Ärger über Standard & Poor's Rating-Riese soll für Frankreich-Panne büßen

Die Rating-Agentur Standard & Poor's gerät massiv unter Druck. Das Unternehmen hat irrtümlich Frankreichs Kreditwürdigkeit abgewertet. Politiker und Ökonomen reagieren wütend, der Vorgang sei "traurig" und "desolat". Forderungen nach harten Strafen werden laut.

Börsianer in Paris: "Extrem starke Strafe verlangen"
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Börsianer in Paris: "Extrem starke Strafe verlangen"


Paris/Berlin - Der Schock währte nur kurz, jetzt holt die Politik zum Gegenschlag aus. Die Panne der Rating-Agentur Standard & Poor's (S&P) hat in Frankreich und Deutschland wütende Reaktionen ausgelöst. Die Rufe nach mehr Kontrolle oder einer Entmachtung der Bonitätsprüfer werden lauter.

Was war passiert? Standard & Poor's hatte am Donnerstag eine Mitteilung verschickt, laut der Frankreichs Top-Bonität herabgestuft werde. Erst zwei Stunden später nahmen die Experten die Information zurück und sprachen von einem bedauerlichen Irrtum.

Doch die Kehrtwende kam zu spät, denn angesichts der schwierigen Lage der Euro-Zone hätte der Fehler zu keinem unpassenderen Zeitpunkt kommen können: Sollte Frankreich sein "AAA" tatsächlich verlieren, dürften dem Staat deutlich höhere Kosten für seinen Schuldendienst drohen - vor allem aber wäre die Euro-Rettung als Ganze in Gefahr, da Paris nach Deutschland die größte Last trägt. Prompt sorgte die Panne an den nervöse Finanzmärkten für Aufruhr: Französische Staatsanleihen wurden mit deutlich erhöhten Risikoaufschlägen gehandelt. Am Freitag sanken diese nur langsam.

Mit Blick auf den folgenschweren Fehler kommt es nun zur Generalabrechnung mit dem S&P und der ganzen Rating-Branche. Der französische Finanzminister François Baroin nannte den Vorgang "ziemlich schockierend", die Börsenaufsicht AMF leitete eine Untersuchung ein. Jean-François Copé, Generalsekretär der Regierungspartei UMP, bezeichnete die Arbeit des US-Unternehmens als "traurig" und "desolat".

Wirtschaftsexperten äußerten sich ebenfalls empört: "Die Regierung muss nicht nur eine Entschuldigung, sondern eine extrem starke Strafe verlangen", sagte der französische Ökonom Christian Saint-Etienne dem TV-Sender BFM. Wenn so ein Text "irrtümlich" ausgesendet werden konnte - so seine Argumentation -, dann müsse ihn schon jemand ganz bewusst geschrieben haben. "Standard & Poor's befindet sich in einer heiklen Lage", meinte auch der frühere Vizepräsident der New Yorker Börse, Georges Ugeux, im gleichen TV-Sender.

"Haftung bei grob fahrlässigem Verhalten"

Auch in Deutschland gerät die Rolle der Rating-Agenturen erneut in den Fokus: "Wie kann denn so etwas passieren?", fragen die Experten vom Frankfurter Bankhaus Metzler in einer Analyse. "Wir haben in den vergangenen Wochen bereits etliche nicht nachvollziehbare Entwicklungen beobachten dürfen - doch das versehentliche Verlautbaren einer Rating-Verschlechterung ist der bisherige Höhepunkt."

Trotz des Dementis bleibe ein "sehr fader Beigeschmack": Selbst im Falle eines Irrtums müsse die Meldung schließlich irgendjemand verfasst haben, so die Experten. "In einer Phase, in der der Markt ohnehin über die Bonität der Franzosen spekuliert, ist das ein nicht zu entschuldigender Fehltritt."

Kritisch zur S&P-Panne äußerte sich auch Folker Hellmeyer, Chef-Analyst der Bremer Landesbank: "Es stellt sich die Frage, wie ein Text vorbereitet sein kann, wenn es dazu gar keine Absicht gibt." Dieser Aspekt lasse das Dementi seitens Standard & Poor's als Farce erscheinen. "Und wenn es eine Farce ist, stellt sich die Frage nach der Motivation seitens S&P." Hellmeyer stellt insbesondere die Frage nach Interessenskonflikten in der Eigentümerstruktur von S&P. Die weltweit größte Rating-Agentur gehört dem Medienkonzern McGraw-Hill, der wiederum im Besitz zahlreicher institutioneller Investoren aus den USA ist.

Forderung nach unabhängigen Länder-TÜV

Der CDU-Finanzpolitiker Klaus-Peter Flosbach verlangt, die Unternehmen für Fehler zur Kasse zu bitten: "In der vergangenen Nacht haben wir einen Skandal erlebt", sagte der finanzpolitische Sprecher der Unionsfraktion. "Deswegen brauchen wir auch eine deutliche Haftung in diesem Bereich bei grob fahrlässigem Verhalten und bei Vorsatz von Rating-Agenturen", so Flosbach.

Der Bundestag fordert eine Beschneidung der Macht der Rating-Agenturen. Mit den Stimmen der schwarz-gelben Koalition verabschiedete das Parlament am Freitag einen Entschließungsantrag, wonach sich die Bundesregierung in der EU für eine zivilrechtliche Haftung der umstrittenen Agenturen und einen stärkeren Wettbewerb zwischen den Bonitätsprüfern einsetzen soll. Damit soll die Bedeutung der Rating-Agenturen bei der staatlichen Regulierung der Finanzmärkte zurückgedrängt werden.

Der deutsche Finanzexperte Ottmar Schneck fordert sogar, den Rating-Agenturen die Benotung von Krisenstaaten ganz zu entziehen: "Das Rating von Ländern - bei dem es um das Schicksal von Staaten geht - darf man nicht dem Zufall des Marktes überlassen", sagte Schneck, der an der renommierten European School of Business lehrt. "Wir brauchen einen unabhängigen Länder-TÜV. Das Casino privater Rating-Agenturen muss durch ein internationales Institut ersetzt werden."

Schneck schlug vor, dass die Europäische Wertpapieraufsicht ESMA eine wichtigere Rolle erhält und diese Aufgabe übernimmt. Die ESMA könne rund 50 Experten einstellen und als unabhängige Institution Länder bewerten. "Das würde überall Anklang finden." Bisher wird der Markt von den drei großen US-Firmen Moody's, Standard & Poor's sowie Fitch beherrscht.

Frankreich stand bereits im Spätsommer im Fokus der Märkte. Damals hatten im Nachhinein vollends unbegründete Gerüchte um einen Entzug der Top-Bonität Marktturbulenzen ausgelost. Darüber hinaus hatte es Gerüchte über finanzielle Probleme großer französischer Banken gegeben, was an den französischen Börsen zeitweise zu einem Ausverkauf der jeweiligen Aktien gesorgt hatte. Folge war ein Leerverkaufsverbot auf bestimmte Finanztitel, das immer noch gilt.

cte/Reuters/dpa

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NaljiaSkal 11.11.2011
1. ...
Durch irrtümliche Rechenfehler tauchen 55 Milliarden Euro auf uns "irrtümlich" werden ganze Staaten abgewertet. Da scheint echt was völlig außer Kontrolle zu geraden...
martman11 11.11.2011
2. Spekulatiosi
Zitat von sysopDie Rating-Agentur Standard & Poor's gerät massiv unter Druck. Das Unternehmen hat irrtümlich Frankreichs Kreditwürdigkeit abgewertet. Politiker und Ökonomen reagieren wütend, der Vorgang sei "traurig" und "desolat". Forderungen nach harten Strafen werden laut. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,797209,00.html
Da waren doch garantiert Spekulanten am Werk die auf fallende Kurse setzten...von wegen technischer Fehler...hier wurde nochmal kräftig abgesahnt!
kuac 11.11.2011
3. Unfähig oder Betrug?
Zitat von sysopDie Rating-Agentur Standard & Poor's gerät massiv unter Druck. Das Unternehmen hat irrtümlich Frankreichs Kreditwürdigkeit abgewertet. Politiker und Ökonomen reagieren wütend, der Vorgang sei "traurig" und "desolat". Forderungen nach harten Strafen werden laut. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,797209,00.html
Bei S&P war der Wunsch der Vater des Gedankens. Falls das ein Fehler ist, dann ist S&P unfähig und unseriös. Wenn das absicht war, dann ist es Spekulation und Betrug.
Kassander, 11.11.2011
4. Irrtümlich?
Wer will glauben, dass dies irrtümlich geschah. Wahrscheinlicher ist, dass es zwischendurch eine hitzige Telefonkonferenz Paris-Washington (oder sogar einschließlich Berlin, Brüssel und Frankfurt) gegeben hat.
Johanna.1.15, 11.11.2011
5. ...
Zitat von sysopDie Rating-Agentur Standard & Poor's gerät massiv unter Druck. Das Unternehmen hat irrtümlich Frankreichs Kreditwürdigkeit abgewertet. Politiker und Ökonomen reagieren wütend, der Vorgang sei "traurig" und "desolat". Forderungen nach harten Strafen werden laut. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,797209,00.html
Die Französische Politik gerät massiv unter Druck. Das Land hat absichtlich mehr Geld ausgegeben als eingenommen. Politiker und Ökonomen reagieren wütend, der Vorgang sei "traurig" und "desolat". Forderungen nach harten Strafen werden laut.
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