Langzeitarbeitslose Die Vergessenen des Arbeitsmarktes

Die Beschäftigung boomt. Dennoch sind viele Menschen schon seit Langem ohne Job, die Politik hat sie systematisch vernachlässigt. Das muss sich ändern, auch wenn es Geld und Geduld fordert. Gute Ansätze gibt es genug.
Logo der Bundesagentur für Arbeit

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Foto: imago/Ralph Peters

Wie fundamental sich die Lage auf dem deutschen Arbeitsmarkt verändert hat, lässt sich sehr gut an diesem Bundestagswahlkampf festmachen. In den vergangenen Jahrzehnten stand die hohe Arbeitslosigkeit stets im Mittelpunkt des Wettstreits der Parteien um Wählerstimmen. Im Jahr 2017 ist alles anders: Die Union verspricht sogar Vollbeschäftigung im Jahr 2025 und muss sich dafür eher den Vorwurf gefallen lassen, das quasi Unvermeidliche für sich zu reklamieren, als den, unerfüllbare Hoffnungen zu wecken.

Schlange im Jobcenter Gelsenkirchen

Schlange im Jobcenter Gelsenkirchen

Foto: Julian Stratenschulte/ picture alliance / dpa

Tatsächlich gehört der drastische Rückgang der Arbeitslosigkeit zweifellos zu den Erfolgsgeschichten der vergangenen Jahre - das gilt auch für die statistisch versteckte Arbeitslosigkeit. Doch je niedriger diese insgesamt liegt, desto deutlicher tritt zutage, dass unter den Arbeitslosen eine Zweiklassengesellschaft besteht: Der eine Teil ist nur recht kurz ohne Job. Meist sind die Betroffenen gesund, unter 50 Jahren, haben eine Ausbildung - und finden dementsprechend schnell neue Arbeit. Der größte Teil der Erfolgsgeschichte beruht bei näherem Hinsehen darauf, dass diese Gruppe drastisch kleiner geworden ist.

Den anderen Teil bilden jedoch die Langzeitarbeitslosen. Zu ihnen zählt, wer bereits seit mindestens einem Jahr ohne Job ist. Seit dem Jahr 2009 stagniert ihre Zahl mehr oder weniger bei offiziell rund einer Million Menschen. Allerdings wirkt sich die Beschönigung der Arbeitslosenstatistik in dieser Gruppe besonders stark aus. Die realistische Größenordnung dürfte daher eher bei 1,5 Millionen Menschen liegen, das legen Befragungen der Industrieländerorganisation OECD nahe. Doch zumindest lässt sich auch an den offiziellen Zahlen der Trend ablesen, dass die Langzeitarbeitslosigkeit seit 2005 weit unterdurchschnittlich zurückgegangen ist.

Diese Entwicklung kommt nicht von ungefähr. Die Politik hat sich lange auf den Abbau der relativ kurzen Arbeitslosigkeit konzentriert. Langzeitarbeitslose hat sie hingegen vernachlässigt, wie allein ein Fakt verdeutlicht: Die meisten Langzeitarbeitslosen beziehen Hartz IV. Unter der schwarz-gelben Bundesregierung wurde das sogenannte Eingliederungsbudget der Jobcenter von 2010 bis 2013 radikal gekürzt - also das Geld, das sie für Maßnahmen ausgeben können, um Hartz-IV-Empfänger zumindest perspektivisch zu Arbeit zu verhelfen. Die schwarz-rote Koalition hat die Mittel seitdem nur leicht erhöht, sie liegen immer noch weit unter dem Niveau von 2010.

Zudem hat die Politik die Prävention vernachlässigt. Denn obwohl die Gesamtzahl seit Jahren stagniert, sind die Langzeitarbeitslosen keine konstante Gruppe: Jedes Jahr rutschen viele Menschen neu hinein - was im Übrigen das Unions-Wahlversprechen auf Vollbeschäftigung eben doch nicht zum Selbstläufer macht. Die Gesamtzahl bleibt nur konstant, weil auf der einen Seite Betroffene das Rentenalter erreichen oder aus verschiedenen Gründen offiziell nicht mehr als arbeitslos gezählt werden. Nur wenige finden jedoch einen sozialversicherungspflichtigen Job. 2015 etwa waren es 185.000 - und nur 57 Prozent von ihnen hatten diesen Job auch ein Jahr später noch.

Trotz dieser Fluktuation beobachten Experten eine zunehmende Verfestigung der Langzeitarbeitslosigkeit: Mehr als jeder zweite Betroffene ist bereits seit mehr als zwei Jahren arbeitslos, fast jeder vierte sogar schon länger als vier Jahre.

Genau genommen hat der Kampf gegen die Langzeitarbeitslosigkeit also zwei Ziele: Erstens, jenen zu helfen, die es bereits sind. Und zweitens, zu verhindern, dass Menschen neu hinzukommen. Allerdings wird es nicht reichen, die Eingliederungsmittel wieder deutlich zu erhöhen. Denn die Gruppe der Betroffenen ist sehr heterogen und so sind es auch die Ursachen für Langzeitarbeitslosigkeit.

Daher bedarf es eines ganzen Bündels verschiedener Ansätze:


Berufsausbildung - flexibel, passgerecht und auch für Ältere


Trotz der guten Jobentwicklung gibt es immer noch weniger unbesetzte Stellen als Arbeitslose. Zwei Gruppen haben bei Arbeitgebern einen schweren Stand und tragen daher ein besonders hohes Risiko für Langzeitarbeitslosigkeit: Menschen ohne Berufsausbildung und Ältere über 55 Jahre:

Qualifikation ist demnach das wichtigste Mittel gegen Langzeitarbeitslosigkeit. Hier gibt es großen Handlungsbedarf und das bereits in der Schule: Obwohl die Quote gesenkt werden konnte, haben immer noch rund sechs Prozent der Schulabgänger keinen Abschluss.

Darüber hinaus gibt es gute Ansätze, auch Menschen jenseits des Jugendalters zu einer Qualifikation zu verhelfen - diese sollten konsequent ausgebaut werden: Ziemlich erfolgreich ist das sogenannte "Spätstarter"-Programm der Bundesagentur für Arbeit (BA), durch das 25- bis 35-Jährige eine Berufsausbildung nachholen können. Ohne diese Altersgrenze könnten auch Menschen über 35 ihre Chancen durch einen Abschluss erhöhen. Zudem brechen viele die Ausbildung aus akuter Finanznot ab, wenn sie einen etwas besser bezahlten Hilfsjob ergattern können - auch, weil sie bereits eine Familie haben und diese besser versorgen wollen. Das könnte verhindert werden, wenn ihre Ausbildungsvergütung durch Zuschüsse oder Freibeträge über das Hartz-IV-Niveau gehoben würde.

Allgemein brechen zu viele Lehrlinge die Ausbildung ab, gerade wenn sie bereits in der Schule Probleme hatten oder ein schwieriges Umfeld haben: Dann sind Teilqualifizierungen eine Möglichkeit. Im besten Fall kann durch sie Schritt für Schritt auch ein vollwertiger Berufsabschluss erworben werden. Bei der sogenannten assistierten Ausbildung wird Azubis passgenau bei Defiziten geholfen und bei Problemen mit dem Betrieb vermittelt - bislang ist das Förderinstrument nur bis 2018 gesichert.


Bessere Betreuung: intensiver, individuell, aus einem Guss


Ob Langzeitarbeitslosigkeit nun Ursache oder Folge ist - viele Betroffene haben schwerwiegende Probleme, aus denen sie allein schlicht nicht herausfinden: Überschuldung, Sucht, Konflikte in der Familie, psychische und gesundheitliche Probleme. Dass ihnen in den Jobcentern individuell, umfassend und aus einer Hand geholfen werden muss, war bereits zur Zeit der Hartz-Reformen klar und wurde im Gesetz verankert. Doch in der Realität passiert es oft nicht, wie zahlreiche Auswertungen belegen: Die Jobcenter halten tendenziell wenig Kontakt zu ihnen, und wenn, werden die Probleme kaum angesprochen. Zudem bekommen sie nur sehr selten wichtige Hilfen wie eine Schuldnerberatung oder eine psychosoziale Betreuung.

Um das zu ändern, braucht es in jedem Fall mehr Personal für die Betreuung, dafür weniger in der Verwaltung: Derzeit betreut ein Fallmanager in den Jobcentern rund 150 Kunden - ein stetiger, vertrauensvoller Kontakt ist so kaum aufzubauen und ist von einer "fürsorglichen Belagerung", wie sie BA-Chef Scheele sich wünscht, sehr weit entfernt. Noch immer sind zu viele Jobcenter-Mitarbeiter damit beschäftigt, nach teils extrem komplizierten Regeln zu berechnen, wie viel Geld Hartz-IV-Empfängern zusteht, anstatt sie zu betreuen.

Ein Problem sind auch die verschiedenen Zuständigkeiten - die Fachleute sprechen von "Schnittstellenproblemen": Für die Arbeitsvermittlung und Qualifizierung sind je nach Dauer der Arbeitslosigkeit die BA oder das Jobcenter zuständig, für Schuldner- und Suchtberatung aber die Kommunen, bei Kindern im Haushalt kommt mitunter das Jugendamt und die Familienkasse ins Spiel - und so weiter. Oftmals beeinflussen die jeweiligen Leistungen die Ansprüche an andere Stellen, die überdies keine Daten austauschen dürfen. Dabei sind viele Betroffene ohnehin überfordert und bräuchten einen einzigen Ansprechpartner, der sie durch das Dickicht der potenziell vielfältigen Hilfsangebote begleitet.

Ein vielversprechender Ansatz sind hier die Jugendberufsagenturen, in denen im besten Fall Arbeitsagentur, Jobcenter, Jugendamt, Schulbehörde, Unternehmensverbände und Beratungsstellen zusammenarbeiten. Sie sollten flächendeckend eingerichtet werden - und könnten Vorbild sein, wie auch Langzeitarbeitslosen aus einer Hand geholfen werden kann.


Gezielt: öffentlicher Arbeitsmarkt


Schätzungsweise 100.000 bis 200.000 Langzeitarbeitslose haben nicht nur ein Problem, sondern gleich ein Bündel davon und sind schon seit vielen Jahren ohne Job. Für sie ist der erste Arbeitsmarkt schlicht keine realistische kurzfristige Perspektive - was nicht heißt, dass man sich nicht mehr um sie kümmern sollte. Die meisten Experten sind sich einig, dass sie die Möglichkeit bekommen sollten, freiwillig in einer sinnvollen Tätigkeit Kompetenzen und Selbstbewusstsein aufzubauen und an der Gesellschaft teilzuhaben, wozu Erwerbsarbeit gehört. Sie befürworten einen öffentlichen Arbeitsmarkt - das heißt also vollständig vom Staat finanzierte Jobs.

Grundsätzlich gibt es solche Arbeitsgelegenheiten schon. Allerdings fordert etwa der frühere Caritas-Generalsekretär Georg Cremer, sie auszuweiten und ihre Regeln grundlegend zu ändern. Bislang gibt es strenge, bundesweite Kriterien, die sicherstellen sollen, dass keine regulären Arbeitsplätze gefährdet werden - was zu teilweise grotesken Tätigkeiten führt, wie Cremer am Beispiel von Tierheimen überspitzt deutlich macht. Dort gelte für die Langzeitarbeitslosen im Umgang mit den Tieren die Vorgabe "nicht füttern, nur streicheln", um dem angestellten Personal keine Konkurrenz zu machen. So konstruiert, helfen diese Jobs nicht, sondern können sogar entwürdigend sein.

Cremer fordert daher, statt bundesweiter Regeln die Gewerkschaften und Wirtschaftsverbände vor Ort entscheiden zu lassen, ob reguläre Jobs gefährdet werden oder nicht - ihre Vertreter sitzen ohnehin im örtlichen Verwaltungsrat der Jobcenter. So könnte öffentliche Arbeit entstehen, die tatsächlich produktiv und sinnstiftend ist.

Viel spricht dafür, dass solch ein Arbeitsmarkt nach der Bundestagswahl entstehen könnte, allerdings mit einer anderen Zielsetzung: Damit sich die Langzeitarbeitslosigkeit quasi nicht an die Kinder vererbt, soll zumindest ein Elternteil in öffentliche Beschäftigung gebracht werden. Vom zugewandten, akzeptierenden Ansatz Cremers ist das weit entfernt. In jedem Fall sollte öffentliche Beschäftigung ein freiwilliges Angebot sein, kein Zwang. Bei einigen könnte so sogar der erste Arbeitsmarkt zumindest wieder in Sichtweite rücken.

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