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11 entscheidende Minuten 2011 Europas längste Nacht

In der Nacht auf den 22. Juni 2011 kommt es in Athen zum Showdown: Der griechische Premier Papandreou verknüpft seinen Sparkurs mit einer Vertrauensabstimmung im Parlament. Europa fürchtet, dass die Schuldenkrise endgültig unkontrollierbar wird - und sieht zum letzten Mal zu.

Sie sollen sich schämen, die Vertreter des griechischen Volkes. Deshalb werden ihre Namen per Megafon in die Menge gerufen. Jede Ja-Stimme erntet neuen Protest. Und sie sollen sich wohl auch fürchten. Deshalb haben die Demonstranten nicht nur Plakate mitgebracht. Sondern auch einen Galgen.

In der Nacht vom 21. auf den 22. Juni 2011 stellt sich Ministerpräsident Georgios Papandreou im Parlament einer Vertrauensabstimmung. Auf das Ergebnis wartet nicht nur Griechenland gebannt. Deutsche Zeitungen schreiben vom "Schicksalstag für Europa" oder der "Nacht der Entscheidung". Sollte Papandreou scheitern, warnt die "Welt", "droht Europa Chaos".

Der Grund für die Sorge: Wenige Tage später will Papandreou ein neues Sparpaket absegnen lassen. Seine europäischen Amtskollegen haben das zur Bedingung für weitere Finanzhilfen gemacht. Ohne die Überweisung, heißt es, wäre das Land im Juli zahlungsunfähig - die Euro-Zone hätte ihre erste Staatspleite.

"Griechenland wird das tun, was zu tun ist", sagt Euro-Gruppen-Chef Jean-Claude Juncker beschwörend.

Aber was ist zu tun?

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Finanzkrise 2011: Europas Jahr der Abwehrkämpfe

Foto: Virginia Mayo/ AP

Die Demonstranten haben eine andere Antwort als Papandreou. Ein Jahr nachdem Griechenland sich unter den Euro-Rettungsschirm flüchtete, unterstützen nur noch 37 Prozent der Griechen den Sparkurs des Premiers. Die Bürger treffen immer neue Steuererhöhungen und Kürzungen. Ihr Lebensstandard, das zeigen am Abstimmungstag neue Zahlen, ist 2010 so stark gesunken wie in keinem anderen EU-Land.

"Wir wollen keine Ruinen regieren"

"Wir wollen morgen keine Ruinen regieren", sagt Oppositionsführer Antonis Samaras, als er für die Abstimmung ein Nein ankündigt. Dabei hat seine Nea Dimokratia Griechenland ebenso in die Krise regiert wie Papandreous Sozialisten. Im Ausland sorgt Samaras' Verhalten für Empörung. Der schwedische Finanzminister, selbst ein Konservativer, nennt es "kriminell".

Deutlich wie nie zuvor bekommt die Welt in dieser Nacht einen Geburtsfehler der Euro-Zone vorgeführt: Innerhalb eines knappen Jahrzehnts ist sie zur Schicksalsgemeinschaft geworden, in der plötzlich alle von einem einzelnen Land abhängen können. Doch die politischen Mechanismen haben sich nicht mitentwickelt. Weiterhin gibt es 17 Regierungen, die ihre Entscheidungen zu Hause durchsetzen müssen. Für die Demokratie, bekanntlich eine griechische Erfindung, ist das wichtig. An den hypernervösen Märkten aber ist es Gift.


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Noch etwas zeigt diese Nacht: Dem Kontinent fehlt bis heute die oft beschworene "europäische Öffentlichkeit" - eine grenzüberschreitende Diskussion der Bürger Europas. Deshalb ist das Ausland für die griechischen Demonstranten nicht mehr als ein Spardiktator. Merkel und Sarkozy reimen sie auf "Nazi" und halten ein Hakenkreuz aus Europa-Sternen in die Kameras. Dass hinter den Auflagen aus Berlin und Paris auch Angst um die eigene Zukunft steckt, sehen sie nicht.

Auch umgekehrt ist das Verständnis begrenzt. Die "Bild"-Zeitung fragt am Tag vor der Abstimmung: "Für die Griechen ist Geld da, wann gibt's mal was für mich?"

Für die Griechen sei eben kein Geld da, sagt Dimitris bitter. Mit einem Freund steht der 26-Jährige vor dem Parlament, wie viele hat er einen Laserpointer auf das Gebäude gerichtet. "Die Finanzhilfen gehen direkt an die Banken", klagt der Student.

Aber bei den Banken hat sich Griechenland nun mal verschuldet. Will Dimitris den Staatsbankrott, ist ihm die EU egal? Nein, sagt er. "Die Menschen in Europa wollen vereinigt sein. Aber nicht auf diese Weise."

Abgang unter Polizeischutz

Unermüdlich buhen Dimitris und die anderen jeden einzelnen Ja-Sager im Parlament aus. Schließlich, um 1:04 Uhr, ist es vorbei: Die Fraktion hat Papandreou die Treue gehalten. Doch Premier und Abgeordnete müssen das Parlament unter Polizeischutz verlassen, draußen tobt der Volkszorn. Der harte Sparkurs, auch das sieht die Welt in dieser Nacht, wird für Griechenlands Regierung immer mehr zum Kampf gegen die eigene Bevölkerung.

Vielleicht reift in Papandreou schon in dieser Nacht ein Plan, mit dem er Europa vier Monate später ein letztes Mal in Aufregung versetzt. Gerade hat die EU einen Schuldenschnitt für Griechenland beschlossen, da kündigt der Premier völlig überraschend an, er wolle die Bürger zur Umschuldung befragen. Vielleicht hofft er wirklich, verlorenes Vertrauen zurückzugewinnen. Vielleicht will er zumindest zeigen, dass er nicht ist, wofür ihn die Demonstranten halten: ein Befehlsempfänger von EU, USA und Weltwährungsfonds.

Doch diesmal will der Rest Europas nicht mehr nur zuschauen, zu groß ist die Angst vor einem neuen Börsenbeben: Deutschland und Frankreich lassen die Hilfen für Griechenland einfrieren, bei einem Treffen mit Angela Merkel und Nicolas Sarkozy wird Papandreou bearbeitet, bis er das Referendum wieder absagt. Ein letztes Mal spricht ihm das Parlament das Vertrauen aus, dann macht er Platz für eine Einheitsregierung .

Papandreou endet wie seine sozialistischen Amtskollegen Zapatero in Spanien und Sócrates in Portugal: aufgerieben zwischen dem Spardruck des Auslands und der Märkte und dem Widerstand von Bevölkerung und Opposition.

Ein kleiner nachträglicher Sieg aber ist ihm vergönnt: Nach seinem Abgang erhöhen die Geldgeber noch den Druck, die gesamte griechische Führungsschicht soll nun die Einschnitte mittragen. Und tatsächlich: Ende November bekennt sich Papandreous alter Widersacher Samaras erstmals zum Sparkurs.

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