Anlageberater entführt Rentner-Gang muss für Geiselnahme büßen

Es war ein spektakulärer Fall von Selbstjustiz: Vier Pensionäre haben ihren Anlageberater entführt und vier Tage lang in einem bayerischen Haus als Geisel gehalten. Nun wurden sie verurteilt - der 74-jährige Haupttäter muss sechs Jahre ins Gefängnis.

Verurteilte Rentner (mit Verteidigern): Zwischen 18 Monaten und sechs Jahren Haft
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Verurteilte Rentner (mit Verteidigern): Zwischen 18 Monaten und sechs Jahren Haft


Traunstein - Ihr hohes Alter hat sie nicht vor drastischen Gefängnisstrafen bewahrt. Die vier Rentner, die ihren erfolglosen Finanzberater verschleppt und zur Rückzahlung hoher Geldbeträge gezwungen hatten, bekamen am Dienstag mehrjährige Freiheitsstrafen.

Das Landgericht Traunstein verurteilte den 74-jährigen Haupttäter am Dienstag wegen Geiselnahme und gefährlicher Körperverletzung zu sechs Jahren Gefängnis. Ein Komplize erhielt vier Jahre Haft wegen Freiheitsberaubung, Nötigung und gefährlicher Körperverletzung. Die beiden Ehefrauen kamen mit Bewährungsstrafen von 21 und 18 Monaten davon. Das Verfahren gegen einen weiteren Angeklagten war wegen Krankheit eingestellt worden.

Der Vorsitzende Richter Karl Niedermeier bescheinigte der "Rentner-Gang" einen "spektakulären Fall von Selbstjustiz". Die Männer und Frauen im Alter zwischen 61 und 80 Jahren hatten die gemeinsame Tat im Prozess gestanden. Die Staatsanwaltschaft hatte Haftstrafen zwischen neun und zwei Jahren gefordert. Die Verteidiger hatten auf Strafen zwischen vier und anderthalb Jahren plädiert.

Als Anlageberater hatte James Amburn seit Ende der neunziger Jahre in Florida Bauprojekte umgesetzt - und dabei auch Rentner aus Deutschland mit hohen Zinsversprechungen als Investoren gelockt. Dabei leisteten ihm offenbar seine exzellenten Deutschkenntnisse gute Dienste. Unter den Geldgebern befanden sich auch die späteren Entführer. Im Zuge der Immobilien- und späteren Wirtschaftskrise geriet das Amburn-Firmengeflecht ab 2005 in finanzielle Schwierigkeiten. Zinszahlungen an Investoren blieben aus, Nachfragen blieben unbeantwortet - schließlich wurden Anwälte eingeschaltet.

Im Kofferraum zum Chiemsee

Als auch eine letzte persönliche Konfrontation durch zwei Mitglieder der Gruppe im Juni 2009 in Amburns Wohnung in Speyer keine Klärung brachte, entschieden sich die deutschen Rentner offenbar für den Schritt in die Kriminalität. Sie überwältigten den Anlageberater, fesselten ihn mit Klebebändern und steckten ihn in eine Kiste.

Anschließend transportierten sie Amburn mit einer Sackkarre durch die Innenstadt von Speyer bis zum Auto eines des Angeklagten. Auf der anschließenden Fahrt zum Chiemsee - immerhin rund 500 Kilometer - soll es zu einer körperlichen Auseinandersetzung gekommen sein.

Im Haus eines des Angeklagten gab es dann "Verhandlungen", in denen die Entführer verschiedene Schreiben aufgesetzt hätten. Darin soll die Rentnergruppe einen Millionenbetrag zurückgefordert haben. Auch die anderen Gruppenmitglieder hätten von der Entführung gewusst und sich zeitweise in dem Haus aufgehalten. Erst mit einer versteckten Botschaft in einem Fax an eine Schweizer Bank konnte Amburn auf seine Notlage aufmerksam machen. Nach vier Tagen befreite die Polizei das Opfer, die Entführer wurden festgenommen.

Schon während der ersten Vernehmung stellte einer der Entführer Strafanzeige gegen den ehemaligen Finanzjongleur, die Staatsanwaltschaft Kaiserslautern nahm Ermittlungen auf.

jok/apn/dpa/APD



insgesamt 57 Beiträge
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Meckermann 23.03.2010
1. Wer Wind säht
Tja, das sollte allen Bankstern eine Lehre sein: treibt es nicht zu weit, osnst endet ihr im Kofferraum...
mrblond1981 23.03.2010
2. Das sollten....
Das sollten mehr Leute mal machen, fangt doch schon mal mit den Managern an die Unternehmen an die Wand fahren und trotzdem hohe Abfindung kassieren. Mit Zumwinkel und Co. auch noch. Die Rentner mögen zwar im Gefängnissen sitzen, aber sie haben schonmal den Grundstein gelegt für künftige gerechte Entführungen. ;-D
monocultur 23.03.2010
3. Naja
Also, einen Menschen zu entführen ist und bleibt ein Kapitalverbrechen. Andererseits gibt es immer noch Ursache und Wirkung, auch ein Finanzjongleur unterliegt diesem Prinzip. Ich muß ehrlich gestehen, das ich ein wenig mit den Rentnern symphatisiere und diesem Geldvernichter nur Häme oder ähnliches entgegenbringen kann. Aber bitte Leute, keine Gewalt, das ist überhaupt nicht mein Ding. Also, Bankster und Geldvernichter, be warned. Bei euch könnte es etwas anderes sein als eine Horde rüstiger Rentner. Und die Armen haben nichts zu verlieren, denen ist vielleicht auch ihr eigenes und euer Leben egal! Oder das eurer Kinder!
Pnin_ 23.03.2010
4. Vergleichbare Urteile...
Vergleichbare Urteile findet man hier: http://www.koelner-stadtanzeiger.de/html/artikel/1265965867956.shtml http://www.hr-online.de/website/rubriken/nachrichten/indexhessen34938.jsp?rubrik=36082&key=standard_document_38865747
juergw. 23.03.2010
5. Richtiges Urteil !!
Selbstjustiz ist zu Verurteilen !Betrügerische Anlageberater frei laufen lassen ist auch richtig ??? Wenn ich noch an die Schrottimmobilen denke-da hat der Staat die Geschädigten auch alleine gelassen. Die Justiz steht auf der Seite des Kapitals ,sonst würden ja die Gefängnisse überquellen !!!
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