Arbeitgeber gegen Elternzeit Kind da, Job weg

Ein 51-jähriger Angestellter aus dem Taunus war hochqualifiziert, geschätzt, spezialisiert und gut bezahlt - bis er sich mehr um seine Familie kümmern wollte und in Elternzeit ging. Das gefiel seinem Arbeitgeber überhaupt nicht.
Vater mit Kind: "Führungskräfte haben in Deutschland enorme Probleme"

Vater mit Kind: "Führungskräfte haben in Deutschland enorme Probleme"

Foto: Corbis

Er ist zu groß für das Auto. Wenn Jens Schneider* in seinem Fiat Punto sitzt, berührt sein Kopf fast die Decke, er muss sich deshalb leicht nach vorne beugen. Die Ellenbogen stoßen ans Lenkrad, das unter seinen kräftigen Händen fast verschwindet. Gekrümmt sieht er dadurch aus, zusammengestaucht, kleingemacht.

Trotzdem passt das Auto, es macht seinen Abstieg sichtbar.

Bis vor kurzem war das noch anders. Da fuhr der 51-Jährige einen Audi, den Dienstwagen, den ihm seine Firma jahrelang selbstverständlich zur Verfügung gestellt hat. Genauso selbstverständlich, wie der Manager eines börsennotierten Konzerns ein sechsstelliges Jahresgehalt verdiente, am Ende des Jahres Gehaltserhöhungen und Boni für seine Arbeit bekam.

Seit mehr als einem Jahr gibt es für den Business Developer keine der bislang üblichen Bonuszahlungen mehr, seit Monaten kein Gehalt und zum August hat ihm sein Arbeitgeber, der Kunstoffteilhersteller Masterflex, nach Wirksamwerden der Kündigung schließlich auch das Auto abgenommen. Aus Schneiders Sicht letztlich eine Konsequenz dessen, dass er etwas getan hat, was in allen politischen Sonntagsreden gefordert wird - und was Schneider selbst schlicht für selbstverständlich hält: Er kümmert sich um seine drei Kinder und wollte deshalb nur 30 Stunden die Woche arbeiten.

Es funktioniert - bis zum dritten Kind

Das macht Schneider nicht nur, weil seine Frau Unternehmensberaterin ist und gleichberechtigt arbeiten will. Sondern auch, weil er es für richtig hält, dass Kinder einen Vater haben, der ansprechbar, greifbar und im Notfall auch da ist.

Genau das sagte Schneider nach eigener Aussage auch dem Chef des Unternehmens Masterflex, als dieser ihn im Jahr 2005 über einen Headhunter anspricht und für seinen Konzern gewinnen will. In dem Vertrag, auf den man sich schließlich ab September 2005 einigt, wird als Dienstsitz laut Schneider auch deshalb Weilrod eingetragen, ein kleiner Ort im Herzen des Taunus. Hier wohnt Schneider und von hier aus soll er künftig Vollzeit arbeiten. Das geht, weil er für die strategische Weiterentwicklung der Sparte Medizintechnik zuständig sein soll, sich um Akquisitionen, Ausgründungen und den Verkauf von Vermögensgegenständen kümmern muss. Für die Arbeit ist Schneider sowieso viel unterwegs, besucht die Beteiligungsgesellschaften der Firma in Friesland, Sachsen-Anhalt und Südhessen, bereist die USA und Asien.

Das funktioniert hervorragend - bis Schneider und seine Frau im Jahr 2007 ihr drittes Kind erwarten. "Wir haben uns damals relativ schnell darauf verständigt, beide Elternzeit zu nehmen und unsere Arbeitszeit auf 30 Stunden zu reduzieren", erzählt Schneider in seinem weichen süddeutschen Singsang.

Doch was der Familie so selbstverständlich erscheint und vom Gesetzgeber ausdrücklich erlaubt, ja sogar mit viel Geld gefördert wird, stößt bei Schneiders Arbeitgeber Masterflex auf wenig Gegenliebe. Hier hat inzwischen der Chef gewechselt, der Unternehmensgründer ist vom Vorstandsvorsitzenden zum Aufsichtsratschef geworden - und sein Nachfolger scheint im Fall von Schneider wenig von der gewünschten Vereinbarkeit von Beruf und Familie zu halten. "Schon in unserem ersten Gespräch signalisierte er mir, dass er wenig von meinen Plänen hält", sagt Schneider. Es folgten die von Schneider erwarteten Gegenargumente: Man könne nicht auf ihn verzichten, das Projekt, das er betreut, brauche seinen vollen Einsatz, eine Verringerung der Wochenarbeitszeit von 40 auf 30 Stunden deshalb nicht möglich.

Manchmal blitzt die Wut heraus

Doch Jens Schneider gehört nicht zu den Menschen, die sich ohne weiteres von ihrem Weg abbringen lassen. Der Mann, strubblige, graue Haare, durchdringend blaue Augen, hat eine ruhige und zugleich analytische Art zu erzählen, seine Sätze sind durchdacht. Er ist gewohnt zu argumentieren, zu streiten und für eine Sache zu kämpfen. Man merkt, dass er sich lange Gedanken über das gemacht hat, was er sagen will.

Ganz selten nur platzt die Wut aus ihm heraus, für einen kurzen Moment blitzt dann die Verletztheit durch, die Einsamkeit, das Staunen über die Behandlung, die man ihm zuteil hat werden lassen. Ihm, dem Mann, der seit Jahren mit Millionenbeträgen jongliert, Geschäftsführer war und gewohnt ist, dass seine Arbeit wertgeschätzt wird.

Denn was als unangenehmes Gespräch zwischen zwei Männern anfing, entwickelt sich über die Monate zur persönlichen Katastrophe: Erst verweigert das Unternehmen Schneider aus "dringenden betrieblichen Gründen" die Elternzeit, dann wird er auf ein anderes Projekt versetzt, ihm werden aus seiner Sicht faktisch unerreichbare Zielvorgaben gemacht.

Im Dezember 2007 treffen sich Schneider und sein Arbeitgeber dann vor Gericht, das den Anspruch auf Elternzeit bestätigt. Im Anschluss daran muss er, der seit Jahren selbstbestimmt und mit Homeoffice für die Firma tätig ist, stundengenaue Tätigkeitsnachweise erstellen - hatte er in dem Verfahren doch vorgetragen, das Projekt auch mit verringerter Arbeitszeit bewältigen zu können. Für das Jahr 2007 gibt es dann erstmals eine drastische Verringerung seines Bonus.

Nach diesen Vorgängen scheint das Verhältnis zwischen Schneider und seinem Arbeitgeber längst gestört, zwischen den Anwälten fallen Sätze wie: "Wenn es Herrn Schneider bei Masterflex nicht mehr gefällt, kann er jederzeit kündigen." Schließlich wird das Projekt, das er alleine betreut, für beendet erklärt, ein neues Tätigkeitsfeld trotz mehrmaliger Aufforderung nicht vereinbart. Stattdessen bietet man ihm die Versetzung an den Stammsitz in Gelsenkirchen an - der Fahrweg für den Familienvater würde somit drei Stunden betragen.

Es folgen Kündigungsdrohungen, zwischenzeitlicher Stopp der Gehaltszahlungen unter anderem wegen angeblicher "Leistungsverweigerung", man trifft sich erneut vor Gericht. Schließlich kommt es zur Kündigung - die vom Regierungspräsidium Darmstadt als zuständiger Behörde für die Prüfung von Kündigungen während der Elternzeit im Januar 2009 auch für zulässig erklärt wird. Über die hiergegen gerichtete Klage von Schneider hat das Verwaltungsgericht noch nicht entschieden.

Beim Unternehmen selbst ist man sich keiner Schuld bewusst. Man wisse, dass der Ausspruch einer betriebsbedingten Kündigung "für den betroffenen Mitarbeiter eine besondere Härte" darstelle, heißt es in einer Stellungnahme gegenüber SPIEGEL ONLINE. Es gebe aber immer wieder "strukturelle und konjunkturelle Veränderungen", auf die sich ein Unternehmen einstellen müsse.

"Je höher die Stellung ist, desto schwerer wird es"

Grundsätzlich habe man kein Problem mit der Vereinbarkeit von Familie und Beruf, man versuche selbstverständlich, "die familiären Belange unserer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu berücksichtigen", heißt es. Gleichzeitig müsse man aber berücksichtigen, dass es für ein Unternehmen wie Masterflex nicht immer einfach sei, für alle Angestellten ein "maßgeschneidertes Beschäftigungspaket zu ermöglichen". Im Fall von Schneider sei es nicht um "Wollen oder Nichtwollen" gegangen, sondern um "rein betriebliche Interessen":

Das Projekt, für das Schneider als Einziger zuständig gewesen sei, sei "aus wirtschaftlichen Gründen" endgültig eingestellt und abgeschrieben worden und nicht, weil es einen "Konflikt" oder ein "Zerwürfnis" gegeben habe. Diese Entscheidung sei angesichts von "Enwicklungs- und Vorlaufkosten in siebenstelliger Höhe" nicht leicht gefallen. Man habe dem Mitarbeiter "vor der Einleitung des Kündigungsverfahrens mehrere gleichwertige Positionen zur Weiterbeschäftigung" angeboten, dier diser jedoch alle abgelehnt habe. Mit Wirksamwerden der Kündigung zum 31.07.2009 habe dann auch keine Verpflichtung für Gehalts- oder Bonizahlungen mehr bestanden.

"Obwohl der Fall besonders krass erscheint, ist er leider repräsentativ", sagt Volker Baisch, Gründer des Väter-Netzwerks und Unternehmenscoach. "Gerade Führungskräfte haben in Deutschland immer noch enorme Probleme, wenn sie Familie und Beruf vereinbaren wollen. Je höher die Stellung ist, desto schwerer wird es." Und das, obwohl andere Länder längst vormachen, dass auch Führungskräfte Teilzeit arbeiten können. "Mit der Technik, die wir inzwischen haben, kann mir keiner erzählen, dass etwas dagegen spricht", sagt Baisch. Teilzeit heiße ja nicht, dass der Manager nur noch halbtags arbeiten wolle, sondern dass er sich seine Zeit flexibel einteilen und etwa von Zuhause arbeiten könne.

"Ist der Job mit Deiner Familie vereinbar?"

Genau das Modell also, das Schneider für machbar hielt. Jetzt sitzt er in seinem hellen Haus im Taunus und ordnet sein Leben neu. Er serviert Pflaumenkuchen mit Sahne, den er nach einem Rezept seines Vaters gebacken hat, räumt das Kinderspielzeug vom Boden weg, nimmt seine Tochter in den Arm, wenn sie krank ist. "Ich begreife immer noch nicht, dass auch der Sonderkündigungsschutz, den man während der Elternzeit hat, sich als weitgehend wirkungslos erweist, wenn das Unternehmen hinreichend entschlossen ist, jemanden loszuwerden. Das bedeutet, dass man als Mann nicht seinen Beruf ernstnehmen und sich verstärkt in seine Familie einbringen kann."

Noch weiß Schneider nicht, wie es weitergehen soll. Er ist nicht sicher, ob er so weitermachen will - in einem anderen Unternehmen, aber im gleichen System. Vielleicht ist er seiner Zeit einfach voraus, ein Vater, an den sich Deutschland erst gewöhnen muss.

Woanders sind sie weiter. Vor kurzem hatte Schneider ein Vorstellungsgespräch bei einem Konzern in Finnland. Die erste Frage des möglichen neuen Arbeitgebers dort war: "Wie können wir dafür sorgen, dass der Job mit deiner familiären Situation vereinbar ist?"


* Name von der Redaktion geändert

Anmerkung der Redaktion: Bei diesem Text handelt es sich um eine überarbeitete Fassung.

Mehr lesen über
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.