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Medien Soviel Falsches

Die Geschichte des verstorbenen Verlegers Robert Maxwell wird immer mehr zum Schurkenstück. Jetzt wurden seine Söhne verhaftet.
aus DER SPIEGEL 26/1992

Pandora Maxwell reagierte wütend auf das stürmische Klingeln an ihrer Haustür im feinen Londoner Stadtteil Chelsea. »Verpißt euch«, zischte sie durch den Türspalt, »oder ich rufe die Polizei.«

Das war nicht nötig. Die vermeintlichen Journalisten zückten ihre Kripoausweise. »Wir sind bereits da, Madam.«

Minuten später wurde Ehemann Kevin vom Frühstückstisch weg abgeführt. Zur gleichen Zeit verhafteten Beamte Ihrer Majestät in der Londoner City auch Kevins Bruder Ian Maxwell und den Amerikaner Larry Trachtenberg.

Die Festnahmen am Donnerstag vergangener Woche kamen plötzlich, aber nicht überraschend. Die beiden Söhne des im November vergangenen Jahres unter mysteriösen Umständen gestorbenen Medientycoons Robert Maxwell und ihr Freund stehen im Verdacht, bis zu 140 Millionen Pfund (etwa 410 Millionen _(* 1987 auf seiner Luxusjacht »Lady ) _(Ghislaine«. ) Mark) ins Ausland verschoben und versteckt zu haben.

15 Punkte umfaßt die Anklageschrift gegen Kevin Maxwell, 33, und seinen drei Jahre älteren Bruder. Sie sollen unter anderem Aktienpakete verkauft haben, die bereits als Sicherheit für Banckredite abgetreten waren. Selbst schlichter Diebstahl wird den Erben des zerbrechenden Familienunternehmens vorgeworfen.

Ein Teil der gesuchten Millionen stammt womöglich aus Pensionskassen etlicher Maxwell-Firmen. Tausende ehemaliger Verlagsangestellter, Drucker und Redakteure stehen vor dem Ruin. Im Juli müssen die Betriebsrenten um 70 Prozent gekürzt werden, die Kassen sind geplündert. Aber wo steckt das Geld der Maxwell-Mitarbeiter?

Seit Wochen empört der Fall die britische Öffentlichkeit. Tag für Tag, Stück für Stück enttarnen Londoner Zeitungen, vom Boulevardblatt Sun bis zur seriösen Financial Times, die Maxwells als ordinären Gangsterclan.

Das Maxwell-Debakel begann im November vergangenen Jahres. Während einer Kreuzfahrt bei den Kanarischen Inseln ging Robert Maxwell, damals 68, über Bord seiner Luxusjacht »Lady Ghislaine«. Am Tag darauf wurde seine Leiche geborgen. Bis heute wird spekuliert, ob der schon immer umstrittene Multiverleger Selbstmord beging, ob es Mord war oder ein schlichter Unfall.

Gründe, freiwillig aus dem Leben zu scheiden, gab es genug. Schon wenige Tage nach seinem Tod wurde deutlich, daß Maxwells weltweites Imperium mit Hunderten von Verlagen, Firmen und Beteiligungen in Großbritannien, den USA oder Deutschland (Berliner Verlag) vor dem Kollaps stand.

Die Höhe der Schulden, das allerdings wird erst jetzt immer deutlicher, übersteigt den Restwert der Maxwell-Unternehmen bei weitem. Nach Berechnungen der als Zwangsverwalter eingesetzten Wirtschaftsprüfer Price Waterhouse vom Mai dieses Jahres werden die internationalen Banken wohl den größten Teil der rund drei Milliarden Mark ungesicherter Maxwell-Kredite abschreiben müssen. Auf mehr als sechs Milliarden Mark werden inzwischen die Gesamtschulden geschätzt.

Mit üblicher Diskretion versuchen die Geldhäuser zu retten, was für sie noch zu retten ist. Eilige Firmenverkäufe decken jedoch bislang nicht einmal die Zinsen.

Schlimmer noch geht es den 32 000 Rentnern und Mitarbeitern der Maxwell-Firmen. Der Tycoon hatte vor seinem Tod in aller Heimlichkeit die Pensionsfonds geplündert. Der Griff in die Kassen wurde erst spät aufgedeckt. Rund zwei Milliarden Mark sollten auf den Konten liegen, mehr als die Hälfte der Altersversorgung ist verschwunden.

In Protestmärschen zogen die Geprellten vor das Londoner Unterhaus, sie forderten das Eingreifen der britischen Regierung. Viel mehr als verbalen Zuspruch allerdings gab es bisher nicht.

»Kaum ein Betrug ist so feige und verabscheuungswürdig«, so etwa der konservative Sozialminister Peter Lilley, »wie die Plünderung der Pensionsfonds.«

Die Empörung der Regierung kommt reichlich spät. Schon lange vor dem Wassertod des schillernden Großverlegers hatten staatliche Stellen Hinweise auf mögliche Betrügereien bekommen. Maxwell aber blieb unbehelligt.

Staatlich eingesetzte Zwangsverwalter haben jetzt alle Mühe, den Wust der unzähligen Maxwell-Firmen zu durchdringen. Die sind auf wohl einmalig verwirrende Weise miteinander verflochten.

Nicht viel leichter ist das Geschäft der Liquidatoren, die versuchen, dubiosen Geldströmen nachzugehen. Auf geheimnisvollem Wege sind aus börsennotierten Unternehmen wie der vor allem in den USA tätigen Maxwell Communication Corporation und der Londoner Mirror Group Newspapers zu Maxwells Lebzeiten (und möglicherweise auch danach) riesige Summen in private Firmen und Stiftungen der Familie geflossen.

Da führen Spuren zur Volksbank in die Schweiz und nach Liechtenstein. Dort vor allem scheint Maxwell für schlechte Tage und zur Absicherung der Familie geheime Geldnester angelegt zu haben.

Liechtenstein etwa ist Sitz der Maxwell Foundation. Offiziell sollte die Stiftung schon zu Lebzeiten des Multiverlegers _(* Nach ihrer Verhaftung am Donnerstag ) _(vergangener Woche in London. ) der Aidsforschung dienen und der Versöhnung von Juden und Arabern.

Den edlen Zwecken jedoch ist nur selten Geld zugeflossen. Im Gegenteil: Von Liechtenstein aus stützte Maxwell vor allem in den Monaten vor seinem Tod die Aktienkurse seiner Unternehmen, er finanzierte kostspielige Firmenkäufe, Industriebeteiligungen und Zeitungsgründungen wie das inzwischen verkaufte Wochenblatt The European.

Maxwells Familie, Witwe Elisabeth und sieben Kinder, blieben nach Vaters Ableben unbehelligt. Viele Briten zeigten gar Verständnis für die trauernden Hinterbliebenen. Wie konnte der Alte den Seinen nur so etwas antun?

Vom Mitgefühl ist nicht viel geblieben. Die Verhaftung der beiden Brüder am vergangenen Donnerstag geriet in London zum Medienspektakel. Die Querelen um Lady Di und Prinz Charles scheinen langweilig verglichen mit dem kriminellen Volksstück der Maxwells.

Die Details, die nun bekannt werden, ergeben in der Tat ein burleskes Schurkenstück mit Kevin und Ian in den Hauptrollen und etlichen Maxwell-Managern, Anwälten und Firmen als Beiwerk. Und immer geht es um Millionen.

Während etwa Zwangsverwalter mühsam Unternehmen und Bilanzen prüften, drehte Kevin als Direktor einer familieneigenen Firma für Computerspiele namens Sphere das große Rad. Da flossen etwa 41 Millionen Mark unbekannter Herkunft von Sphere über die ebenfalls zu Maxwell gehörende und im US-Staat Delaware registrierte Firma PH US (genannt Phusi) Richtung Liechtenstein zur Maxwell-Foundation.

Auf die Konten im fürstlichen Steuerparadies nämlich, wo auch mehr als 300 Millionen Mark lagern sollen, haben britische Behörden keinen Zugriff. Auch in dem von Maxwell kontrollierten Fußballklub Oxford United sollen von den Söhnen 5,5 Millionen Mark deponiert worden sein.

Weitere 1,2 Milliarden Mark aus dem Privatvermögen sind auf Londoner Konten eingefroren. Lediglich 6000 Mark darf Kevin für den Lebensunterhalt der Familie pro Monat abheben.

Die Suche nach dem großen Geld geht weiter. In Liechtenstein will Werner Keicher, Anwalt der Maxwell-Foundation, jetzt sein Schweigen brechen und mit den britischen Geldfahndern zusammenarbeiten. Keicher gilt als zentrale Figur bei den Maxwellschen Geldtransfers. Es sei, klagt Keicher, »soviel Falsches« über das Maxwell-Vermögen berichtet worden, daß es an der Zeit sei zu reden.

Die Maxwell-Brüder und Komplize Trachtenberg sind inzwischen wieder auf freiem Fuß - gegen eine Gesamtkaution von 3,1 Millionen Mark. Der Prozeß gegen das Trio soll beginnen. Hauptangeklagter Kevin Maxwell muß mit einer Haftstrafe von mehr als zehn Jahren rechnen.

Doch Kevin gibt sich schon jetzt siegessicher. »Nach den vielen Gerüchten und Unterstellungen«, so der Erbe vergangenen Freitag, »bin ich froh, mich vor einem öffentlichen Gericht verteidigen zu können.«

Der Ausverkauf des väterlichen Nachlasses geht derweil weiter. Zum Verkauf steht die »Lady Ghislaine«, die Todesjacht Robert Maxwells.

* 1987 auf seiner Luxusjacht »Lady Ghislaine«.* Nach ihrer Verhaftung am Donnerstag vergangener Woche in London.

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