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30. August 2019, 12:11 Uhr

Deutschland im internationalen Vergleich

Schlechte Ausbildung, niedrige Löhne

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Wer schlecht ausgebildet ist, hat es in Deutschland schwer: Zwar finden Geringqualifizierte immer häufiger einen Job - allerdings oft nur zu Niedriglöhnen. Andere Länder zeigen, dass es besser geht.

Es gibt Wahrheiten, die sind so schlicht wie zutreffend. Etwa diese: Je schlechter ein Mensch ausgebildet ist, desto geringer sind seine Aussichten, einen guten Job mit ordentlichem Lohn zu bekommen. Und so wundert es auf den ersten Blick nicht, dass in Deutschland rund die Hälfte aller Geringqualifizierten im Niedriglohnsektor arbeiten.

Doch auf den zweiten Blick wird deutlich, dass diese Wahrheit gar nicht unumstößlich sein muss. Denn in anderen Ländern landen Menschen mit geringer Bildung deutlich seltener im Niedriglohnsektor als in Deutschland.

Ausgerechnet im Hochlohnland Deutschland haben Geringqualifizierte also besonders oft auch geringe Einkommen - und dafür gibt es Gründe. Anfang des Jahrtausends weitete die Agenda 2010 den Niedriglohnsektor massiv aus. Vor allem aber hat Deutschland es weniger gut als andere Staaten geschafft, Menschen mit schlechten Chancen Bildung und Qualifizierung zu vermitteln.

Zu diesem Ergebnis kommt eine neue Studie im Auftrag der Bertelsmann Stiftung. Das Bonner Institut zur Zukunft der Arbeit (IZA) und das Berliner Institut für empirische Sozial- und Wirtschaftsforschung (INES) untersuchten, wie sich die Lage der Menschen mit geringer Qualifikation auf dem Arbeitsmarkt seit Mitte den Achtzigerjahre entwickelt hat, auch im europäischen Vergleich. Schon der Titel der Zusammenfassung lässt ahnen, dass die Zahl der guten Nachrichten im Bericht übersichtlich ist: "Geringqualifizierte in Deutschland - niedrige Löhne, prekäre Bedingungen".

"Auf der Habenseite steht, dass der Anteil der Menschen mit geringer Qualifizierung an der erwerbsfähigen Bevölkerung seit Jahren abnimmt", sagt Katharina Bilaine, Arbeitsmarktexpertin der Bertelsmann Stiftung und Leiterin der Studie. 1985 galten in Westdeutschland noch 27 Prozent der Menschen zwischen 25 und 64 Jahren als gering qualifiziert - das heißt, sie hatten entweder gar keinen Schulabschluss oder nur einen Hauptschul- oder Realschulabschluss als höchste Qualifikation. Rund 30 Jahre später, im Jahr 2016, war dieser Anteil auf zwölf Prozent gesunken. In Ostdeutschland lag er in etwa auf dem Stand der Neunzigerjahre, bei sechs Prozent.

Zu den guten Nachrichten gehört ebenfalls, dass auch die Geringqualifizierten von der guten Konjunktur profitiert und trotz technologischen Wandels und Digitalisierung Chancen auf dem Arbeitsmarkt haben. Von 1985 bis 2016 ist die Erwerbstätigenquote der Geringqualifizierten in den alten Bundesländern von 48 Prozent auf 63 Prozent gestiegen.

Doch dann fangen die Probleme an: Ein Systemversagen mit weitreichenden Konsequenzen für die Betroffenen. Denn es stellt sich die Frage, welchen Preis hat das Mehr an Arbeit für sie?

"Zwar werden heute mehr Geringqualifizierte beschäftigt, aber oft zahlt es sich nicht für sie aus", sagt Studienleiterin Bilaine. Immer häufiger landen sie im Niedriglohnsektor - das heißt, sie verdienen einen Bruttostundenlohn, der bei höchstens zwei Dritteln des sogenannten Medianlohns liegt. Der Medianlohn liegt genau in der Mitte, wenn man die Gruppe aller Beschäftigten in zwei Hälften teilt.

Ab 1990 hat die Zahl der Geringqualifizierten, die im Niedriglohnsektor arbeiten, kontinuierlich zugenommen. Das liege vor allem daran, "dass diese Menschen häufiger in prekärer oder atypischer Beschäftigung landen", sagt Bilaine.

Zwar lag der Anteil der Geringqualifizierten, die eine unbefristete Vollzeitstelle haben, nahezu konstant bei rund 30 Prozent. Allerdings arbeitetet auch eine immer größere Gruppe der Geringqualifizierten in Minijobs, Teilzeit, mit befristeten Verträgen oder in Zeitarbeit (siehe Grafik). Alles Bereiche, in denen tendenziell schlechter gezahlt wird. Erst die Einführung des gesetzlichen Mindestlohns im Januar 2015 stoppte den Trend: In den beiden Folgejahren sank der Anteil der Geringqualifizierten im Niedriglohnsektor wieder leicht.

"Niedrige Löhne müssen nicht zwingend der Preis für eine hohe Beschäftigungsquote sein", sagt Bilaine. Dass es auch anderes geht, zeigt ein Blick ins Ausland. Während in Deutschland der Anteil der Geringqualifizierten mit Niedriglohn bei 50 Prozent liegt, sind es zum Beispiel in Großbritannien nur 33 Prozent, in Dänemark 25, in Frankreich 18 und in Schweden lediglich fünf Prozent. "Im internationalen Vergleich stehen wir schlecht da, in Deutschland sind besonders viele Geringqualifizierte im Niedriglohnbereich", sagt Bilaine.

In Großbritannien verringert vor allem der starke Anstieg des gesetzlichen Mindestlohns über die Jahre seit seiner Einführung 1999 die Quote. Auch in Frankreich senkt ein vergleichsweise hoher Mindestlohn den Anteil der Geringqualifizierten mit Billiglohn. Allerdings lässt sich der Staat dies rund 25 Milliarden Euro Lohnsubventionen an die Unternehmen kosten.

Die Forscher der Bertelsmann Stiftung sehen einen höheren Mindestlohn auch als mögliche Lösung für Deutschland. Allerdings mahnen sie dabei zur Vorsicht, damit negative Beschäftigungseffekte vermieden werden. Für nachhaltiger und Erfolg versprechender halten sie den skandinavischen Weg, durch Bildung und Weiterbildung die Qualifikation der Menschen zu erhöhen. Denn bisher bekommen in Deutschland jene, die Qualifizierung am nötigsten brauchen, am wenigsten davon.

Bei einer Befragung im Jahr 2018 gaben lediglich 4,3 Prozent der Geringqualifizierten in der Bundesrepublik an, in den vergangenen vier Wochen an einer Bildungs- oder Weiterbildungsmaßnahme teilgenommen zu haben - in Dänemark waren es fast 16 Prozent und in Schweden 21 Prozent. In beiden Ländern investiert der Staat viel Geld in eine aktive Arbeitsmarktpolitik, Weiterbildungsmaßnahmen und berufsbegleitende Bildung vor allem für geringer qualifizierte Menschen.

Die Nationale Weiterbildungsstrategie, die die Bundesregierung vor Kurzem verabschiedet hat, sei daher ein richtiger Schritt, meint Bilaine, aber nun müssten auch konkrete Maßnahmen folgen. Dazu gehört auch, dass Geringqualifizierte raus müssen aus schlecht bezahlten Minijobs und prekärer Beschäftigung. "Weiterbildung ist meist an unbefristete Vollzeitbeschäftigung gekoppelt", sagt die Forscherin. Und der Erhalt und Aufbau von Kompetenzen sind wiederum die Voraussetzung für bessere Einkommen.

"Mehr Gleichheit bei den Fähigkeiten erlaubt mehr Gleichheit bei den Löhnen", sagt Bilaine. Von beidem ist Deutschland noch weit entfernt.

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