28-Stunden-Woche Ökonomen stellen sich hinter IG-Metall-Forderung

Arbeitgeber schimpfen über eine "Stilllegeprämie" - dabei kann eine kürzere Arbeitszeit linken Wissenschaftlern zufolge sinnvoll sein. In einem Appell ist von einer "Entlastung des Arbeitsmarktes" die Rede.
IG-Metall-Protest in München

IG-Metall-Protest in München

Foto: Lino Mirgeler/ dpa

In der Elektro- und Metallindustrie kämpft die Gewerkschaft derzeit für eine Regel, wonach jeder Beschäftigte seine Stundenzahl befristet für einen Zeitraum von bis zu zwei Jahren auf 28 reduzieren darf. Schichtarbeiter, Eltern kleiner Kinder sowie Beschäftigte, die zu Hause Angehörige pflegen, sollen ihren Lohn zum Teil weiterbekommen.

Eine ganze Reihe von Wirtschaftsexperten und Geisteswissenschaftlern hat sich in einem öffentlichen Aufruf nun hinter diese Forderung der IG Metall gestellt. Der Vorstoß sei nicht nur aus Gründen der Vereinbarkeit von Beruf und Familie vernünftig, heißt es in dem Papier, das die "Frankfurter Rundschau" veröffentlicht hat . "Sie kann auch zur Entlastung des Arbeitsmarktes beitragen."

Insgesamt haben 60 linksgerichtete Experten den Aufruf unterzeichnet, darunter der Armutsforscher Christoph Butterwegge, mehrere Soziologen und Ökonomen. Auch Kulturschaffende wie der Musiker Konstantin Wecker beteiligten sich.

Voller Lohnausgleich gefordert - Unternehmer hätten das Geld

Infolge von Digitalisierung und Produktivitätssteigerung drohe eine "neue Welle von Massenentlassungen", warnten die Unterzeichner. Insofern sei eine flächendeckende und dauerhafte Verkürzung der Regelarbeitszeit eine "sozial- wie arbeitsmarktpolitische Maßnahme ersten Ranges".

Die Arbeitgeber lehnen die Forderung bislang vollständig ab und sprechen von einer "Stilllegeprämie für Fachkräfte". Vor dem Frankfurter Arbeitsgericht klagen sie gegen die Streiks, da sie die Forderung für rechtswidrig halten. Arbeitsmarktforschern zufolge entspricht sie allerdings dem Zeitgeist.

In ihrem Aufruf konkretisieren die Wissenschaftler die Forderung. Jede Arbeitszeitreduzierung müsse an einen entsprechenden Personalausgleich gekoppelt werden, damit die Arbeitsbelastung für die Beschäftigten insgesamt nicht ansteige, heißt es. Außerdem müsse jede Arbeitszeitverkürzung mit einem vollen Lohnausgleich verbunden werden.

Den Unternehmen mangle es nicht an finanziellen Mitteln, "sie schwimmen sogar im Geld", heißt es. Allerdings werde das Geld zu Spekulationszwecken in den Finanzsektor investiert. Die Experten forderten die Bundesregierung und die Parteien dazu auf, die Initiative der IG Metall "uneingeschränkt zu unterstützen".

Der Tarifkonflikt in der Metall- und Elektroindustrie spitzt sich derweil immer weiter zu. Hunderttausende Menschen beteiligten sich in den vergangenen Tagen an Streiks. Unter anderem legte die Gewerkschaft Werke der Autoindustrie lahm.

Über eine mögliche Annäherung soll nun voraussichtlich nach dem Wochenende wieder verhandelt werden. So könnten laut IG Metall die Gespräche im Pilotbezirk Baden-Württemberg am Montag wieder aufgenommen werden. Bedingung dafür sei aber eine Bewegung von der Gegenseite, hieß es zuletzt.

apr/AFP
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