Anleihen unter Druck Märkte schicken Weckruf an Berlusconi

Die Risikoaufschläge für italienische und spanische Anleihen steigen, Italiens Premier Berlusconi muss um Vertrauen für sein Land kämpfen. Alles nur das üble Spiel von Spekulanten? Nein, sagen Ökonomen. Sie halten die Entwicklung für rational.

Berlusconi im Parlament: Der Ministerpräsident bittet die Anleger um Vertrauen
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Berlusconi im Parlament: Der Ministerpräsident bittet die Anleger um Vertrauen

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Hamburg - Es war ein wenig elanvoller Auftritt, mit dem Italiens Ministerpräsident Silvio Berlusconi am späten Mittwochnachmittag für Vertrauen in die Wirtschaft seines Landes warb. Das mag daran gelegen haben, dass Berlusconi ein Premier auf Abruf ist, der bereits seinen Abtritt für 2013 angekündigt hat. Es lag aber wohl auch daran, dass Berlusconi die steigenden Zinsaufschläge für italienische Staatsanleihen nicht für ein Zeichen realer Probleme hält. Italien sei auf dem richtigen Weg, sagte er, die Marktreaktionen seien nichts als Spekulationen.

Mit dieser Einschätzung ist der Italiener nicht allein. Deutlich genervt kommentierte auch EU-Ratspräsident Herman van Rompuy Anfang der Woche die jüngste Entwicklung an den Finanzmärkten: "Überraschenderweise sind seit unserem Gipfeltreffen die Zinskosten für eine Reihe europäischer Länder erneut gestiegen", schrieb der EU-Ratspräsident in einem Kommentar für mehrere europäische Zeitungen. "Ich sage überraschenderweise, weil alle makroökonomischen Fundamentaldaten in die andere Richtung weisen."

Italien werde 2011 einen Primärüberschuss erwirtschaften und mit seinem Sparpaket bis 2014 einen ausgeglichenen Haushalt vorlegen, schreibt van Rompuy. Spanien liege mit seiner Verschuldung von rund 70 Prozent unter dem EU-Schnitt und habe mutige Entscheidungen für Einsparungen und Wachstumsimpulse getroffen. Dennoch steigen die Zinsaufschläge für Staatsanleihen beider Länder derzeit auf Rekordstände von mehr als sechs Prozent. Das sei "komplett übertrieben", wettert van Rompuy, die Bewertungen auf dem Markt für Kreditausfallversicherungen seien sogar geradezu "aberwitzig".

Der Ärger ist verständlich. Nur zwei Wochen ist es her, dass Europas Spitzenpolitiker ein umfangreiches neues Rettungspaket für die Euro-Zone schnürten. Es enthielt nicht nur frische Milliardenkredite für Griechenland, sondern auch deutlich erweiterte Kompetenzen für den europäischen Rettungsfonds EFSF, um andere Krisenländer zu stützen und damit eine Ausweitung der Krise zu verhindern. Der Befreiungsschlag schien geglückt: Nach dem Gipfel sanken auch die Zinsaufschläge für italienische und spanische Anleihen.

Nun aber steigen die Aufschläge wieder - und alles scheint von vorne zu beginnen. Schließlich hatten auch Griechen, Iren und Portugiesen mit immer höheren Finanzierungskosten zu kämpfen, bis sie schließlich unter die europäischen Rettungsschirme schlüpfen mussten.

Haben sich die Märkte also nun einfach die nächsten Opfer vorgeknöpft? Arbeiten Spekulanten ein Krisenland nach dem anderen ab - völlig unabhängig davon, ob die wirtschaftliche Lage dort wirklich bedrohlich ist?

Ohne weiteres ist das Gebaren der Märkte tatsächlich nicht zu erklären. Wie van Rompuy beschreibt, haben sowohl Italien als auch Spanien mit Sparpaketen auf die Krise reagiert und unterscheiden sich zudem erheblich von den bislang gestützten Ländern: Die spanische Schuldenquote ist im europäischen Vergleich völlig undramatisch. Italien ist zwar hochverschuldet, aber auch immer noch eines der größten Industrieländer der Erde, mit einer relativ leistungsfähigen Wirtschaft.

Lernen aus der Lehman-Pleite

Dennoch sehen Ökonomen wie Kai Carstensen, Konjunkturchef des Ifo-Instituts, die Entwicklung an den Märkten als rational an. Demnach bildet sich dort gerade ein realistischeres Bild der einzelnen Euro-Länder heraus. "Vor der Lehman-Pleite war das Risikobewusstsein viel zu wenig ausgeprägt", sagt Carstensen. "Alle Länder wurden gleich beurteilt. Es ist durchaus wünschenswert, dass sich Investoren nun stärker die einzelnen Risiken anschauen." Die Pleite der US-Investmentbank Lehman Brothers hatte Ende 2008 die globale Finanzkrise ausgelöst, in deren Folge die falsche Bewertung zahlreicher Finanzprodukte zutage trat.

Auch Hans-Peter Burghof findet die bisherige Entwicklung wenig dramatisch. "Sind sechs Prozent Risikoaufschlag denn so schrecklich viel in einer normalen Welt?", fragt der Leiter des Instituts für Bankenwirtschaft und Finanzdienstleistungen an der Universität Hohenheim. "Wir stellen jetzt einfach fest, dass die Euro-Zone nicht einheitlich ist", glaubt Burghof. Das sei "etwas ganz Normales, es darf nur nicht außer Kontrolle geraten".

Wie aber können Italiener und Spanier die Kontrolle behalten? Burghofs Antwort ist simpel: "Die müssen Gas geben." In Spanien wagte Premierminister José Luís Zapatero zwar umfangreiche Reformen, kündigte nun aber entkräftet vorzeitige Neuwahlen an - kein besonders beruhigendes Zeichen für Investoren. In Italien wiederum schnürte die Regierung zwar ein umfangreiches Sparpaket, das in großen Teil aber erst in den kommenden Jahren wirksam wird.

"Kann schon sein, dass man als Investor nachts wachliegt"

"Das heißt, dass die italienische Regierung immer noch versucht, sich durchzumogeln", sagt Carstensen. Unter diesen Umständen könne er verängstigte Besitzer von Staatsanleihen durchaus verstehen. "Das kann schon sein, dass man da als Investor nachts wachliegt."

Allerdings seien in beiden Ländern unterschiedliche Probleme zu lösen: "Italien hat ganz offenbar ein Wettbewerbsproblem, Spaniens Achillesferse ist die hohe Arbeitslosigkeit." In beiden Ländern müssten jedoch die Löhne flexibler werden - etwa, indem Spanien diese nicht länger an die Inflationsentwicklung koppele.

In Italien brachte der Druck der Finanzmärkte Berlusconi immerhin dazu, zum ersten Mal seit längerer Zeit überhaupt Stellung zur Wirtschaftspolitik zu nehmen. Burghof sieht allein darin schon einen Erfolg. Da er die Medien beherrsche, könne der skandalumwitterte Premier die Realität sonst weitgehend ausblenden. "Das Einzige womit sich Berlusconi auseinandersetzen muss, sind die Kapitalmärkte."

Wie sehr es diesen Märkten tatsächlich um Reformen geht, bleibt aber weiterhin ein Rätsel. Laut Michael Mewes, Portfoliomanager der Großbank J.P. Morgan, haben die jüngsten Kursbewegungen wenig mit der politischen Lage zu tun. "Im September werden große Volumen an italienischen Anleihen fällig und Anleger wollten vorher die Renditen nach oben treiben", sagte Mewes der Finanz-Nachrichtenagentur dpa-AFX. Demnach müssten Italien und Spanien nur bis zum Herbst zittern - und könnten der Opferrolle doch noch entkommen.

insgesamt 36 Beiträge
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lizard_of_oz 04.08.2011
1. Dann wird halt der Rettungsfond gestärkt
So hat es der Baroso die Tage verlangt. Und nicht nur das, nein auch soll künftig bereits im Vorfeld einer Krise auf die Mittel im Fond zugegriffen werden können, indem dieser die Schrottpapiere der Pleitestaaten kaufen muss. Klar wohin da zielt, auf deutsches Geld, mit der Kanzlerin M. als williger Vollstreckungsgehilfin. Das wird für uns noch weit dramatischer wie der Vertrag von Versaille. Denn wie die italische Reaktion beweist, wird fest mit dem deutschen Geld gerechnet. Wenn das aber dazu führt, dass der deutsche Bürger ENDLICH auf die Straße sich begibt und Rechenschaft verlangt und der Politjunta zeigt, dass sie die Rechnung ohne den Wirt gemacht hat, dann bin ich Baroso sogar dankbar.
pudel_ohne_mütze 04.08.2011
2. Herman von Rompuy
Zitat von sysopDie Risikoaufschläge für italienische und spanische Anleihen steigen, Italiens Premier Berlusconi*muss um Vertrauen für sein Land kämpfen.*Alles nur das üble Spiel von Spekulanten? Nein, sagen Ökonomen: Sie halten die Entwicklung für rational. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,778239,00.html
Diese Oberflasche hat noch immer nicht realisiert, dass sich die Märkte genau darauf verlassen, dass die EU + EZB ihre eigenen Regularien nach Gutdünken unterläuft. Würde der Vertrag von Maastricht und das bailout-Verbot eingehalten, wäre die Lizenz zum Gelddrucken wertlos. So aber nimmt der Markt nur das was die windelweiche EU- Demokratur ihm bietet: A L L E S
BettyB. 04.08.2011
3. Über die peinliche und gleichzeitig verräterische Nutzung des Wortes Märkte
Welch Wunder, auch Böcking schreibt, ohne darüber nachzudenken, das Märkte etwas tun. Wer tut es nämlich nicht. Nun ist aber schon der Gebrauch der Mehrzahl in diesem Zusammenhang ein veräterisches Indiz, denn in wie viele Märkte will man den Finanzmarkt eigentlich einteilen? Schlimmer aber ist es, einem oder mehreren Märkten Handlungen zuzuschreiben, denn natürlich sind es nicht welche Märkte auch immer, sondern die Akteure, die auf oder in dem Markt agieren und dieses gewiß nicht absichtslos. Dabei zu unterstreichen, dass es aus ihrer Sicht um rationales Handeln geht, ist eigentlich auch eine Beleidigung der Leser. Nun ja, oder einfach ein Zeichen fehlender Kompetenz oder Nachdenkens des Schreibenden...
mkarsch 04.08.2011
4. Wir sind halt einfach Bloed!
Warum haben wir den Finanzhaien eigentlich immer noch keine Daumenschrauben angelegt? Warum beschweren sich unsere Politiker eigentlich? Die Finanzindustrie schöpft den rechtlichen Rahmen aus den Ihr die Politik zugesteht. Verantwortlich ist die Politik, also auch wir. Die Finanzindustrie hat nur ein Ziel Geld verdienen und sonst nichts!
Schalke 04.08.2011
5. ...
---Zitat--- "Überraschenderweise sind seit unserem Gipfeltreffen die Zinskosten für eine Reihe europäischer Länder erneut gestiegen", schrieb der EU-Ratspräsident ---Zitatende--- Ob die Polit-Bonzen das jemals noch kapieren, daß die Finanzbonzen nur das abräumen, was mit dem Bruch der Maastricht-Verträge immer wieder neu an "Rettungs"mitteln reinkommt? Es wird jetzt ein Land nach dem anderen plattgemacht. Die kleinen wie Irland und Griechenland waren die Versuchsballons, was so geht. Jetzt gehts erst richtig los.
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