Finanzkritiker Jean Ziegler "Die Schweiz ist die Hehlerzentrale der Welt"

Kaum jemand kritisiert das Schweizer Bankensystem so scharf wie der Soziologe Jean Ziegler. Im Interview schildert er die eidgenössische Führungselite als arrogant, die Finanzbranche als Abzocker: "Die Schweizer Banken plündern Deutschland aus."
Bankenviertel in Zürich: "Das war die letzte Schlaumeierei"

Bankenviertel in Zürich: "Das war die letzte Schlaumeierei"

Foto: © Michael Buholzer / Reuters/ REUTERS

SPIEGEL ONLINE: Bayern-Manager Uli Honeß hat Geld in der Schweiz deponiert. Überrascht Sie das?

Ziegler: Nein. Die Schweiz hat eines der höchsten Pro-Kopf-Einkommen der Welt, die stärkste Währung und ist der größte Finanzplatz für ausländische Vermögen. Dabei sind wir ein kleines Land ohne Rohstoffe. Die Schweiz ist die Hehlerzentrale der Welt.

SPIEGEL ONLINE: Ein harter Vorwurf. Wie kommen Sie dazu?

Ziegler: In der Schweiz wird Geld aus drei illegalen Quellen angelegt: der Steuerhinterziehung in anderen Industriestaaten, dem Blutgeld von Diktatoren und anderen Herrschern in der dritten Welt und dem organisierten Verbrechen.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben das Schweizer Geschäftsmodell schon vor mehr als 20 Jahren kritisiert. Hat sich seitdem gar nichts geändert?

Ziegler: Doch. Steuerhinterziehung war in der Schweiz bislang kein Strafdelikt, deshalb gab es in Fällen wie dem von Ex-Post-Chef Klaus Zumwinkel keine Amtshilfe. Das hat sich auf Druck der Industrieländer geändert. Doch die Schweiz lehnt noch immer den automatischen Informationsaustausch ab.

SPIEGEL ONLINE: Das war auch ein großer Streitpunkt im geplanten Steuerabkommen mit Deutschland. Hoeneß hat offenbar auf das Abkommen gehofft, um sein Vermögen anonym zu legalisieren. Doch dann wurde das Vorhaben vom Bundesrat gestoppt.

Ziegler: Gott sei Dank! Ich verstehe nicht, warum Finanzminister Wolfgang Schäuble das Abkommen angenommen hat. Das war die letzte Schlaumeierei der Zürcher Banker.

SPIEGEL ONLINE: Sieht denn die Schweizer Politik die Rolle als Finanzplatz inzwischen kritischer?

Ziegler: Überhaupt nicht. Die Struktur der Schweizer Führungsschicht ist granithart und seit Napoleons Zeiten unverändert. Die sitzen auf dem Gotthard und erteilen der Welt Lektionen in Demokratie - eine unglaubliche Selbstzufriedenheit und Arroganz.

SPIEGEL ONLINE: Na ja, in einigen Punkten hat sich die Schweiz in den vergangenen Jahren schon bewegt.

Ziegler: Ja, aber nur auf Druck. Das war schon im Streit um jüdische Vermögen so, die Schweizer Banken nach dem Krieg stillschweigend einbehalten hatten. Da wurden erst Entschädigungen gezahlt, nachdem die USA den Banken mit Boykott drohten.

SPIEGEL ONLINE: Ex-Finanzminister Peer Steinbrück drohte sogar mit der Kavallerie und wurde dafür stark kritisiert. Wie fanden Sie seine Drohung?

Ziegler: Gut. Ich habe nie verstanden, warum Deutschland sich so hereinlegen lässt. Die Schweizer Banken plündern den deutschen Fiskus seit Jahrzehnten aus.

SPIEGEL ONLINE: Das ist wieder ein sehr harter Vorwurf. Ist der Einfluss der Banken auf den Staat zu groß?

Ziegler: Ja. Sehr viele Schweizer schämen sich dieser Bankenoligarchie. Die Schweiz ist seit 750 Jahren ein multikulturelles Land. Nur wegen des Bankgeheimnisses sind wir nicht in die EU eingetreten.

SPIEGEL ONLINE: Aber das wird langsam aufgeweicht. Bekommt die Schweiz jetzt Konkurrenz durch andere Steueroasen?

Ziegler: Die Schweiz ist konkurrenzlos: Sie liegt mitten in Europa, ist technisch höchst entwickelt, rechtssicher, und die politischen Verhältnisse werden sich nie ändern.

SPIEGEL ONLINE: Wieso nicht?

Ziegler: Wegen der scheinheiligen europäischen Eliten. Schauen Sie sich Frankreich an, da hatte der sozialistische Ex-Haushaltsminister Jérôme Cahuzac selbst ein geheimes Auslandskonto. Die Hoffnung liegt auf Deutschland - weil es dort den politischen Willen und die wirtschaftliche Macht gibt.

SPIEGEL ONLINE: Auch die enormen Datenlecks der jüngsten Zeit sorgen für Druck.

Ziegler: Stimmt. Die früher priesterhaft verwalteten Geheimnisse um Offshore-Gesellschaften müssen heute auf den Computer - sonst kann das Geld nicht elektronisch um die Welt rasen. Dann kommen ausländische Mitarbeiter wie Hervé Falciani, der bei der HSBC Steuerdaten stahl und sie den französischen Behörden übergab. Das sind die Guten.

SPIEGEL ONLINE: Auch das ist letztlich eine Form der Hehlerei, die Sie vorhin Ihrer Heimat vorgeworfen haben.

Ziegler: Aber eine lässliche Sünde im Vergleich zu dem, was die Banken an Plünderung befreundeter Demokratien betreiben.

SPIEGEL ONLINE: Sie waren acht Jahre Uno-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung. In Ihrem neuen Buch "Wir lassen Sie verhungern" greifen Sie erneut die Finanzbranche an. Ist die etwa auch für den Hunger verantwortlich?

Ziegler: Sie trägt große Mitverantwortung. Denn nachdem Großbanken die Finanzkrise ausgelöst haben, zocken sie jetzt verstärkt mit Lebensmitteln. Zugleich sind eine Milliarde Menschen permanent schwerst unterernährt, alle fünf Sekunden stirbt ein Kind.

SPIEGEL ONLINE: Die Zockerei allein erklärt aber nicht den Hunger in der Welt. Den Internationalen Währungsfonds, die Welthandelsorganisation und die Weltbank bezeichnen Sie wegen ihrer Wirtschaftspolitik gar als "apokalyptische Reiter". Wie kommen Sie zu solch harten Vorwürfen?

Ziegler: Aus eigener Erfahrung. Ich habe kürzlich in Peru erlebt, wie Mütter in einem Slum sich höchstens einen Plastikbecher voll Reis leisten konnten. Das liegt an der Börsenspekulation auf Nahrungsmittel, die morgen verboten werden könnte. Aber das widerspricht der neoliberalen Wahnidee, wonach Märkte möglichst unreguliert sein sollten.

SPIEGEL ONLINE: Was fordern Sie?

Ziegler: Es gibt keine Ohnmacht in der Demokratie - und Deutschland ist die lebendigste Demokratie Europas. Die Wähler könnten Schäuble dazu zwingen, beim IWF für die Totalentschuldung der ärmsten Länder zu stimmen. Angela Merkel müsste dafür sorgen, dass Agrartreibstoffe mit hohen Zöllen belegt werden, weil sie Millionen Tonnen an Nahrung vernichten. Und der Bundestag könnte das Börsengesetz so ändern, dass Nahrungsmittelspekulationen in Deutschland unmöglich werden.

Das Interview führte David Böcking
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