Energiewende Altmaiers Stromrechnung geht nicht auf

Die Strompreis-Sicherung hat enge Grenzen. Der Vorschlag des Umweltministers hat kaum Chancen auf Verwirklichung. Doch selbst wenn alles so käme, wie Peter Altmaier es anpeilt: Die Kosten für die Verbraucher könnten trotzdem steigen. Das ergeben Berechnungen von SPIEGEL ONLINE.
Umweltminister Altmaier: Fraglicher Kostenstopp für die Energiewende

Umweltminister Altmaier: Fraglicher Kostenstopp für die Energiewende

Foto: Focke Strangmann/ picture alliance / dpa

Hamburg - Peter Altmaier hat viel versprochen mit seiner Strompreis-Sicherung. Zwei Jahre soll die sogenannte EEG-Umlage - mit der die Deutschen den Ausbau der erneuerbaren Energien über ihre Stromrechnung finanzieren - nicht mehr steigen. Danach nur noch geringfügig.

Den Realitätstest muss seine Strompreis-Sicherung wohl nie bestehen. SPD und Grüne tun sich mit einigen Vorschlägen schwer und wollen sie spätestens mit ihrer Mehrheit im Bundesrat blockieren. Auch der Koalitionspartner FDP hat Probleme mit einigen von Altmaiers Vorhaben. Am 21. März trifft sich die Kanzlerin mit den 16 Ministerpräsidenten zum Energiegipfel. Gut möglich, dass Altmaiers Konzept bis dahin entsorgt ist.

Doch nur einmal angenommen, alles käme genau so, wie es Altmaier in seinem Konzept anpeilt: Wären die Strompreise dann wirklich sicher? Mitnichten.

Sinkende Strompreise belasten Verbraucher

Grundlage für Altmaiers Strompreis-Sicherung sind neue Berechnungen der vier großen Stromnetzbetreiber zu den Kosten der Ökostromförderung im Jahr 2013. Die Berechnungen, die SPIEGEL ONLINE vorliegen (PDF-Download), strafen eine andere Prognose  Lügen, die die Stromnetzbetreiber nur wenige Wochen zuvor gemacht hatten.

Mitte November waren die Netzbetreiber noch davon ausgegangen, dass das sogenannte Erneuerbare-Energien-Konto - über das die komplette Ökostromförderung der Republik abgewickelt wird - im laufenden Jahr einen Überschuss von rund 600 Millionen Euro anhäuft.

Ende 2012 war das Konto rund 2,6 Milliarden Euro im Minus . Dann wurde die EEG-Umlage für 2013 stärker erhöht, als es zur Förderung der bereits bestehenden und 2013 neu hinzukommenden Ökostromanlagen nötig gewesen wäre. Durch diese Überförderung sollte das Milliardendefizit Monat für Monat etwas abgebaut werden, Ende des Jahres sollte das Konto im Plus sein. "Speck anfressen" nennt das ein Mitarbeiter des Umweltministeriums.

Soweit der Plan. Das Problem ist nur: Die Experten haben in ihrer Novemberprognose den größten Kostentreiber der Ökostromförderung unterschätzt, nämlich die sinkenden Preise an der Strombörse. Paradoxerweise treiben gerade diese die Ausgaben massiv in die Höhe.

Dahinter steckt folgender Mechanismus: Die Produktionskosten von Wind-, Solar und Biogasanlagen sind weit höher als die von Kohle- oder Atomkraftwerken. Damit sich die Ökostromkraftwerke trotzdem rechnen, nehmen ihnen die Netzbetreiber den Strom zum Fixpreis ab und verkaufen ihn dann selbst an der Strombörse. Die Differenz zwischen Fixpreis und Börsenpreis wird über das EEG-Konto ausgeglichen. Je niedriger der Strompreis an der Börse ist, desto größer ist die Differenz, die ausgeglichen werden muss.

Ministerium rechnet mit bis zu 1,75 Milliarden Euro Minus

2013 dürfte die Differenz weit größer sein, als die Netzbetreiber im November prognostiziert haben. Damals gingen sie davon aus, dass der Strombörsenpreis im laufenden Jahr bei durchschnittlich 51 Euro pro Megawattstunde liegt. Es gibt eine lang bewährte Konvention, wie die Strombörsenpreise für die Zukunft berechnet werden - nur taugt diese derzeit nicht viel. Denn die Baisse an der Börse hat mehrere Gründe.

  • Erstens steigt durch die erneuerbaren Energien das Stromangebot bei gleichbleibender Nachfrage, es gibt immer öfter ein Überangebot an Elektrizität.
  • Zweitens lahmt durch die Euro-Krise in vielen Nachbarländern Deutschlands die Industrieproduktion, was die Nachfrage nach deutschen Stromexporten im Ausland verringert.
  • Drittens sind die Preise für Emissionszertifikate auf ein Rekordtief gefallen, was den Strompreis ebenfalls drückt.

Schon im Herbst war absehbar, dass der Strombörsenpreis 2013 deutlich niedriger sein würde, als die Prognose suggeriert. Trotzdem haben Umweltministerium und Netzbetreiber am althergebrachten Berechnungsweg festgehalten. Trotzdem wurde das sehr optimistische Szenario für das Erneuerbare-Energien-Konto veröffentlicht - und diente fortan als Grundlage für die Behauptung, dass die EEG-Umlage 2014 kaum oder gar nicht mehr steigen werde.

Ende des Jahres zeichnete sich dann ab, wie massiv Prognose und Wirklichkeit auseinanderklaffen. Die Netzbetreiber rechneten noch einmal, dieses Mal gingen sie von einem Strombörsenpreis von durchschnittlich 45 Euro pro Megawattstunde aus (Berechnung dazu hier). Für die Sommermonate veranschlagen sie einen noch niedrigeren Börsenpreis. Denn in der hellen Jahreszeit sinkt nicht nur generell der Stromverbrauch der Republik, sondern die Solaranlagen erzeugen auch besonders viel Strom. Es entsteht ein Überangebot - was die Preise an der Strombörse zusätzlich drückt.

Durch solch saisonale Effekte rechnen die Netzbetreiber nun damit, dass das Erneuerbare-Energien-Konto bis September 2013 rund 1,75 Milliarden Euro ins Minus rutscht. Zwar soll sich das Konto in den letzten Monaten des Jahres wieder etwas erholen - doch die EEG-Umlage für 2014 wird auf der Basis des Kontostands vom Herbst berechnet. Wäre das Erneuerbare-Energien-Konto dann so stark im Minus wie prognostiziert, würde die EEG-Umlage von derzeit rund 5,3 auf dann gut 6,3 Cent pro Kilowattstunde steigen. Ein Durchschnittshaushalt würde im kommenden Jahr 40 Euro draufzahlen.

Wie sicher sind die Preise wirklich?

Altmaiers Strompreis-Sicherung soll das befürchtete Defizit ausgleichen. Die Kostenersparnisse, die er in einem Konzept anpeilt und die er zusätzlich in einer Pressekonferenz beziffert hat, belaufen sich demnach auf rund 1,6 bis 1,8 Milliarden Euro. Die Strompreise indes wären dadurch noch immer nicht sicher.

Denn es ist gut möglich, dass die neue Prognose der Netzbetreiber noch immer zu optimistisch ist. "Wir rechnen damit, dass der Strombörsenpreis im laufenden Jahr eher bei durchschnittlich 40 Euro liegen wird", sagt Tobias Federico vom Fachdienst Energy Brainpool, einer der renommiertesten Beobachter der Börsenpreise. Das Defizit auf dem Erneuerbare-Energien-Konto wäre in diesem Fall noch weit größer.

Der Umweltminister selbst hat gegenüber dem SPIEGEL eingeräumt, dass das Konto bis September schlimmstenfalls sogar vier Milliarden Euro ins Minus geraten könnte. Dafür würden die Maßnahmen seiner Strompreis-Sicherung aber gar nicht reichen. Es sei denn, Altmaier würde der Industrie und den Betreibern von Ökostromanlagen Einschnitte zumuten, die über die in seinem Konzept festgelegten Obergrenzen hinausgehen.

Obendrein sind Altmaiers Maßnahmen nur darauf ausgelegt, die Belastungen der EEG-Umlage zu begrenzen. Der Strompreis steigt jedoch auch noch an anderer Stelle. So müssen wegen der Energiewende dringend neue Stromleitungen gebaut werden - wodurch sich die sogenannte Netzumlage erhöht. Auch diese bezahlen Verbraucher über ihre Stromrechnung.

Und gerade beim Ausbau der Stromnetze auf dem Meer drohen schon neue Kosten. Wird der Netzanschluss nicht pünktlich fertig, bekommen Windparkbetreiber seit kurzem Entschädigungen für den Strom, den sie nicht loswerden . Ein Teil dieser Kosten wird auf die Verbraucher abgewälzt. Mehrkosten in den kommenden Jahren: bis zu 0,25 Cent je Kilowattstunde. Durchgesetzt hat dieses Gesetzt übrigens ebenfalls Peter Altmaier.

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