Treuhand-Historiker kritisiert Politik "Die bisherige Erzählung der Einheit ist fragwürdig"

Vor 30 Jahren fiel die Mauer, doch viele Bürger empfinden die ritualisierten Feierlichkeiten als seltsam entrückt von der Realität. Der Historiker Marcus Böick fordert einen neuen Blick auf die Wende - auch auf ihre Makel.
Die Mauer ist weg - oder doch nicht? Lichtobjekt "Vanished Berlin Wall" der koreanischen Künstlerin Eun Sok Lee am 8. November 2007

Die Mauer ist weg - oder doch nicht? Lichtobjekt "Vanished Berlin Wall" der koreanischen Künstlerin Eun Sok Lee am 8. November 2007

Foto: AP Herbert Knosowski

Die AfD eilt in Ostdeutschland von Erfolg zu Erfolg - und befeuert damit die Debatte, warum auch drei Jahrzehnte nach der Wiedervereinigung ein tiefer Bruch zwischen den "alten" und "neuen" Bundesländern verläuft, politisch, wirtschaftlich und kulturell.

Der Historiker Marcus Böick, 35, hat detailliert jenen Vorgang untersucht, der zwischen Ost und West vielleicht am umstrittensten war: die Arbeit der Treuhand, jener Anstalt, in der West-Manager ab 1990 vier Jahre lang die Transformation der DDR-Planwirtschaft vorantrieben.

Das Thema gärt in der Bevölkerung bis heute.

Wie sehr, das zeigen Forderungen der AfD im Bundestag nach einem Treuhand-Untersuchungsausschuss oder eine aktuelle Ausstellung in Leipzig, die Porträts und Gesprächsprotokolle von Zeitzeugen aus Betrieben präsentiert, als wären sie Überlebende eines Kriegs.

Historiker Marcus Böick

Historiker Marcus Böick

Foto: Patrick Slesiona

SPIEGEL: Herr Böick, die Treuhand hat gerade einmal vier Jahre lang existiert. Warum hat sie sich trotzdem im Osten so eingebrannt ins kollektive Gedächtnis?

Böick: Das ist ein fast schon mythischer Bezug. Die Treuhand war damals eine der mächtigsten Institutionen, die Ostdeutsche unmittelbar nach dem Ende der DDR kennengelernt haben. Und sie war eben auch eine der ersten Institutionen des neuen, gesamtdeutschen Staates. Und das just in dem Moment, als sich im Osten die Staatlichkeit ganz neu sortieren musste: die Verwaltung, die Hochschulen - nach dem Untergang des SED-Staates waren alle alten Institutionen ja praktisch diskreditiert.

SPIEGEL: Sie haben gesagt: Was in Ostdeutschland heute passiert, kann man nicht mehr mit der DDR erklären. Wie meinen Sie das?

Böick: Es werden noch immer große Förderprogramme zur DDR-Forschung aufgelegt, damit Doktoranden etwa den Unrechtsstaatscharakter des SED-Regimes herausarbeiten. Aber man kann die Phänomene im Osten heute nicht mehr ausschließlich mit der DDR-Vergangenheit erklären.

SPIEGEL: Mit der Treuhand schon?

Böick: Ich bin vor einigen Jahren gefragt worden: Trägt die Treuhand Mitschuld am Aufstieg der AfD? Ich habe das intuitiv erstmal verneint, aber inzwischen sehe ich das differenzierter. Wir reden hier über die langfristigen Erfahrungen der Nachwendegeneration - natürlich in Kombination mit der DDR-Erfahrung - und ich glaube: Gerade in dieser Kombination liegt vielleicht eine Erklärung. Die Treuhand ist schließlich ein zentraler Baustein dieser schockartigen Nachwendeerfahrungen. Die Menschen im Osten haben das Wirken der Treuhand oft als Herabsetzung empfunden. Es kamen Menschen aus Westdeutschland und nahmen im Osten das Heft in die Hand. Da reiste plötzlich einer aus Düsseldorf an und sagte: 'Euer Betrieb ist nichts mehr wert.' Das bleibt hängen.

SPIEGEL: Geht es nicht auch darum, dass viele Betroffene eine verständliche Erklärung suchen, warum sie Anfang der Neunzigerjahre so dramatisch auf die Nase gefallen sind - und finden sie in der Treuhand nicht den perfekten Sündenbock?

Böick: Es gibt zwei Deutungen dessen, was nach der Wende im Osten passiert ist, was also Ursache war für die Turbulenzen. Die einen sagen: An den Schocks und Erschütterungen sei letztlich ja die DDR selbst Schuld, das marode SED-Regime, seine Verbrechen und sein wirtschaftliches Unvermögen. Aus diesem Blickwinkel ist alles, was danach kam, nur notwendiges Krisenmanagement, um die Trümmer des Sozialismus wegzuräumen. Diese Sichtweise ist die klassische rechtskonservative Sichtweise der alten Bundesrepublik. Das zweite Lager hingegen sieht in der Treuhand die eiskalte Vorhut des Neoliberalismus: Das sind die kalten Abwickler, die rücksichtslos alles geschleift haben, was nicht ins kapitalistische "Schema F" passte. Nach dieser Sichtweise hat vor allem die Treuhand die Arbeitslosigkeit verursacht und im Interesse westlicher Kapital-Eigentümer agiert. Da sei es auch darum gegangen, der West-Industrie unliebsame Ostkonkurrenz aus dem Weg zu räumen. Die Sichtweise ist im Osten weit verbreitet.

SPIEGEL: Beides ist sehr schematisch. Wer hat Recht?

Böick: Beide Seiten ein bisschen und keine so richtig. Es war nicht nur das eine oder nur das andere. Die Sache bekam dadurch ihre Wucht, dass da eben zwei Dinge dramatisch aufeinander folgen, sich ineinander verschlingen: die erstarrte DDR-Planwirtschaft wird unvermittelt abgelöst durch die Wucht der Privatisierungen. Beides wirkt untrennbar zusammen.

SPIEGEL: Sie haben viele Interviews mit Ex-Treuhandmanagern geführt, meist waren das Männer aus der alten West-Industrie. Wie erinnern die sich an die Zeit?

Böick: "Wir sitzen hier und versuchen irgendwie, die Erwartungen und Hoffnungen in Ost und West zu befriedigen", das ist so ein typischer Satz. Aber das war schwer unter den politisch gesetzten Rahmenbedingungen und mit den Betrieben. Viele hatten das Gefühl, Prügel zu beziehen, während die eigentlich entscheidenden Akteure sich im Hintergrund gehalten haben.

SPIEGEL: Sie meinen die Bundesregierung?

Böick: Bonn hat der Treuhand ganz bewusst die Funktion des Blitzableiters gegeben, das hat der Verwaltungsexperte Wolfgang Seibel gut herausgearbeitet. Es hieß: Es stürmt, es gehen Blitze nieder auf das neue, erweiterte Haus Bundesrepublik. Aber der Blitzableiter Treuhand leitet den Unmut der enttäuschten Ostdeutschen ab und so bleibt das politische Haus intakt. Heute muss man sicher fragen, ob dieser Vergleich auch langfristig noch passt. Wir sehen die massiven langfristigen sozioökonomischen und kulturellen Folgen. Der Treuhand-Kurs hat tiefe Risse und Konfliktlinien produziert. Das hat Mentalitäten geprägt und bei Millionen Betroffenen ein tiefes Bedürfnis, Erklärungen für diese Brüche zu finden. Warum man plötzlich arbeitslos geworden ist; warum plötzlich der eigene Betrieb wohl nichts mehr wert war. Die Arbeiterfiguren mit Helm und Blaumann, das waren eben noch die Helden der sozialistischen Arbeit gewesen - und dann auf einmal waren sie die Problembären des Postsozialismus, Kandidaten für die Frührente oder für Arbeitsbeschaffungsprogramme, bei denen sie ihre alten Werkhallen abreißen sollten.

Bilanz der Treuhand

Bilanz der Treuhand

Foto: Arne Kulf/ DER SPIEGEL

SPIEGEL: Inwiefern ist das Nährboden für Populisten?

Böick: Die Treuhand-Erfahrung reiht sich da ein in die Argumentation des "Die da Oben haben Euch betrogen". Und das Thema ist sehr emotional besetzt, jede Familie im Osten verbindet etwas damit. Auf der anderen Seite kam die Treuhand in der öffentlichen Debatte lange kaum vor. Da klaffte eine riesige Leerstelle, im schulischen Bereich, an den Hochschulen, auch medial, von gelegentlichen MDR-Berichten vielleicht mal abgesehen. Grüne und SPD haben versucht, selbst die Diskussion zu besetzen. Sie haben sich aber um Differenzierung bemüht - aber damit ist der Gaul wahnsinnig schwer zu reiten. Nun hat die Linke einen Untersuchungsausschuss gefordert. Da hat sich direkt die AfD drangehängt - was wiederum sofort zur Folge hatte, dass SPD und Grüne zurückrudern. Mit der AfD wollen sie nichts gemein haben.

SPIEGEL: Woran liegt es, dass das Thema in der Schule keine Rolle spielt?

Böick: Es liegt in der Grauzone zwischen Fächern, zwischen Geschichte und Sozialkunde. Es gibt auch noch wenig empirisch-historische Forschung. Das ändert sich jetzt endlich, etwa durch die Arbeit des Instituts für Zeitgeschichte in München. In einer sehr begrenzten Geschichts-Stundenzahl muss darüber hinaus eine Fülle von Themen behandelt werden: Nationalsozialismus, Bundesrepublik, DDR. In der Sozialkunde wiederum tritt das Thema oft hinter aktuellere zurück: Europa, Migration, Klimaschutz. Das ist eine markante Lücke im Bildungswesen. In der Politik war das ähnlich. Für die Parteien war es wie die Büchse der Pandora: Lieber nicht aufmachen, weil man weiß, dass eine offene Debatte möglicherweise schnell unbequem werden könnte. Das ändert sich hoffentlich unter dem Eindruck des Aufstiegs der AfD.

SPIEGEL: Hat das nicht vielleicht auch mit Verdrängung zu tun? Die Bundesrepublik ging in die Wiedervereinigung mit der Überzeugung, über das in allen Belangen überlegene System zu verfügen. Daran könnte so eine Diskussion ja kratzen.

Böick: Wenn man sich die offizielle Erinnerungskultur anschaut, dann konnte man lange den Eindruck bekommen, mit dem 3. Oktober 1990 ist die Geschichte im Grunde nach all den Katastrophen des 20. Jahrhunderts beendet. Der Tag markiert das nationale Happy-End. Das ist auch nachvollziehbar: So soll ein Schlaglicht gerichtet werden auf die friedliche Revolution, die zum unverhofften Ende einer Diktatur geführt hat, zur Einführung einer Demokratie. Neben dieser hellen Errungenschaft steht nun aber dieser graue Kuddelmuddel an verwickelten Ost-West-Konflikten, der nicht recht in das erste Bild passt.

SPIEGEL: Die Geschichte endet nicht 1990.

Böick: Bald nach der Wiedervereinigung gibt es wieder Montagsdemonstrationen im Osten, nur sind die dann schon gegen die Treuhandanstalt gerichtet. Es geht wüst zur Sache: Helmut Kohl wird da mit Erich Honecker verglichen, die Bundesrepublik mit der DDR, die Treuhand mit der Stasi. Diese Frustration des Ostens, die Arbeitslosigkeit, passt nicht in das Bild eines nationalen Happy-Ends. In der öffentlichen und offiziellen Betrachtung fällt das meist hinten runter. Die Feierlichkeiten zum 3. Oktober schienen auch deshalb immer recht merkwürdig: In den jeweiligen Landeshauptstädten wird zwar gefeiert, aber zugleich fragt man sich im Osten und im Westen gleichermaßen, ob es denn zum Feiern überhaupt Anlass gibt.

SPIEGEL: Der Westen gibt den Jammer-Ossis und dem Sozialismus die Schuld, für die Ossis sind es die Westmanager der Treuhand. Wer hat denn Recht?

Böick: Das ist die falsche Frage. Bis heute leitet die Bundesrepublik ihr Selbstverständnis aus einer bestimmten Interpretation der Vergangenheit ab. Historiker nennen das Meistererzählung. Sie lautet: Mit der deutschen Einheit endet die Nachkriegszeit, und es beginnt das vereinte Deutschland im sich vereinigenden Europa. Diese neopatriotische Erfolgs- und Heldenerzählung ist fragwürdig, sie passt nicht mehr zu den immer deutlicher aufbrechenden innerdeutschen Differenzen. Auch Europa ist erschüttert, es ist nicht mehr klar, dass die Entwicklung der EU immer nur voranschreitet, als ungebrochene, nicht mehr umkehrbare Erfolgsgeschichte. Die Frage ist, ob wir endlich Erzählperspektiven oder Deutungen finden können, die genau das besser einfangen können. Und das, was damals passiert ist.

SPIEGEL: Sie meinen: Der Reim, den sich die Politik auf die Geschichte macht, passt nicht?

Böick: Bis heute dominiert eine Westperspektive. Sie ist eine scheinbar alternativlose Heldengeschichte. An der halten sich alle damals Handelnden fest: die Bundesregierung, die Treuhand. Sie kombinieren das mit einem großen Desinteresse an allem, was nicht in dieses Bild passt, mitunter schlägt das um in Genervtheit: Was soll das Rumgejammere? Der Osten wiederum pflegt seine klassische Opfer- und Unterwerfungsgeschichte: Alles, was wir hatten, wurde entwertet. Wir durften uns nicht einbringen, mussten uns anpassen. Das führt nicht mehr weiter. Ich würde vorschlagen, das Ost-West-Verhältnis eher als eine komplizierte Beziehungsgeschichte zu sehen: Wie genau ist eigentlich diese historische Konstellation entstanden? Wie konnten sich dann diese Deutungsschablonen in Ost und West so sehr verfestigen? Das sollte nicht nur zwischen Ost und West diskutiert werden, sofern diese Kategorien überhaupt noch Sinn machen, sondern auch zwischen den Generationen: Großeltern, Eltern und Kindern.

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SPIEGEL: Alle Seiten sind doch fest überzeugt, im Recht zu sein. Wie soll das funktionieren?

Böick: Ich versuche immer zu erklären, mit welchem Marschgepäck jede Seite unterwegs war, als sie sich plötzlich in der Lage 1989/90 wiederfand. Mit welchen Vorstellungen sind die Westdeutschen nach Ostdeutschland gegangen? Was haben die Ostdeutschen von ihnen erwartet? Man kann das differenziert herausarbeiten, ohne eine vorschnelle moralische Wertung vorzunehmen. Man kann dann darstellen, wie sich daraus Konflikte entwickeln, obwohl der Großteil der Akteure der festen Überzeugung ist, das Richtige zu tun, im Interesse aller. Dann kommt man raus aus diesen Schemata von Schwarz und Weiß, Opfer und Täter.

SPIEGEL: Funktioniert das?

Böick: Bei Diskussionsveranstaltungen sagen viele Zuhörer danach: Jetzt kann ich zumindest verstehen, woher dieser Frust kommt. Der Wessi bekommt ein Gefühl, wie das konkret war: Mit 50 nach Hause geschickt werden; dein Stahlwerk ist Schrott; was du in 30 Jahren gemacht hast, ist Schrott. Aber hey!, du bekommst Sozialhilfe.

SPIEGEL: Und was erklären Sie den Ostdeutschen?

Böick: Ich habe mit vielen Treuhandmanagern von damals gesprochen: Die kamen mit guten Absichten. Die wollten etwas reißen, die meisten wollten helfen, dass es den Leuten schnell besser geht. Aber sie sind dann auch an den Wirrungen und Widersprüchen der Praxis gescheitert. Das war ein extremer Umbruch, von dem letztlich auch die dort aktiven Westdeutschen mitgerissen wurden und in dem sie selbst hilflos mitgerissen haben.

SPIEGEL: Sie haben diese Zeit als Kind in Sachsen-Anhalt erlebt. Was hat das mit den Familien gemacht?

Böick: Das konnte für einige durchaus eine Zeit des Aufbruchs sein, der neuen Karrierechancen und ungeahnten Freiheiten. Manche haben sich behauptet, als Lehrer, Angestellte. Für viele bedeutete es aber auch Abbrüche: Arbeitslosigkeit, Perspektivlosigkeit, Frühverrentung, Umschulung, Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen. Man muss aber verstehen, dass eine gesellschaftliche Erschütterung dieses Ausmaßes dann alle Gruppen betrifft: Selbst die "Gewinner" haben den Schock in ihrem Umfeld gesehen und erlebt. So wie ein Autofahrer, der auf der Autobahn einen schweren Autounfall sieht und denkt: Das hätte leicht auch mich erwischen können.

SPIEGEL: Fällt Ihnen ein Beispiel ein?

Böick: Ich habe mit einem früheren leitenden Mitarbeiter eines mittelgroßen DDR-Betriebs gesprochen. Die Treuhand hatte keinen Investor. Er stand dann irgendwann selbst vor der Wahl: Entweder mache ich das jetzt - oder hier sind alle arbeitslos. Es ist geglückt in seinem Fall, taugt aber dennoch nicht als triumphale Gründergeschichte. Für ihn war das ein enormes Wagnis, er hatte Stress und weiß, er hatte am Ende auch Glück. Wenn er Bilanz zieht, geht sein Blick automatisch zum Nebenmann, zu denen, die es nicht geschafft haben. Zu den Familien, die daran zerbrochen sind. Jeder wusste: Wenn bei mir im Betrieb Schluss sein sollte, welche Aussichten bleiben dann bei einer Arbeitslosigkeit von 30 Prozent?

SPIEGEL: Was muss anders werden, damit ein deutsch-deutsches Gespräch in Gang kommt über diese alte Narbe?

Böick: Das ist keine Frage an die Wissenschaft. Das muss auf die Lehrpläne, das muss in die Schulen und Hochschulen. Nur so kommt dieses Thema aus dem mythischen raunenden Gedächtnis. Wir müssen die Debatte rausholen aus den Küchengesprächen der Familie und breiter aufstellen. Die Frage wird sein, wie die Politik damit umgeht: Ignoriert sie das Thema wie bisher so oft und bleibt lediglich im Symbol- und Floskelhaften?

SPIEGEL: Welche Rolle kommt den Medien zu?

Böick: Sie verharren bislang in den alten holzschnittartigen Schablonen: Die Treuhand wird dort immer ähnlich verhandelt. Entweder sind das Skandalgeschichten über die "Verbrechen der Treuhand" - oder eben Erörterungen, dass die Treuhand ja gar nicht anders konnte. So kommt aber kein Dialog in Gang, der die vielfältigen Widersprüche in den Mittelpunkt rückt. Stattdessen schreitet die Polarisierung weiter voran. Beide Lager haben ja Argumente. Aber sie leiten daraus jeweils ab, die andere Seite müsse deshalb zwangsläufig falsch liegen. Daher rührt diese erbitterte Unversöhnlichkeit. Dieser Umbruch war aber so gewaltig, so komplex, dass beides gleichermaßen zur Wahrheit gehört - und die Suche nach Schuldigen nie ein eindeutiges, befriedigendes Ergebnis bringen wird. Deshalb brauchen wir andere Blickwinkel.

SPIEGEL: Könnten Untersuchungsausschüsse oder eine Wahrheitskommission helfen, wie sie in Sachsens SPD gefordert wird?

Böick: Ich bin skeptisch. Das sind Formate des politischen Kampfes, sie funktionieren auch nach der Logik der Skandale, Enthüllungen, Schuld und politischer Verantwortung. Wir müssen uns auch mal damit abfinden, dass wir da etwas in unserer jüngsten Geschichte haben, das weder schwarz noch weiß ist.