DIW-Präsident Fratzscher zur Rezessionsangst "Wir müssen weg vom Alarmismus"

Weil Deutschlands Wirtschaftsmotor stottert, sehen einige Experten die Zeitenwende für die Konjunktur gekommen. Namhafte Ökonomen halten diese Sorge für völlig überzogen.
Baustelle

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Foto: Britta Pedersen/ picture alliance/dpa

Liest man derzeit die Nachrichten zur konjunkturellen Lage in Deutschland, könnte man das Gefühl bekommen, das Land steuere geradewegs auf einen Crash zu. Der renommierte Ifo-Index etwa sank im Januar auf den niedrigsten Wert seit fast drei Jahren, es war der fünfte Rückgang in Folge. Ifo-Präsident Clemens Fuest kommentierte: "Die deutsche Wirtschaft befindet sich in einem Abschwung."

Auch Wirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) schaltete in den Krisenmodus um, nachdem eine Reihe von Wirtschaftsforschungsinstituten ihre Prognosen nach unten korrigiert hatten. Es ergebe "Sinn, jetzt Wachstumsanreize zu setzen. Dazu gehören auch steuerliche Entlastungen für Unternehmen." Die Wirtschaft brauche Rückenwind, um "Arbeitsplätze und Wachstum zu schaffen".

Doch nun äußern sich Ökonomen, die all die pessimistische Stimmung für überzogen halten. "Wir müssen weg vom Alarmismus. Die vermehrt geäußerte Sorge um den Aufschwung in Deutschland ist überzogen", sagte Marcel Fratzscher, Präsident des Deutschen Wirtschaftsinstituts (DIW). Die deutsche Wirtschaft laufe gut. Die Beschäftigung werde weiter steigen." Auch im nächsten Jahr werde vor allem der Binnenmarkt die deutsche Wirtschaft stützen.

Ähnlich äußerte sich Wirtschaftsnobelpreisträger Robert Shiller jüngst in einem Interview mit dem SPIEGEL. "Schon gegen Ende letzten Jahres schienen die Leute plötzlich in pessimistischeren Tönen zu reden, bevor sich die Lage wieder etwas beruhigte. Ich neige dazu, das wie eine Epidemie zu sehen: Negative Gedanken sind ansteckend. Die Ursachen sehe ich aber als Rätsel - so wie sich auch die unterschiedliche Stärke von Grippewellen schwer erklären lässt." Er habe das Gefühl, die Krise würde herbeigeredet.

Marcel Fratzscher

Marcel Fratzscher

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Die letzte Rezession ist in Deutschland schon neun Jahre her, in den USA sind es sogar elf. Viele Beobachter haben das Gefühl, dass der Abschwung jetzt mal kommen müsste. Doch Fachleute wie Carsten Brzeski, Chefvolkswirt für Deutschland und Österreich der ING, sagen: "Es gibt kein ökonomisches Gesetz, dass Konjunkturaufschwünge an Altersschwäche sterben." Zur Erinnerung: Die australische Wirtschaft wächst seit 27 Jahren ohne Unterbrechung.

Es ist noch kein volles Jahr her, da schürte selbst Wirtschaftsminister Altmaier die Hoffnung, Deutschland könnte das stetige Auf und Ab der Konjunkturzyklen hinter sich lassen. Das kräftige Wirtschaftswachstum dauerte an, und Altmaier sagte Ende März dem SPIEGEL, er halte es für möglich, "dass wir diesen Wachstumspfad noch mindestens 15 bis 20 Jahre fortsetzen können".

Tatsächlich wuchs die deutsche Wirtschaft im vergangenen das neunte Jahr in Folge, wenn auch nicht mehr so stark. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) legte im vergangenen Jahr um 1,5 Prozent zu, nach jeweils 2,2 Prozent in den beiden Vorjahren.

Ursache für Wachstumsverlangsamung waren vor allem die Probleme bei der Einführung des neuen Abgas- und Verbrauchsstandards WLTP, die Auto-Hersteller mussten deswegen zeitweise ihre Produktion drosseln. Ökonomen der DekaBank urteilten deshalb: "Deutschland hat kein Konjunkturproblem, Deutschland hat ein Automobilproblem."

Es könnte also sein, dass viele Interessenten ihren Kauf schon in den nächsten Monaten nachholen werden. Die aktuelle Abschwächung der Konjunktur wäre dann nur vorübergehend. Offen ist allerdings, ob die anderen Unsicherheitsfaktoren für die Konjunktur bis dahin überwunden sind: etwa die Auswirkungen des weltweit zunehmenden Protektionismus und die abflauende Dynamik der Wirtschaft in China. Sie setzten der deutschen Wirtschaft in den vergangenen Monaten ebenfalls zu.

All die negative Stimmung lässt also Raum für positive Überraschungen. Gäbe es beispielsweise zwischen den USA und China eine Entspannung im Handelskonflikt oder doch noch eine Lösung im Brexit-Streit, würde sich das sofort positiv auf die Konjunktur niederschlagen. "So könnte das neue Wirtschaftsjahr dann doch besser werden, als es jetzt viele Pessimisten erwarten", sagt ING-Volkswirt Brzeski.

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