stufe sieben bringt 270 000 Mark, und ganz oben an der Pyramide stehen die Landesdirektoren mit über 800 000 Mark, über ihnen der Direktor mit 1,2 Millionen pro Monat. Aber die höchstdotierten Stufen, so ist zu vermuten, sind bereits besetzt.

Bei Strukturvertrieben ist in den oberen Rängen sehr viel Geld zu verdienen - vorausgesetzt, die Verkäufer in den unteren Ebenen schaffen ordentlich ran. Schon 200 000 Mitglieder spülen dem Vertrieb über 140 Millionen Mark in die Kasse. Die Furcht vor Arbeitslosigkeit wird der AGF wohl viele Mitglieder zutreiben; schließlich seien die Leistungen des Vereins, so der Vorsitzende Bongartz, »ein Produkt, das im Markt gefragt ist«.

Doch der Traum von der Arbeitslosigkeit bei vollem Lohnausgleich geht nur dann in Erfüllung, wenn von allen Vereinsmitgliedern nur ganz wenige ihren Job verlieren. Sonst ist nämlich nicht genug Geld auf dem Treuhandkonto der AGF bei der Deutschen Bank Übach-Palenberg.

Und wo kein Geld da ist, kann kein Geld verteilt werden. So steht's auch im Kleingedruckten: »Die Leistungen des Vereins werden aus jeweils vorhandenem Vereinsvermögen und Spenden geleistet.« Y

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