Merkel in Davos Da kommt noch was

Manche bezeichnen sie schon als lahme Ente, doch beim Weltwirtschaftsforum in Davos kämpft die Kanzlerin leidenschaftlich für internationale Zusammenarbeit - und gegen die Allmacht der USA.
Angela Merkel mit Klaus Schwab

Angela Merkel mit Klaus Schwab

Foto: Gian Ehrenzeller/ dpa

Fragt man einen Headhunter, ist die Sache klar: "Ich habe Merkel immer bewundert", sagt Bjørn Johannsson. "Sie hat Europa geführt." Mittlerweile aber sei die Kanzlerin eine "lame duck", eine lahme Ente, als CDU-Chefin zurückgetreten und eine Kanzlerin auf Abruf. "Wenn sie mich fragen würde - ich würde ihr raten, jetzt rechtzeitig abzutreten."

Johannsson kennt sich aus mit Abgängen und Aufstiegen. Der Norweger, der in der Schweiz lebt, sucht neue Topmanager für große Konzerne, wenn die alten Chefs gehen müssen. Aus seiner Logik ist Merkel fertig. Da muss er ihren Auftritt vor der Wirtschaftselite in Davos gar nicht abwarten.

Als Merkel kurz darauf die Bühne im fast vollbesetzten großen Saal des Kongresszentrums von Davos betritt, wirkt sie allerdings alles andere als lahm. Mit ungewohnter Leidenschaft spricht die Kanzlerin vor dem Weltwirtschaftsforum über die Welt und Deutschland. Und zwar bewusst in dieser Reihenfolge.

Merkel als Anführerin der westlichen Welt

Merkel nutzt dabei die Lücke, die einige Absagen dieses Jahr ins Davos-Programm gerissen haben: US-Präsident Donald Trump ist zu Hause mit dem Shutdown beschäftigt, Frankreichs Präsident Macron mit den Gelbwesten und der Rettung seiner Präsidentschaft. Und die britische Premierministerin Theresa May muss angesichts des Brexit-Schlamassels jeden Tag neu schauen, wie lange sie wohl noch im Amt ist.

Wer bleibt dann noch als Anführer der westlichen Welt? Richtig, Merkel. Und genau so präsentiert sie sich auch in ihrer Rede.

Es gebe inzwischen grundsätzliche Zweifel am Multilateralismus und einen Ansatz, der besage: "Der Welt geht es am besten, wenn jeder an sich denkt", so Merkel. "Ich habe daran meine Zweifel. Ich glaube, wir sollten unsere nationalen Interessen jeweils so verstehen, dass wir die Interessen anderer mitdenken."

Das ist eine so eindeutige Botschaft an Donald Trump, dass selbst der manchmal etwas begriffsstutzige US-Präsident sie verstehen dürfte. Ebenso wie dessen Wiedergänger, der brasilianische Staatschef Jair Bolsonaro, der am Dienstag die Eröffnungsrede des Weltwirtschaftsforums halten durfte und der von internationaler Zusammenarbeit ebenso wenig hält wie Trump.

Merkel dagegen setzt auf Multilateralismus, auf internationale Regeln als Ergebnis von Diskussionen. "Eine globale Architektur wird nur funktionieren, wenn wir grundsätzlich fähig zum Kompromiss sind", sagt sie - noch so eine Eigenschaft, die Trump und anderen Populisten abgeht.

"Wir geben mit ihr in der Welt ein gutes Bild ab"

Auch inhaltlich positioniert sich Merkel in einigen Fragen ungewohnt deutlich gegen die US-Politik: Mit Sanktionen wie gegen Iran und mit dem Dollar als Leitwährung könne die Regierung in Washington ausländische Unternehmen "direkt beeinflussen", warnt die Kanzlerin. Die EU müsse sich fragen, wie sie über eine Stärkung des Euro gegenhalten könne. Sonst werde sie "steuerbar".

Im Streit über die in den USA so verhasste Ostseepipeline Nord Stream 2 schickt Merkel ebenfalls klare Worte in Richtung Washington: Deutschland werde weiter Erdgas aus Russland beziehen, sagt sie, "das ist vollkommen klar". Zugleich stellt sie aber auch in Aussicht, zusätzlich Flüssiggas aus den USA zu kaufen. Man müsse eben unabhängig bleiben. Punkt.

Zumindest beim deutschen Publikum in Davos kommt Merkels Mischung aus kämpferischer Haltung und Kompromissbereitschaft sehr gut an. "Wir geben mit ihr in der Welt ein gutes Bild ab", sagt hinterher etwa Lufthansa-Chef Carsten Spohr. "Kompromisse sind manchmal als langweilig verschrien, aber sie haben Deutschland da hingebracht, wo das Land heute steht."

Am Ende spricht Klaus Schwab, der Gründer des Weltwirtschaftsforums, an, was viele im Saal sich fragen dürften: War das womöglich ihr letzter Auftritt als Kanzlerin in Davos? Er hoffe, dass Merkel noch öfter als Kanzlerin hierherkomme, sagt Schwab. Offiziell läuft ihre Amtszeit schließlich noch bis 2021. "Nun haben Sie mich ja erst mal heute", antwortet Merkel, diesmal wieder pathosfrei und typisch Merkel. "Man soll sich über das freuen, was man hat."

Video: "Merkel hat sich ungewöhnlich kämpferisch gegeben"

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