Internetabzocke aus Kiew Anlagebetrüger haben offenbar weltweit Rentner ausgenommen

Kriminelle Banden sollen von Kiew aus mit dubiosen Anlagegeschäften arglose Bürger auf der ganzen Welt abgezockt haben. Ob es Betroffene in Deutschland gibt, ist noch unklar.
Mehr als 200 Händler sollen von Kiew aus Rentner auf der ganzen Welt abgezockt haben

Mehr als 200 Händler sollen von Kiew aus Rentner auf der ganzen Welt abgezockt haben

Foto: Valentyn Ogirenko/ REUTERS

In der ukrainischen Hauptstadt Kiew soll eine Callcenter-Firma Rentner weltweit mit dubiosen Anlagegeschäften um ihr Erspartes gebracht haben. Ein Whistleblower, der für die Firma gearbeitet haben soll, hat sich an die schwedische Tageszeitung "Dagens Nyheter"  gewandt und ihr Daten und Videoaufnahmen übermittelt. Mithilfe des Investigativ-Netzwerks OCCRP, dem die Zeitung angehört, konnten nun weltweit zahlreiche Betrugsopfer ausfindig gemacht werden.

Den Unterlagen zufolge sollen mehr als 200 Händler in Kiew für die Milton Group gearbeitet haben, offenbar mit dem Ziel, vor allem ältere Menschen um ihre Ersparnisse zu bringen. Insgesamt soll die Milton Group mit der Abzocke 70 Millionen Dollar eingenommen haben. Die Firma betreibt Internetseiten wie CryptoMB, Cryptobase und Vetoro Banc. Teilweise sind die Seiten auch in Deutschland aktiv. Zu den angebotenen "Produkten" gehören Deals mit Kryptowährungen und angebliche Wetten mit Optionen. Den Opfern wurden vermeintlich simple Anlagemöglichkeiten angeboten, mit denen man hohe Renditen einfahren könne.

Der Chef der Firma, Jacob Keselman, beschreibt sich auf seinem Instagram-Profil selbst als "Wolf of Kiev", in Anlehnung an den Film "Wolf of Wall Street", der von einem Börsenmakler handelt, der mit sogenannten Penny-Stocks reich geworden ist. Sämtliche Anschuldigungen wies Kieselman gegenüber der "Dagens Nyheter" zurück, ihm zufolge handelt es sich bei seiner Firma um einen Software-Dienstleister.

"Jeden Monat mindestens 1000 EUR abgezockt"

Unterlagen zeigen der Zeitung zufolge, dass die Betrüger vor allem ältere Menschen ins Visier nahmen. Ein Vermerk in einer Kundenakte der Firme lautete etwa: "Jeden Monat mindestens 1000 EUR abgezockt. Bekommt am 20. eine Rente / arbeitet jeden Dienstag." Eine schwedische Rentnerin sagte der "Dagens Nyheter", sie habe ihr gesamtes Erspartes investiert. Jetzt sei sie mittellos und verarmt.

Britische und australische Opfer wurden dem Bericht zufolge vor allem mit gefälschten Anzeigen auf Facebook angelockt, die berühmte Prominente wie Gordon Ramsay und Hugh Jackman zeigen. Außerdem erstellten die Täter Websites und ließen ihre Opfer Software installieren, um direkten Zugriff auf ihren Computer zu erlangen. Was für die Betrogenen zunächst als Hilfe der Call-Center-Mitarbeiter erschien, erwies sich im Nachhinein als perfide Masche, um an die Bankkonten und persönlichen Daten der Opfer zu gelangen. "Ich gab ihm einen Code, damit er den PC steuern konnte, um mir zu zeigen, wie es funktioniert. Vor meinen Augen hat er dann aber Geld transferiert und mir gestohlen", sagte ein britisches Opfer dem "Guardian" .

Frühere Recherchen des SPIEGEL zeigen, dass Rentner auch in Deutschland von internationalen Banden abgezockt worden sind. Ein Rentner aus Bayern etwa hatte beinahe sein gesamtes Vermögen über die Handelsplattform Toroption in sogenannte binäre Optionen investiert, das Geld ist inzwischen weg.

Bislang stehen die Behörden dem neuen Phänomen einigermaßen machtlos gegenüber. Generell werden mindestens drei von vier Betrugstaten nicht angezeigt. 2018 wussten Ermittler von mehr als 300 Fällen, in denen international operierende Wirtschaftsbetrüger mit der Masche binäre Optionen deutsche Anleger um ihr Geld gebracht haben.

Sind sie den Plattformen CryptoMB, Cryptobase und Vetoro Banc oder der Firma Milton Group aufgessen und Opfer eines Betrugs geworden? Melden Sie sich unter wirtschaft.online@spiegel.de

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