Thomas Fricke

Euro-Crash, Hyperinflation und Co. Acht Katastrophen, die 2021 ausbleiben

Thomas Fricke
Eine Kolumne von Thomas Fricke
Eine Kolumne von Thomas Fricke
Dass die Coronakrise nicht zu enden scheint, lässt am Prinzip Hoffnung zweifeln. Umso besser, dass wir schon wissen, welche Katastrophen 2021 nicht eintreten werden: von der Staatspleite bis zur »Querdenker«-Machtübernahme.
Katastrophenwarnung: Ein doch recht gutes Jahr zeichnet sich ab

Katastrophenwarnung: Ein doch recht gutes Jahr zeichnet sich ab

Foto: DNY59 / E+ / Getty Images

Eins scheint dieses Corona -Jahr irgendwie hinterlassen zu haben: jenes Gefühl, dass es immer noch schlimmer kommen kann. Erst war es nur ein lokaler Schnupfen. Dann folgten Epidemie und Pandemie. Erste und zweite und gelegentlich sogar die dritte Welle. Lockdown eins, zwei, drei. In Endlosschleife. Weil die vorigen nicht reichten. Und: Als Impfstofferfolge Hoffnung nährten, kam die Mutation.

Alles von vorn? Krise in Endlosschleife? Es scheint gerade Hochzeit für Katastrophenpropheten zu sein. Und für solche, die diffuse Ängste und unser angeknackstes Urvertrauen nutzen. Was kommt als Nächstes? Schuldenkollaps, Hyperinflation, Euro-Aus oder Friedrich Merz? Höchste Zeit auszusortieren, welche der hierzulande populären Ängste im neuen Jahr definitiv unberechtigt sind. Kleiner Anti-Depressiv-Service zum Jahresstart.

Hier sind die acht Katastrophen, die angeblich drohen – aber definitiv nicht eintreten werden:

1. Wir kriegen Hyperinflation

– das ist, wenn die Preise rasant steigen und alles verfällt. Was nach Prophezeiung von Absturzpropheten nicht auszuschließen scheint. Wobei man dazu sagen muss, dass diese Sorte Propheten eigentlich seit Jahren mit allen möglichen Inflationsprophezeiungen danebenliegt. Was auch jetzt der Fall sein dürfte. Die letzte Hyperinflation bei uns ist hundert Jahre her, folgte einem Weltkrieg. Im Moment steigen die Preise gar nicht, der Druck geht seit Jahren eher zur De- als zur Inflation. Zwar dürfte bei erfolgreicher Überwindung der Coronakrise viel gekauft werden, was hier und da die Händler dazu verleiten könnte, die Preise anzuheben. Nur ist das ja noch keine Hyperinflation, sondern relativ normal. Und die Erhöhung der Mehrwertsteuer dürfte zur Hyperinflation auch nicht reichen – dadurch werden die Preise im Schnitt um ein paar Zehntel steigen.

2. Deutschland geht pleite

– in ökonomischen Aluhutkreisen fast so beliebt wie die Sorge vor der Hyperinflation und ähnlich abwegig. Klar hat die Regierung viele Schulden aufnehmen müssen, um die wirtschaftlichen Folgen der Pandemie aufzufangen, Betriebe zu retten, für Nachfrage zu sorgen und zu investieren. Gemessen an der historischen Aufgabe ist das daraus resultierende Jahresstaatsdefizit von sechs Prozent der Wirtschaftsleistung nur eher profan. In den USA und Großbritannien liegt es weit mehr als doppelt so hoch. Zumal allein der automatische Wegfall vieler Hilfen nach Ende der Pandemie zu einem ebenso automatischen Rückgang der Fehlbeträge führen wird. Schon nächstes Jahr dürfte das Defizit bei uns wieder unter der Maastricht-Grenze von drei Prozent liegen – selbst wenn bis dahin nicht zusätzlich gespart wird (was es auch am besten nicht sollte). Die Staatsschulden liegen mit rund 70 Prozent im internationalen Vergleich sowieso niedrig. Dass der Finanzminister keine Käufer mehr für deutsche Staatsanleihen findet – also Pleite anmelden müsste – ist ohnehin ein grotesker Gedanke: Anleger schlagen sich seit Ausbruch der Pandemie eher noch mehr als vorher darum, unsere Staatsanleihen zu kaufen – sie sind sogar bereit, darauf Gebühren in Form von Negativzinsen zu zahlen.

3. Der Euro implodiert

– »Warum Angst davor?«, werden manche jetzt fragen, die bei dem Gedanken immer noch feuchte Augen bekommen, die gute alte Mark wiederzubeleben – und den Euro endlich scheitern zu sehen. Pech. Die Chancen stehen auch 2021 schlecht, vielleicht sogar schlechter denn je. Weil die Euro-Notenbank jetzt mehrfach klargestellt hat, dass sie wie jede vernünftige Zentralbank alles tun wird, so eine Katastrophe zu verhindern – zuletzt als im Frühjahr 2020 Anleger gegen italienische Staatsanleihen zu wetten begannen. Weil selbst die Regierung in Deutschland mittlerweile eingesehen hat, dass es im eigenen Interesse ist, andere zu unterstützen und dafür auch gemeinsam Anleihen aufzunehmen, wie das im Sommer angestoßen wurde. Und weil nach Umfragen die Italiener gar nicht (mehr) austreten wollen, wenn sie in das Bewusstsein versetzt werden, was das für ihren Wohlstand bedeutete. Und auch die Deutschen lieber helfen, als mit den wirtschaftlichen Folgen eines Währungsdebakels auskommen zu müssen.

4. Der Kommunismus kehrt zurück

ebenfalls 2020 ganz oben auf die Angst-Beliebtheitsliste alt-liberaler Ökonomiedenker gerückt. Weil die Bundesregierung so viel interveniert hat und bei Corona-gebeutelten Konzernen eingestiegen ist. Nur ist das jetzt natürlich noch nicht das Ende des Kapitalismus. Zumal wenn sich das meiste Geld im Land über den Kauf von Aktien machen lässt – und der Aktienindex inmitten der Corona-Katastrophe neue Rekorde erreicht hat. Die Staatsausgabenquote dürfte zwar 2020 leicht über 50 Prozent gestiegen sein. Nur liegt das eher daran, dass so viel geholfen wurde – während das Bruttoinlandsprodukt sank. Was sich beides jetzt umkehrt. Nächstes Jahr wird die Rate nach gängigen Prognosen wieder etwa da sein, wo sie vorher war. Das ist noch nicht wirklich Kommunismus. Es wird eben fast überall auf der Welt wieder darüber nachgedacht, was nach etlichen Jahren der Globalisierungs- und Deregulierungseuphorie besser wieder reguliert und kontrolliert werden sollte. Ob die Versorgung mit dringenden medizinischen Instrumenten – oder die Bezahlung von Leuten, die wir für den Erhalt des (grundkapitalistischen) Systems brauchen. In den nordischen Ländern spielt der Staat übrigens seit Langem eine viel aktivere Rolle – kein Kommunismus. Die Leute scheinen das sogar gut zu finden, wie Glücksranglisten immer wieder zeigen. Grusel-Fact für Betuchte: Es gab in den hochkapitalistischen USA auch mal 90 Prozent Spitzenbesteuerung.

5. Querdenker übernehmen die Macht

war blöd, als da ein paar Typen auf die Treppen des Reichstags stiegen. Und irgendwie gruselig, was da im Corona-Jahr alles an Verschwörungstheorien kursierte – und wie egal denen das Tragen von Masken ist. Trotzdem ziemlich unwahrscheinlich, dass die bei den Wahlen 2021 aufs Siegertreppchen kommen, wir danach alle keine Masken mehr tragen dürfen und Impfen verboten wird. Anders als es die vielen Bilder von wütenden Menschen suggerieren, vertreten die Hildmanns und Co. doch offenbar nur eine relativ kleine Minderheit im Land. Nach Umfragen wollte Ende des Jahres ja sogar ein nennenswerter Teil der Leute noch schärfere Kontaktbeschränkungen. Und bei lokalen Wahlen schnitten die selbst ernannten Querdenker mau ab – im einstelligen Prozentbereich. Das reicht für eine Machtübernahme selbst bei großzügiger Auslegung nicht. Entwarnung für alle anderen.

6. Jeff Bezos wird arm

– der Chef von Amazon beginnt ein Jahr 2021, in dem viele Menschen mangels Pandemiefortsetzung früher oder später wieder real einkaufen statt bei Amazon bestellen. Zumindest für ihn persönlich könnte das, vorsichtig ausgedrückt, eine Katastrophe sein. Immerhin hat Amazon 2020 so viel von Corona profitiert wie wahrscheinlich kein anderes Unternehmen. Und Bezos besitzt ein dreistelliges Milliardenvermögen; das dürfte nach aller Wahrscheinlichkeit für ein recht angenehmes Alter reichen. Dass der Mann nach der Coronakrise wegen nachlassender Umsätze sozial abstürzt, ist auch deshalb in etwa so unwahrscheinlich, wie dass 2021 in Deutschland plötzlich jene 40 Prozent der Bevölkerung reich werden, die bisher so gut wie gar keine Vermögen haben. Zumal geschätzte bis zu 40 Prozent der Vermögen durch Vererben zustande kommen, also recht unabhängig von Leistungsschwankungen seitens der Beerbten. Da ist das Risiko auch künftig gering, dass es plötzlich zu bruchartigen Verschiebungen der Verhältnisse im Land kommt. Das wird auch nicht viel anders, wenn Olaf Scholz doch noch Kanzler wird – und wieder eine kleine Vermögensteuer einführt: Da müsste schon viel mehr passieren.

7. Friedrich Merz wird Kanzler

– zugegeben, bei dem Punkt verlassen wir das Feld gesicherter Prognosen zugunsten eines Hauchs von Wunschdenken. Lässt sich ja selbst bei sehr wohlwollender Auslegung daran zweifeln, dass der Mann in die Zeit passt. Und weil Friedrich Merz zwar als Wirtschaftsfachmann gilt, das aber bisher politisch noch nicht so richtig unter Beweis gestellt hat. In seinem Buch von 2004 stand jedenfalls ziemlich viel, was nachher nicht eingetreten ist: dass Deutschland erst ganz viele Reformen braucht, um je wieder Erfolg zu haben – was blöd war, weil Deutschland danach tatsächlich viele Jahre Wirtschaftswachstum und fallende Arbeitslosigkeit hatte, nur halt ohne die Reformen, die Herr Merz dafür für nötig gehalten hatte. Von konservativem Wohlfühlgerede allein wird das Land ja nicht besser.

8. Das Klima gibt auf

– nach allen Projektionen seriöser Forscher haben wir zwar noch ein paar Jahre, bis es dann definitiv zu spät ist und die Wahrscheinlichkeit größerer Klimakatastrophen stark zunimmt. Da die Forscher das allerdings womöglich auch deshalb gelegentlich betonen, weil sie uns nicht völlig frustrieren und stattdessen bei Laune halten wollen, sollten wir uns darauf jetzt auch nicht verlassen. Kleinere Klimakatastrophen sind ohnehin mittlerweile jederzeit drin. Was dafür spricht, einfach jetzt noch viel mehr zu investieren in eine klimaneutrale Wirtschaft mit klimaneutralen Autos und so.

Selbst wenn es hier und da noch kleine Unsicherheiten hinsichtlich des Nichteintretens gibt: Wenn all diese Katastrophen nicht eintreten, zeichnet sich ein doch recht gutes Jahr ab. Grund genug, sich nicht mehr von den zähen Corona-Monaten herunterziehen zu lassen – sobald das Virus unseren Alltag nicht mehr von morgens bis abends bestimmt. Und das soll ja, hat Herr Drosten gesagt, im Laufe des Jahres irgendwann der Fall sein. Woran wir auch nicht zweifeln wollen.