Air Berlin, Lufthansa und die Regierung Deutschland first

Die deutsche Politik spottet über den Protektionismus von Donald Trump. Dabei agiert die Bundesregierung bei der Zerschlagung von Air Berlin ebenfalls wenig marktwirtschaftlich - und schanzt der Lufthansa Vorteile zu.

Flugzeuge von Lufthansa und der Air Berlin
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Flugzeuge von Lufthansa und der Air Berlin

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Für Carsten Spohr scheint derzeit alles eine wunderbare Wendung zu nehmen. Jahrelang plagte den Lufthansa-Chef die Konkurrenz der Billigflieger. Zuletzt war es vor allem die irische Ryanair, die der Frankfurter Airline die führende Stellung im Heimatmarkt Deutschland streitig machte. Zu gerne hätte Spohr deshalb den kriselnden Konkurrenten Air Berlin übernommen - wenn da bloß nicht dessen Schulden von mehr als einer Milliarde Euro gewesen wären.

Nun löst sich diese vertrackte Lage innerhalb weniger Tage offenbar in Luft auf. Am Dienstag vergangener Woche hat Air Berlin Insolvenzantrag gestellt, darf wegen eines 150-Millionen-Euro-Kredits der Bundesregierung aber noch ein paar Wochen weiterfliegen. So kann das Pleiteunternehmen in der Zwischenzeit filetiert werden, wobei Lufthansa die besten Karten hat, einen Großteil der Flotte und vor allem der begehrten Start- und Landerechte zu übernehmen. So würde man Ryanair um Längen abhängen. Ach ja, und die horrenden Schulden von Air Berlin wäre die Lufthansa auch los. Um die können sich die Gläubiger kümmern.

Lufthansa-Chef Carsten Spohr
REUTERS

Lufthansa-Chef Carsten Spohr

Für Spohr und die Lufthansa hätte es kaum besser laufen können. Die Aktie der größten deutschen Fluggesellschaft legte seit vergangenen Dienstag um mehr als sechs Prozent zu.

Nun kann man das alles für eine Verkettung von aus Spohrs Sicht glücklichen Zufällen halten. Zu denen würde auch gehören, dass seit Februar sein Freund und Ex-Kollege Thomas Winkelmann auf dem Chefsessel von Air Berlin sitzt.

Oder aber für ein "abgekartetes Spiel", wie es Ryanair-Chef Michael O'Leary ausdrückt. Lufthansa, Air Berlin und die Bundesregierung hätten ein "offensichtliches Komplott" gegen sein Unternehmen geschmiedet, polterte O'Leary. Der Ire sprach in gewohnt respektlosem Ton, inhaltlich aber ist es in diesem Fall schwer, ihm zu widersprechen.

Der Traum vom "nationalen Champion" schadet den Kunden

Tatsächlich steht vor allem die Bundesregierung in ordnungspolitischen Fragen wieder einmal sehr schlecht da. Schon im vergangenen Jahr, als es um die Aufteilung der angeschlagenen Supermarktkette Kaiser's Tengelmann ging, machte das Wirtschaftsministerium eine unglückliche Figur, weil der damalige Minister Sigmar Gabriel (SPD) ganz offensichtlich den Bieter Edeka gegenüber dem Konkurrenten Rewe bevorzugte und die Entscheidungen der Kartellwächter zu übertrumpfen versuchte.

Nun ist es Gabriels Nachfolgerin Brigitte Zypries, die sich mit eindeutigen Aussagen zugunsten der Lufthansa positioniert. "Ich würde es begrüßen, wenn die Lufthansa größere Anteile von Air Berlin übernimmt", sagte Zypries dem "Handelsblatt". Das ist eine problematische Festlegung. Da hilft es auch nichts, wenn ihr Sprecher am Nachmittag versuchte, den Schaden zu reparieren, indem er betonte, man sei "weder für noch gegen einen bestimmten Interessenten".

Ähnlich weit wie Zypries hat sich zuvor schon Verkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) aus dem Fenster gelehnt, der von einem "nationalen Champion" in der deutschen Luftfahrtbranche träumte. Das klingt sehr nach Industriepolitik, wie sie in der Branche etwa auch die Türkei oder die Golfstaaten betreiben - und wenig nach freier Marktwirtschaft, deren Schild die Bundesregierung sonst so gerne hochhält.

Insolvente Fluglinie

Geht es etwa um US-Präsident Donald Trump und sein America-first-Credo, ist man in Berlin schnell mit Protektionismusvorwürfen bei der Hand. Zu Recht. Wenn es um die eigene Politik geht, scheinen dagegen andere Maßstäbe zu gelten: Die Bevorzugung der Lufthansa riecht jedenfalls stark nach Deutschland first.

Wobei Deutschland als Ganzes keineswegs davon profitieren würde. Eine Quasimonopolstellung der Lufthansa im heimischen Markt würde nämlich vor allem dem Unternehmen nutzen, nicht aber den deutschen Kunden.

Denn wo die Konkurrenz fehlt, steigen die Preise. Das zeigte sich schon bisher auf Strecken wie Hamburg-Frankfurt, die die Lufthansa allein anbietet. Künftig könnten also jene innerdeutschen Strecken teurer werden, auf denen Air Berlin bisher stark war, vor allem an den Flughäfen Düsseldorf und Berlin.

Statt den Fall Air Berlin für Industriepolitik zu nutzen, sollte die Bundesregierung also lieber das tun, was sie auch von anderen Regierungen fordert: sich aus den Verhandlungen raushalten. Sollte dann ein zu einseitiges Ergebnis rauskommen, können immer noch die Kartellbehörden in Deutschland und Europa eingreifen. Im Gegensatz zur Bundesregierung sind die nämlich dafür zuständig.

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knorx 21.08.2017
1. Falsche Behauptung
"Ähnlich weit wie Zypries hat sich zuvor schon Verkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) aus dem Fenster gelehnt, der von einem "nationalen Champion" in der deutschen Luftfahrtbranche träumte. " Obwohl ich Herrn Dobrindt auch nichts abgewinnen kann, ist das schon eine falsche Darstellung der Tatsachen, das hat der Mann so nie behauptet. Wörtlich sagte er: "Wir brauchen einen deutschen Champion im internationalen Luftverkehr". Das ist ein eklatanter Unterschied zur Darstellung im Kommentar! Warum sollte man im internationalem Luftverkehr einen anderen, außereuropäischem Carrier die Slots überlassen? Das ist natürlich Protektionismus, schadet aber nicht innerdeutsch.
schwaebischehausfrau 21.08.2017
2. Deutschland first..
..wäre grundsätzlich ja kritikwürdig, wenn nicht alle Länder um uns rum seit Jahren massiv Industrie-Politik zum Schutz der eigenen Wirtschaft betreiben würden. Jetzt könnte man sagen, "Deutschland könnte doch anfangen mit einem positiven Beispiel", aber es wäre nur naiv zu glauben, dass andere Länder dann nachfolgen würden. Chinesen haben in den letzten Jahren diverse innovative Mittelständler gekauft aus sog. "Schlüssel-Branchen", umgekehrt wäre das undenkbar und wenn deutsche Unternehmen in China produzieren wollen, müssen sie Joint Ventures mit chinesischen "Partnern" eingehen (wie die Autobauer) und riskieren dabei, dass ihr Knowhow abgesaugt wird. Peugeot übernimmt Opel - umgekehrt hätte eine Übernahme von Peugeot durch VW dazu geführt, dass die französische Regierung gigantische Zugeständnisse (Arbeitsplatz-Garantien, Invesititionen in Frankreich) erpresst hätte oder sich gesperrt hätte. Schon bei Airbus hat Deutschland sich naiv abkochen lassen. Und dass die gigantischen Strafen für europäische Unternehmen in den USA (ungeachtet ob grundsätzlich berechtigt) mittlerweile nichts anderes sind als ein Wirtschaftskrieg , ist offensichtlich. Wird man auch daran sehen, dass Fiat-Chrysler nichtmal einen Bruchteil der Milliarden-Summen wird zahlen müssen, wie VW (und sicher auch noch Daimler). Von den Steuer-Dumping-Praktiken Irlands, die eines der "Erfolgsrezepte" von Ryanair sind, ganz zu schweigen. Insofern: Auge um Auge , Zahn um Zahn. Ist wie bei der PKW-Maut: Es brauchte erst die Androhung einer Maut auch in Deutschland, und schon gibt es plötzlich Gesprächsbereitschaft in der EU über "einheitliche" Maut-Regeln innerhalb der EU Staaten.
uhu_13 21.08.2017
3.
Air Berlin hätte an das One World Consortium gehen sollen. Mit der Lufthanse von irgendwo auf der Welt nach Leipzig (über Frankfurt oder München) ist 40% teurer als mit der Lufthansa irgendwo auf Welt nach Berlin (über Frankfurt oder München). Die Leipzig Anschlüsse haben halt ein LH Monopol. Der Angeschmierte ist der Kunde. jetzt blüht uns das auf noch mehr Flugstrecken.
andneu 21.08.2017
4. @knorx
Zitat von knorx"Ähnlich weit wie Zypries hat sich zuvor schon Verkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) aus dem Fenster gelehnt, der von einem "nationalen Champion" in der deutschen Luftfahrtbranche träumte. " Obwohl ich Herrn Dobrindt auch nichts abgewinnen kann, ist das schon eine falsche Darstellung der Tatsachen, das hat der Mann so nie behauptet. Wörtlich sagte er: "Wir brauchen einen deutschen Champion im internationalen Luftverkehr". Das ist ein eklatanter Unterschied zur Darstellung im Kommentar! Warum sollte man im internationalem Luftverkehr einen anderen, außereuropäischem Carrier die Slots überlassen? Das ist natürlich Protektionismus, schadet aber nicht innerdeutsch.
Sehe ich auch so. Aber dann kann man auf der anderen Seite nicht ständig den Segen freier Märkte predigen, und sobald es um die eigenen Interessen geht eine Politik betreiben, die einheimische Unternehmen bevorzugt und und ausländische Unternehmen benachteiligt. Machen die USA übrigens nicht anders. Wenn freier Handel dem Land selbst Vorteile bringt, wird er gepredigt. Wenn es zum Nachteil ist, umgeht man ihn.
RedEric 21.08.2017
5. Monopol...
Ich bin regelmäßig Nürnberg-Hamburg geflogen. Diese Strecke bot AirBerlin (AB) & Germanwings (GW) an. Im Januar hat AB die Strecke aufgegeben. GW hat angekündigt die Slots zu übernehmen. Ergebnis war, dass die Slots von AB wegfielen, GW auch manche Flüge von sich strich und die Preise verdreifacht wurden.
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