Gefahren der Digitalisierung Damit uns die Zukunft nicht nach gestern katapultiert

Digitalisierung, Ungleichheit, demografischer Wandel - Arbeitnehmer weltweit stecken in Umbrüchen. Es droht die Gefahr, dass noch mehr prekäre Jobs entstehen. Kann man das verhindern - und wenn ja, wie?

Am Ende des Ersten Weltkriegs, den manche die Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts nennen, stand auch die Erkenntnis, dass es ohne soziale Gerechtigkeit keinen Weltfrieden geben kann. Also gründete der Völkerbund 1919 die Internationale Arbeitsorganisation (IAO). Heute ist die IAO eine Sonderorganisation der Vereinten Nationen mit 187 Mitgliedstaaten.

Zum 100. Geburtstag stellt die IAO an diesem Dienstag in Genf einen Expertenbericht vor. Doch anders als bei solchen Jubiläen üblich hatte die Kommission nicht den Auftrag zurückzuschauen. Stattdessen blickten die 28 internationalen Experten der "Globalen Kommission zur Zukunft der Arbeit" nach vorne, darunter Wissenschaftler, Vertreter etwa von Oxfam, Gewerkschafter und Entsandte von Arbeitgebern. Ein Jahr lang setzten sie sich unter anderem mit den Folgen des Klimawandels und der Digitalisierung für die Arbeitswelt auseinander, dem Stand bei der Geschlechtergerechtigkeit oder dem Schutz der Arbeitnehmer.

ILO-Delegation von 1929

ILO-Delegation von 1929

"Wir stehen heute, angesichts grundlegender und disruptiver Veränderungen im Arbeitsleben, die sich naturgemäß auf unsere gesamten Gesellschaften auswirken, vor einer der bedeutendsten Aufgaben unserer Zeit", lautet das Urteil der Kommission.

Künstliche Intelligenz und Digitalisierung werden ebenso neue Arbeitsplätze schaffen wie der ökologische Umbau der Wirtschaft und nachhaltige Produktionsverfahren. Aber sie werden auch Arbeitsplätze vernichten. Vor allem werden sie die Arbeitswelt grundlegend verändern. Die IAO sieht darin "unzählige Chancen, die Qualität des Arbeitslebens zu steigern" und Ungleichheiten zu beseitigen. Doch werde dies nicht von allein geschehen, ohne Handeln der Regierungen würden die bestehende Ungleichheit und Unsicherheit noch wachsen.

Ausgangssituation

Tatsächlich haben sich die Bedingungen für die Arbeitnehmer weltweit in den vergangenen Jahrzehnten verbessert. Die absolute Armut ist deutlich zurückgegangen. Durch gestiegene Einkommen konnten Millionen Menschen der Erwerbsarmut entkommen. Mehr Frauen verdienen Geld auf dem Arbeitsmarkt. Die Kinderarbeit ist drastisch gesunken. Gab es bei Gründung der IAO vor 100 Jahren nur einige wenige Staaten mit sozialen Sicherungssystemen, gibt es heute in "den meisten Ländern zumindest eine Grundsicherung".

Doch zugleich gehen laut Bericht noch immer zwei Milliarden Beschäftigte informellen Tätigkeiten nach, die nicht geregelt sind, und die Arbeitslosigkeit ist in den meisten Ländern noch immer hoch. Der Bericht konstatiert unter anderem diese Missstände:

  • 190 Millionen Menschen sind weltweit arbeitslos, darunter fast 65 Millionen Jugendliche.
  • 300 Millionen Arbeitnehmer leben in extremer Armut, weil ihr Tageslohn unter 1,90 Dollar liegt.
  • Millionen Männer, Frauen und Kinder sind nach wie vor Opfer moderner Sklaverei.
  • Frauen verdienen im Schnitt etwa 20 Prozent weniger als Männer.
  • 36 Prozent aller Beschäftigten weltweit arbeiten länger als 48 Stunden in der Woche.
  • Die Kluft zwischen den Reichen und der übrigen Bevölkerung wächst weiter.

Herausforderungen

Die ungelösten Probleme treffen auf neue Herausforderungen und "drohen sie zu verschärfen". Da ist etwa der demografische Wandel. In einigen Regionen, vor allem in den Entwicklungs- und Schwellenländern, wächst die Zahl der Jungen, sodass die Jugendarbeitslosigkeit zunehmen und sich damit der Migrationsdruck auf die Industrienationen weiter verschärfen wird.

Auch die Digitalisierung bereitet den Experten Sorgen. "Wenn wir die digitale Wirtschaft weiter ihrem derzeitigen Kurs überlassen, dürften sich die regionalen wie geschlechtsspezifischen Unterschiede vergrößern", heißt in dem Bericht. Die digitale Plattformökonomie mit ihren neuen Beschäftigungsformen wie Crowdworking könne ohne neue Regeln "die Arbeitspraktiken des 19. Jahrhunderts wieder aufleben lassen und künftige Generationen von 'digitalen Tagelöhnern' hervorbringen".

Vor allem in den Industrieländern hingegen nimmt die Alterung der Bevölkerung zu und belastet zusätzlich die Sozial- und Pflegesysteme. Die Schaffung menschenwürdiger Arbeitsplätze, so die Experten, würde dadurch noch erschwert. Deshalb formulierten sie eine Agenda für die Zukunft der Arbeit mit drei Schwerpunkten.

Lösungsansätze

Zunächst fordern die Experten die Staaten auf, in die Fähigkeiten der Menschen zu investieren. Sie wollen unter anderem einen Anspruch auf lebenslanges Lernen etablieren, um sich den Veränderungen an die Qualifikationen anpassen zu können. Zwar hat sich die Erwerbsbeteiligung der Frauen erhöht, aber noch immer üben drei Viertel aller Frauen weltweit unbezahlte Betreuungsarbeit aus. Deshalb müsse die Geschlechtergleichstellung vorangetrieben werden.

Weil die Arbeitswelt durch die neuen Technologien immer flexibler wird, ist für die Kommission ein universeller Sozialschutz von der Geburt bis ins hohe Alter unabdingbar: "Dazu gehört ein sozialer Basisschutz, der allen Bedürftigen eine Grundsicherung bietet und durch beitragspflichtige Sozialversicherungssysteme ergänzt wird."

Zudem sollen die Institutionen der Arbeit gestärkt werden. Darunter verstehen die Experten Gesetze zum Schutz der Arbeitnehmer ebenso wie Arbeits- oder Tarifverträge. Sie fordern, dass jeder Arbeitnehmer Anspruch auf einen "zur Bestreitung des Lebensunterhaltes angemessen Lohn erhalten" solle sowie auf Höchstarbeitszeiten und Arbeitsschutz.

In Zeiten neuer digitaler Geschäfts- und Beschäftigungsmodelle stellt sich die Frage, wie überhaupt die Interessen vieler Arbeitnehmer noch organisiert werden können. Deshalb soll die Politik die kollektive Interessenvertretung von Arbeitnehmern und Arbeitgebern aktiv fördern. Weil in der digitalen Welt die Möglichkeiten der Nationalstaaten an ihre Grenzen stoßen, sollte ein internationales System zur Regelung digitaler Arbeitsplattformen entwickelt werden, das sie und ihre Auftragnehmer zur Einhaltung bestimmter Mindestrechte und Schutzvorkehrungen verpflichtet.

Schließlich soll in menschenwürdige und nachhaltige Arbeit investiert werden. Etwa durch eine faire Steuerpolitik und überarbeitete Bilanzierungsstandards sollen Unternehmen stärkere Anreize für längerfristige Investitionskonzepte erhalten.

Die Expertenkommission verknüpft diese Forderungen mit einer nachdrücklichen Warnung an ihre Mitgliedstaaten: Sie sei davon überzeugt, dass auch 100 Jahre nach Gründung der IAO Frieden und Stabilität in Zeiten des Umbruchs langfristig nur durch soziale Gerechtigkeit gesichert seien. Ohne einen Aktionsplan, heißt es in ihrem Bericht, "werden wir schlafwandelnd auf eine Welt zusteuern, die von mehr Ungleichheit, höherer Unsicherheit und stärkerer Ausgrenzung und deren vernichtenden Folgen für Politik, Gesellschaft und Wirtschaft geprägt ist."