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10. Mai 2010, 16:53 Uhr

750-Milliarden-Paket

Euro-Rettung löst globales Kursfeuerwerk aus

Erst Asien, dann Europa - und jetzt die USA: Weltweit bejubeln Börsianer den Rettungsplan für den Euro. Der Absturz der Gemeinschaftswährung scheint gestoppt, nach den Tiefständen der vergangenen Woche erholt sich der Kurs deutlich.

Frankfurt am Main - Das EU-Hilfspaket für Schuldenstaaten befeuert weltweit die Börsenkurse. Nach Asien und Europa reagierten auch die US-Märkte mit kräftigen Kursaufschlägen. Der Dow Jones der Standardwerte ging mit einem Plus von 3,9 Prozent bei 10.785 Punkten aus dem Handel. Der Index der Technologiebörse Nasdaq stieg um 4,8 Prozent. Das waren die größten Tagesgewinne für die Indizes seit Ende März 2009.

"Der Markt sagt uns, dass das der richtige Schritt war", sagte US-Marktstratege Cantor Fitzgerald in San Francisco über das EU-Programm. "Die Größe der Kugel, die hier eingeschlagen ist, ist riesig."

Aufatmen auch in Frankfurt, Paris und London: Der Dax verzeichnete bis zum Handelsschluss einen Anstieg von 5,3 Prozent (6017 Punkte), bei den Finanzwerten gab es teilweise Rekord-Kursgewinne. Auch der Leitindex CAC 40 in Paris und der britische FTSE 100 in London notieren deutlich im Plus. Der EuroStoxx 50 , der die wichtigsten europäischen Titel enthält, schnellte fast zehn Prozent in die Höhe.

Die EU-Finanzminister hatten in der Nacht zu Montag einen Kreditrahmen von insgesamt 500 Milliarden Euro für klamme Mitgliedstaaten beschlossen (siehe Kasten links). Der Internationale Währungsfonds (IWF) soll noch einmal 250 Milliarden Euro beisteuern, während die Europäische Zentralbank (EZB) die Maßnahmen durch den Aufkauf von Staatsanleihen und Geldmarktoperationen flankieren soll.

Deutschland soll von der Garantiesumme bis zu 123 Milliarden Euro übernehmen - entsprechend dem 28-Prozent-Anteil der Bundesrepublik an der Europäischen Zentralbank (EZB). Sollten klamme Euro-Länder, die selbst die neuen Hilfen brauchen, sich nicht an den Kreditgarantien beteiligen, könnten auf Deutschland in den nächsten drei Jahren höhere Lasten zukommen, sagte Regierungssprecher Ulrich Wilhelm. Genauere Angaben machte er nicht.

Bankenwerte profitieren

Ziel des Rettungsschirms ist es, den Druck auf den Euro und die europäischen Finanzwerte zu mildern. Genau das scheint nun geglückt zu sein: Die Risikoaufschläge für Anleihen hoch verschuldeter südeuropäischer Staaten wie Griechenland und Portugal gingen stark zurück. Finanzgeschäfte, die auf eine Pleite dieser Staaten spekulieren, ebbten ab. Das als krisensicher geltende Gold verbilligte sich um gut zwei Prozent.

Der Euro profitierte nur zeitweise von der Ankündigung des Rettungsschirms. Die Gemeinschaftswährung legte zum Mittag zunächst um rund drei Cent auf knapp 1,31 Dollar zu. Bis zum späten Nachmittag gab der Euro die Gewinne aber fast vollständig wieder ab.

Die Ölpreise erholten sich leicht. Ein Barrel (159 Liter) der US-Referenzsorte West Texas Intermediate (WTI) zur Auslieferung im Juni kostete zuletzt 76,75 US-Dollar. Das waren 1,64 Dollar mehr als am Freitag. Öl der Nordseesorte Brent verteuerte sich um 1,88 Dollar auf 80,15 Dollar.

IWF-Chef Kahn: "Ein wirklich großer Schritt vorwärts"

In den Euro-Staaten wächst nun die Hoffnung auf eine nachhaltige Entspannung. Das Rettungspaket sei eine "sehr positive Einigung" und eine Antwort "an alle, die versuchen, die wirtschaftliche und finanzielle Lage der EU zu untergraben", sagte Spaniens Außenminister Miguel Angel Moratinos am Montag in Brüssel. Spanien führt turnusgemäß noch bis zum 30. Juni den Vorsitz der Europäischen Union.

Zuvor hatte bereits Kanzlerin Angela Merkel die Nothilfe gelobt. "Dieses Paket dient der Stärkung und dem Schutz unserer gemeinsamen Währung", sagte die CDU-Chefin. "Wir schützen das Geld der Menschen in Deutschland." Dieses Paket sei notwendig, weil es eine Attacke gegen den Euro gegeben habe. "Es ist einmalig in der Geschichte des Euro und der Europäischen Union."

IWF-Chef Dominique Strauss-Kahn hob die Bedeutung des Gemeinschaftsakts hervor: "Was gestern von den Europäern getan wurde, ist wirklich ein großer Schritt vorwärts", sagte er in Basel. EU-Währungskommissar Olli Rehn bekräftigte seinen Plan, die Haushaltpolitik der EU-Mitgliedstaaten stärker unter die Kontrolle der Kommission zu stellen. "Es ist besser, eine Feuerwehr zu gründen, bevor ein Feuer ausbricht", sagte Rehn der finnischen Zeitung "Kauppalehti". Die Brüsseler Behörde soll nach Rehns Plänen die nationalen Haushalte im Vorfeld absegnen. Ansonsten werde die Währungsunion nie so funktionieren wie sie sollte, warnte der finnische EU-Kommissar.

Analysten kritisieren Wandlung der Währungsunion zur Transferunion

Grundsätzlich begrüßten Analysten das Paket als wirksamen und dringend notwendigen Schritt zur Stabilisierung. Zugleich gab es aber auch skeptische Stimmen: "Diese Maßnahmen verändern kurz- und mittelfristig die Spielregeln", betonte Dariusz Kowalczyk, Chef-Investmentstratege beim Vermögensberater SJS Markets.

Commerzbank-Volkswirt Jörg Krämer kritisierte, durch die Entscheidung der EU habe sich die Euro-Zone von einer durch den Maastricht-Vertrag charakterisierten Währungsunion zu einer Transferunion gewandelt.

Ähnlich urteilte Marktanalyst Heino Ruland von Ruland Research: "Dies ist der Beginn einer 'Umverteilung-von-Einkommen'-Gesellschaft, welche erfolgreiche Volkswirtschaften der Region schwächt und die Volkswirtschaften stützt, die nicht in einer Position sind, die Konsequenzen aus dem Beitritt zur Europäischen Währungsunion zu tragen. Das wird das Wachstum in der gesamten Region auf längere Sicht schwächen."

ssu/dpa/Reuters

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