Airbnb-Boom in Griechenland Wenn sich eine Lehrerin keine Wohnung leisten kann

In griechischen Touristenorten explodieren wegen Airbnb die Mietpreise. Einheimische haben das Nachsehen. Die Lehrerin Roxani Hatzidimitriou gibt nun auf - und verlässt ihre Trauminsel.
Urlaubsinsel Mykonos

Urlaubsinsel Mykonos

Foto: imago/United Archives Internatio

Als Roxani Hatzidimitriou im Januar eine Teilzeitstelle als Lehrerin im öffentlichen Dienst ergatterte, war sie überglücklich. Die Musiklehrerin hatte zu einer Zeit Arbeit gefunden, als 43 Prozent der Menschen in ihrem Alter in Griechenland arbeitslos waren. Ihre Arbeitsstelle befand sich in Mykonos. Eine paradiesische Insel in der Ägäis, weltberühmt für azurblaues Wasser, weiße Sandstrände und Jet-Set-Besucher aus der ganzen Welt.

Ungefähr zur gleichen Zeit, als Hatzidimitriou das Jobangebot erhielt, gab Airbnb bekannt, dass Mykonos zu den 20 Top-Reisezielen in Europa gehört. In den vergangenen Jahren stieg die Anzahl der Buchungen rasant an. Inzwischen reisen jährlich mehr als zwei Millionen Touristen auf die kleine Insel mit gerade einmal 14.000 Einwohnern. Die Nachfrage nach Häusern, Wohnungen und Apartments ist enorm. Viele Eigentümer haben ihre Wohnungen dem Mietmarkt entzogen, um sie Touristen auf der Plattform Airbnb anzubieten.

Rund zehn Jahre nach Gründung vermittelt Airbnb Unterkünfte in mehr als 65.000 Städten und 191 Ländern und macht pro Jahr mehr als zwei Milliarden Euro Umsatz. 2017 machte das Zimmervermittlungsportal erstmals Gewinn - und hat damit Start-ups wie Uber einiges voraus.

600 Euro Gehalt, 500 Euro Miete

Doch Menschen wie Hatzidimitriou leiden unter dem Boom des Online-Giganten. Als die Berufseinsteigerin in Mykonos ankam, begann sie sofort mit der Suche nach einer Wohnung, fand aber keine. Die ersten Nächte verbrachte sie in einer städtischen Notunterkunft. Das Gros der wenigen Wohnungen, die sie sich anschaute, war nur bis April verfügbar - bis zur Hochsaison für Touristen. Und die wenigen Wohnungen, die für das ganze Jahr verfügbar waren, kosteten mehr als 500 Euro pro Monat.

Hatzidimitriou, die als Lehrerin nur rund 600 Euro im Monat verdient, kündigte ihren Job und zog zurück in ihre Heimatstadt Athen. Inzwischen schlägt sie sich dort wieder mit Gelegenheitsjobs als Sängerin in Bars durch. "Ich hatte keine andere Wahl", sagt sie.

Roxani Hatzidimitriou

Roxani Hatzidimitriou

Foto: Giorgos Christides

Hatzidimitrious Geschichte ist kein Einzelfall. Auf Mykonos sind laut Dimitris Papadimitriou exorbitante Lebenshaltungskosten und der knappe bezahlbare Wohnraum Hauptgründe für den gravierenden Personalmangel im Schulwesen. Der Mitarbeiter der Schulbehörde klagt: "Lehrer wollen nicht herkommen. Mehr als 40 Stunden des Lehrplans sind derzeit nicht abgedeckt. Wir haben nicht mal einen Mathelehrer."

Auch andere Branchen sind betroffen. Kürzlich sorgte ein griechischer Pressebericht für Aufsehen, wonach Feuerwehrmänner mit ihrem 1000-Euro-Gehalt im beliebten Urlaubsparadies Santorin keine Wohnungen mehr finden. Die Insel mit den typischen schneeweißen Häusern mit den blauen Dächern und den spektakulären Sonnenuntergängen lockt Jahr für Jahr Touristen aus der ganzen Welt an. Inzwischen kostet dort schon eine Ein-Zimmer-Wohnung 450 Euro pro Monat.

Die Regierung versucht gegenzusteuern: Sie verabschiedete Anfang des Jahres ein Gesetz, das es Gemeinden mit leergefegten Wohnungsmärkten erlaubt, öffentlichen Angestellten bei ihren Miet- und Lebensmittelausgaben unter die Arme zu greifen. Der Stadtrat von Mykonos beschloss etwa kürzlich, jedem Beamten pauschal 1000 Euro Soforthilfe zu zahlen.

Regierung will offenbar Tourismus-Branche schonen

Gegen die hohen Wohnungskosten hilft diese Mini-Subvention aber kaum. Und viele andere Urlaubsinseln zahlen nichts. Feuerwehrleute in Santorin hatten wiederholt schriftlich den Bürgermeister der Insel um Hilfe gebeten, erhielten aber keine Antwort.

In vielen europäischen Städten hat die Buchungsplattform Airbnb längst Ärger mit den Behörden. So erließ Berlin etwa ein Zweckentfremdungsverbot für privat genutzten Wohnraum, Barcelona zieht mit inzwischen 40 Inspektoren gegen die Steuerhinterziehung gewerbsmäßiger Airbnb-Vermieter zu Felde. In New York unterbindet es Airbnb, dass ein Gastgeber mehrere Wohnungen online anbietet.

In Griechenland geht die Regierung gegen die Vermittlungsplattform bisher nicht vor. Der Tourismussektor ist in dem Land die einzige boomende Branche, die fast 20 Prozent des Bruttoinlandsprodukts ausmacht. 2017 gab es mehr als 106.000 Angebote auf Mietplattformen für Kurzzeiturlaube, ein Anstieg um mehr als 20 Prozent im Vergleich zu 2015. Offenbar möchte die Politik dieses Wachstum nicht gefährden.

Auch das Airbnb-Management gibt sich gelassen. Airbnb demokratisiere das Reisen, führe Menschen verschiedener Kulturen zusammen und erschließe sozialschwachen Wohnungseigentümern neue Verdienstmöglichkeiten, argumentierte Airbnb-Sprecher Chris Lehane. "Reisen mit Airbnb trägt bis 2020 mit geschätzten 340 Milliarden Euro zur europäischen Wirtschaft bei und unterstützt etwa eine Million Arbeitsplätze."

Tatsächlich profitieren auch einige von dem Airbnb-Boom. Die 43-jährige Eleni Chroni arbeitete jahrelang als Architektin in Thessaloniki. Doch nach dem Zusammenbruch des Bausektors im Zuge der Finanzkrise hatte sie Probleme, ihre Rechnungen zu bezahlen. Im September entschied sie, ihr Büro in eine Ferienwohnung umzuwandeln - und per Airbnb anzubieten. Die 47 Quadratmeter große Wohnung befindet sich direkt neben der Rotunde, einem frühen Monument aus dem 4. Jahrhundert im Zentrum von Thessaloniki. Heute verdient sie damit monatlich rund 400 Euro, in der Hochsaison sogar noch mehr. Nur dank Airbnb kann sie ihre Familie über Wasser halten.

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