Wahlen in Sachsen und Brandenburg Schadet der AfD-Erfolg der Ost-Wirtschaft?

Nach den Wahlen in Sachsen und Brandenburg sprechen Wirtschaftsverbände von einem Standortrisiko: Die AfD gefährde die dringend benötigte Zuwanderung. Ein Faktencheck.

Baustelle an der A72 in Sachsen: Arbeitgeber sprechen von "zunehmender Sorge"
Jan Woitas/ dpa-Zentralbild/ DPA

Baustelle an der A72 in Sachsen: Arbeitgeber sprechen von "zunehmender Sorge"

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Die Botschaft war eindringlich, die einer der wichtigsten Wirtschaftslobbyisten Deutschlands in den vergangenen Wochen verbreitete: Wahlerfolge der AfD bei den Landtagswahlen in Ostdeutschland würden nicht nur dem Image schaden, sondern auch der Wirtschaft, warnte Dieter Kempf, Chef des Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI) wiederholt. Deutschland müsse "attraktiv und einladend sein" - mit der AfD verbindet Kempf hingegen "Ausländerfeindlichkeit und Nationalismus".

Allzu wirksam waren Kempfs Warnungen allerdings nicht. Zwar wurde die AfD nirgendwo stärkste Kraft - doch in Sachsen entschieden sich 27,5 Prozent der Wähler für sie, in Brandenburg 23,5 Prozent. Am Sonntagabend sprach Arbeitgeberchef Ingo Kramer von "zunehmender Sorge" über die starke AfD, und die Unternehmensverbände Berlin-Brandenburg mahnten, für die Firmen seien "Weltoffenheit und Toleranz unverzichtbar".

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Das Argument von Wirtschaftsvertretern und Arbeitsmarktexperten: Die Unternehmen vor allem in Ostdeutschland benötigen dringend Fachkräfte aus dem Ausland. Kommen diese nicht, könne die Wirtschaft im Osten nicht mehr wachsen, Betriebe müssten sogar schließen oder abwandern. Fehlen Ländern und Kommunen Steuereinnahmen und den lokalen Geschäften Kaufkraft, dünnt die öffentliche Infrastruktur weiter aus. In der Folge wandern weitere Arbeitskräfte ab - eine Abwärtsspirale.

AfD-Wahlplakat in Brandenburg
Sean Gallup / Getty Images

AfD-Wahlplakat in Brandenburg

Andererseits hat die AfD gerade dort die besten Ergebnisse erzielt, wo die Angst vor Arbeitslosigkeit hoch ist - etwa in den Braunkohlerevieren. Ob dort rechtzeitig neue Arbeitsplätze entstehen werden, war eines der Hauptthemen im Wahlkampf. Dass in solchen Regionen massive Zuwanderung von Fachkräften aus dem Ausland eher als Bedrohung denn als Notwendigkeit empfunden werden kann, ist nachvollziehbar. Wie gefährlich sind die Erfolge der AfD also tatsächlich für die Wirtschaft in Ostdeutschland? Oder anders gefragt: Braucht Ostdeutschland künftig wirklich viel mehr Arbeitskräfte aus dem Ausland?

Ein ganzes Bündel statistischer Daten und Fakten gibt Antworten:

Erstens: Dem Osten fehlen bereits heute Arbeitskräfte

Der Fachkräftemangel droht dem Osten nicht - er ist schon da, und das in fast allen Bereichen. Die Bundesagentur für Arbeit (BA) konstatiert für Sachsen und Brandenburg sowie meistens auch für die weiteren Ostländer bereits einen massiven Mangel an Fachkräften

  • in der Fahrzeugtechnik,
  • für Mechatronik und Automatisierung,
  • für Energietechnik,
  • beim Tiefbau,
  • in der Sanitär- und Heizungstechnik,
  • in der Altenpflege,
  • in der Physiotherapie und
  • bei Berufskraftfahrern.

Zweitens: Der Mangel an Arbeitskräften bremst die Ostwirtschaft schon jetzt

Das deutsche Jobwunder hält seit einem Jahrzehnt an und hat sich zuletzt sogar beschleunigt - seit 2015 sind jedes Jahr deutlich mehr als eine halbe Million neuer sozialversicherungspflichtiger Arbeitsplätze entstanden. In Ostdeutschland jedoch stieg die Zahl der Beschäftigten 2018 mit 1,8 Prozent schwächer als im Westen, wo es 2,5 Prozent waren. In Thüringen waren es gar nur 0,5 Prozent.

Den Grund nennt der Chef der regionalen Arbeitsagentur, Kay Senius: Es fehlen schlicht die Menschen, die die Arbeitsplätze besetzen könnten. Und das Problem wird sich noch verschärfen. Denn jedes Jahr gehen im Osten mehr Arbeitnehmer in Rente als junge Menschen neu auf den Arbeitsmarkt kommen.


Drittens: Im Osten arbeiten bereits fast alle - der Westen hat noch Reserven

Die Zeiten, in denen in Ostdeutschland Massenarbeitslosigkeit herrschte, sind ohnehin seit einigen Jahren vorbei. Zwar liegt die Arbeitslosenquote immer noch etwas höher ist als im West-Schnitt - doch das führt in die Irre. In diesem Zusammenhang ist eine andere Kennzahl wichtiger: die Beschäftigungsquote. Die liegt im Osten im Schnitt deutlich höher als im Westen.

Beschäftigtenquote 2017

Anteil der 15- bis 65-Jährigen mit sozialversicherungspflichtigem Arbeitsplatz an Gesamtbevölkerung in der Altersgruppe im Jahr 2017. Nicht enthalten sind: Beamte, Selbstständige, Soldaten, Minijobber


Auf der Deutschland-Karte sind 30 Jahre nach dem Mauerfall die Umrisse der alten DDR sichtbar: Dort war es üblich, dass Frauen Erwerbsarbeit nachgingen, und so ist es bis heute. Im Westen liegt die Beschäftigungsquote der Frauen immer noch unter der der Männer - was bedeutet, dass es im Westen noch ein kleines Potenzial an Arbeitskräften gibt, das aktiviert werden kann. Im Osten ist es bereits ausgeschöpft.


Viertens: Die Überalterung trifft den Osten besonders hart

Seit dem Mauerfall sind rund 1,9 Millionen mehr Menschen von Ost nach West gezogen als umgekehrt, was bereits vielerorts deutlich sichtbar ist: sehr viele Menschen über 60 Jahre, nur wenige im jungen oder mittleren Alter. Das macht eine interaktive Grafik des Instituts der deutschen Wirtschaft deutlich.

Blickt man in die Zukunft, wird sich dieser Unterschied noch drastisch verschärfen. Laut der aktuellen Bevölkerungsvorausberechnung kommen derzeit im Osten noch 39 über 67-Jährige auf 100 Menschen im erwerbsfähigen Alter von 20 bis 66 Jahren. Im Jahr 2030 werden es schon 50 Rentner auf 100 Erwerbsfähige sein - und im Jahr 2040 bereits 55. Dabei wird in dieser Prognose bereits angenommen, dass jedes Jahr deutlich mehr als 200.000 Menschen aus dem Ausland nach Deutschland einwandern werden.

Der Bedarf an Arbeitskräften wird also vor allem im Osten Deutschlands in den kommenden Jahrzehnten absehbar nicht zu decken sein - und die starke Zunahme der Zahl alter Menschen wird den Bedarf sogar noch steigern. Denn wer soll die vielen Pflegebedürftigen künftig pflegen?


Fünftens: Der Osten braucht vor allem Fachkräfte - und scheitert bei der Bildung

Der ostdeutsche Arbeitsmarkt weist eine Besonderheit auf: Dort arbeiten wesentlich weniger Ungelernte und Helfer als im Westen. Laut dem IAB-Betriebspanel sind im Westen 27 Prozent der Jobs einfache Tätigkeiten, für die keine Ausbildung benötigt wird - im Osten aber nur 17 Prozent.

Hier erweist es sich als Hypothek, dass gerade in Ostdeutschland der Anteil der Schulabbrecher teils erschreckend hoch ist.

Anteil der Schulabgänger ohne Schulabschluss (2016)


Fazit: Die Wirtschaft im Osten ist tatsächlich in Gefahr

Die Faktenlage ist eindeutig: Deutschland als Ganzes braucht in den kommenden Jahren dringend qualifizierte Arbeitskräfte aus dem Ausland, um die Wirtschaftskraft zu erhalten und den Wohlstand zu mehren. Besonders hoch ist der Bedarf aber in Ostdeutschland. Es ist ohnehin zweifelhaft, ob es gelingt, Fachkräfte in so hoher Zahl ins Land zu locken - der Wahlerfolg einer zumindest in Teilen offen rassistischen Partei wie der AfD wird das zumindest nicht leichter machen.

insgesamt 267 Beiträge
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Seite 1
arnesaknussem 02.09.2019
1. Etwas einseitig
Der Beitrag konzentriert sich primär auf das Fehlen ausländischer Fachkräfte. Dabei wird völlig übersehen, dass es hier auch ein innerdeutsches Problem gibt. Hochqualifizierte Arbeitskräfte meiden den deutschen Osten wie die Pest und das in zunehmendem Maße. Warum? Da brauche ich mich nur ein kleines bisschen umhören und kriege von allen dieselbe Antwort: In diese Nazigegend kriegen mich keine 10 Pferde. Da sind sich alle einig. Insofern schaufeln sich gerade die frustriert zurück gebliebenen mit ihrer populistischen Rechtspolemik ihr eigenes Grab. Und es wird seeehr lange dauern, bis dieses Bild wieder aus den Köpfen raus ist.
Velbert2 02.09.2019
2. Kein Wirtschaftsschaden
Ich glaube nicht, dass der AfD-Erfolg der Wirtschaft in Ostdeutschland Schaden zufügt. Schliesslich ist es ausgeschlossen, dass die AfD an einer Regierung beteiligt wird. Erst wenn dies geschehen würde, würde vielleicht ein wirtschaftlicher Schaden entstehen.
MioMioMimi 02.09.2019
3.
Ich bin kein Freund der AfD aber diese Argumentation verstehe ich nicht. Sie wollen hier gerade den Arbeitslosen und unterbezahlten Menschen ohne Perspektive und auch arbeitenden Mensch, die Angst vor der Zukuft haben erzählen, Fachkräfte aus dem Ausland sind die Lösung der Probleme? Glauben diese Argumentation stimmt die AfD-Wähler um? Die Menschen wollen eine Perspetive für sich sehen. Man sollte sich mehr um die Bildungs- und Ausbildungsmöglichkeiten der Menschen vor Ort kümmern und erst mal versuchen das Abwandern von jungen Fachkräften zu verhinden. Nach ihrere Aussage muss es ja ausreichend Arbeitsplätze geben. Dann verstehe ich das Problem nicht.
Ishibashi 02.09.2019
4. Glaube
der ganze Artikel basiert auf einer einseitigen Sichtweise. Dem Glauben an unbegrenztes Wachstum der Wirtschaft und somit dem Bedarf an mehr Arbeitskräften. Nur wem nützt das Wachstum außer den Firmenbesitzern? Wir müssen endlich wegkommen von dem Wachstumsfetischismus, insbesondere was die Bevölkerung anbelangt. Weiteres Bevölkerungswachstum wird langsristig mehr Probleme kreieren als Stagnation oder Bevölkerungsrückgang, egal ob durch Kinder oder Zuwanderung. Bei der nächsten Rezession sind wir froh wenn wir weniger Arbeitslose versorgen müssen und langfristig wird die Wirtschaft eh immer weniger Arbeitskräfte benötigen und mehr auf AI setzen müssen um wettbewerbsfähig zu bleiben.
sikasuu 02.09.2019
5. Es gibt einen alten internen DDR Witz: Der D... Rest!
Ohne den jetzt weiter ausführen zu wollen, scheint in Ostelbien so langsam "das Licht auszugehen"! . Wenn man sich z.B. Großlandkreise in Mecklenburg, Brandenburg anschaut, die Ländlich Struktur im Süden, sieht man förmlich die "blühenden aber leeren Landschaften"! . Da ist mMn. auch nicht gegenzusteuern! Dem ländlichen Raum in der alten BRD geht es ja, ähnlich wie in der Ex-DDR, außerhalb des Speckgürtels der Zentren nicht besser. . Es ist mMn. eine Illusion anzunehmen, mit Infrastruktur Maßnahmen & Geld wäre dieser Entvölkerung zu verhindern. Die lässt sich mMn. nicht einmal abmildern, gleich ob 5G an jeder Milchkanne, 2,5Km zur BAB- Auffahrt usw. . Wir sollten realistisch sein, den Verstädterungsprozess für die, die nicht mehr flexibel sind Abfedern. Das ist eine überschaubare Zeit & langsam an Rückbau& andere Nutzung dieser Flächen denken! . Sich dagegen zu stemmen ist mMn. genau so aussichtslos wie den Wind aufhalten zu wollen!
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