Arbeitsmarkt Was ist dran am deutschen Jobwunder?

Auf den ersten Blick sieht der Arbeitsmarkt rosig aus. Doch Kritiker wenden ein: In Wirklichkeit wachse nur prekäre Arbeit auf Kosten guter Jobs. Die Situation sei viel schlechter als früher. Was stimmt? Eine Analyse.
Siemens-Gasturbinenwerk in Berlin

Siemens-Gasturbinenwerk in Berlin

Foto: Rainer Jensen/ picture alliance / dpa

44,2 Millionen Menschen - nie zuvor hatten so viele Menschen im vereinigten Deutschland Arbeit! Regelmäßig melden die Statistiker Rekorde dieser Art. Bei der Bundesagentur für Arbeit (BA) freue man sich besonders über eine positive Form der Entkopplung, sagte BA-Chef Detlef Scheele jüngst: Obwohl die Wirtschaft nur relativ schwach wächst, legt die Beschäftigung kräftig zu. Davon konnte man jahrzehntelang nur träumen.

Doch einige Sozialverbände und Sozialpolitiker sehen die Zahlen skeptisch: Das angebliche Beschäftigungswunder sei weder ein Wunder und schon gar kein Grund zur Freude, sagen sie. In Wirklichkeit werde Arbeit schlicht umverteilt, zum Nachteil der Arbeitnehmer: Vollzeitstellen würden in mehrere Teilzeitstellen aufgeteilt - oft sogar in Minijobs ohne Absicherung. Aus einem Arbeitnehmer mit gutem Job, gutem Gehalt und guter Altersvorsorge würden so zwei oder mehr Arbeitnehmer, die von ihrem Einkommen nicht leben können und denen Altersarmut drohe. Fertig sei das Beschäftigungswunder.

Was stimmt nun? Hat sich die Beschäftigung in Deutschland tatsächlich positiv entwickelt - oder ist in Wirklichkeit das Gegenteil der Fall? Auf der Suche nach Antworten offenbart sich ein Dilemma: Scheinbar werden beide Ansichten eindeutig durch die Statistik gestützt. Man muss schon sehr genau hinschauen.

Entscheidend für die Bewertung einer Entwicklung ist nicht zuletzt der betrachtete Zeitraum. Untersucht man ausschließlich den jüngsten Trend bei der Beschäftigung, ist das Ergebnis eindeutig positiv. (Wenn Sie die Entwicklung in absoluten Zahlen sehen wollen, wählen Sie den entsprechenden Knopf auf der Grafik):

Seit 2010 hat sich also nicht nur die Zahl der Erwerbstätigen um 7,9 Prozent deutlich erhöht - also derjenigen, die irgendeine Arbeit haben, auch als Selbstständige. Die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten ist mit 9,4 Prozent sogar noch stärker gestiegen, hier sticht besonders die Zunahme der regulären Teilzeitjobs (plus 33,4 Prozent) hervor. Aber auch die Vollzeitstellen haben um 6,1 Prozent zugelegt. Von einem Abbau an sogenannten "Normalarbeitsplätzen" - also in Vollzeit und mit Sozialversicherung - kann keine Rede sein. Auch die Menge an Arbeit hat deutlich zugenommen. Die Gesamtzahl aller Arbeitsstunden in Deutschland ist um fünf Prozent gestiegen.

Kleiner geworden sind seit 2010 lediglich zwei Gruppen: Die "marginal Beschäftigten", also diejenigen, die ausschließlich einen Minijob oder einen Ein-Euro-Job haben. Und die Selbstständigen, zu denen viele Solo-Selbstständige mit niedrigen Einkünften und ohne Altersvorsorge gehören.

Die meisten Kritiker der These vom Beschäftigungswunder bestreiten die gute Entwicklung der vergangenen Jahre nicht. Aber sie halten die Betrachtung für zu kurzfristig. Um die Situation auf dem Arbeitsmarkt realistisch einschätzen zu können, plädieren sie dafür, die gesamte Zeit seit der Wiedervereinigung zu betrachten.

In der folgenden Grafik ist die Entwicklung seit 1991 abgebildet - allerdings können hier marginale Beschäftigung und reguläre Teilzeit nicht getrennt ausgewiesen werden, weil die entsprechenden Daten erst seit 2003 erhoben werden. Sie sind bis dahin unter "Teilzeit" zusammengefasst.

So gesehen, wirkt der Arbeitsmarkt im Jahr 2017 nicht mehr rekordverdächtig. Die Arbeitsstunden sind auf dem Niveau von 1991, die Vollzeitstellen deutlich darunter. Nur die Teilzeitarbeit hat extrem zugelegt, und mit ihr die marginale Beschäftigung. Diese Betrachtung scheint die These zu belegen, wonach Unternehmen mithilfe der Gesetze neoliberaler Politiker die Arbeit lediglich umverteilt haben - zum Nachteil vieler Menschen, die von ihrem Job nicht leben und erst recht nicht fürs Alter vorsorgen können.

Doch auch diese Interpretation wird der Sache nicht gerecht: Während der vergangenen drei Jahrzehnte haben sich die Rahmenbedingungen drastisch verändert. Große Teile der deutschen Wirtschaft haben - wie in anderen Industriestaaten auch - einen Strukturwandel durchlaufen. Die sozialistischen Systeme im Osten Europas brachen zusammen und öffneten ihre Märkte, von China und anderen Schwellenländern ganz zu schweigen. Und Deutschland hat als einziges Land eine ehemalige Planwirtschaft integriert.

Nur in diesem Zusammenhang lassen sich die Entwicklungen seit der Wiedervereinigung interpretieren. Der Arbeitsmarkt war seitdem von drei sich teils überlappenden Entwicklungen geprägt:


Phase 1: die Neunzigerjahre
Der Arbeitsmarkt in Ostdeutschland bricht zusammen

Proteste gegen Massenarbeitslosigkeit in Dresden 1993

Proteste gegen Massenarbeitslosigkeit in Dresden 1993

Foto: Thomas Lehmann/ dpa


Die industriell geprägte Wirtschaftsstruktur der früheren DDR verschwindet, ein Großteil der Betriebe wird abgewickelt. Es kommt zu Massenentlassungen. Von 1989 bis 1994 sinkt die Zahl der Erwerbstätigen um 3,5 Millionen oder um mehr als ein Drittel. Allein in der Industrie gehen 2,2 von 4,4 Millionen Arbeitsplätzen verloren, in der Landwirtschaft 750.000 von 975.000. Nachhaltig entsteht neue Arbeit ausschließlich im Dienstleistungsbereich, etwa in Handel, Gastronomie oder Pflege - zumeist schlecht bezahlt, oft nur Teilzeit oder geringfügig, nicht selten auch in Selbstständigkeit. Nicht nur die Zahl, auch die Qualität der Arbeitsplätze sinkt erheblich.


Phase 2: Neunziger- und erste Nullerjahre
Die Industriejobs fallen weg, die Löhne werden schlechter

Proteste von Thyssen-Stahlkochern gegen Fusion mit Krupp, 1997 in Duisburg

Proteste von Thyssen-Stahlkochern gegen Fusion mit Krupp, 1997 in Duisburg

Foto: Associated Press


"Bereits seit den Siebzigerjahren befand sich der Westen in einem Strukturwandel, der sich in den Neunzigerjahren fortsetzte: von der Industrie- zur Dienstleistungsgesellschaft", sagt Enzo Weber, Ökonom am Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB). 1974 beschäftigt das produzierende Gewerbe 44 Prozent aller Arbeitnehmer, 1991 sind es 36 Prozent, 2005 nur noch 26 Prozent. Bergbau, Stahlindustrie und andere Branchen sind im Niedergang, auf dem Bau folgt dem Einheitsboom eine tiefe Krise. Auch in erfolgreichen Industrien ersetzt die Automatisierung viele Menschen. Im Dienstleistungsbereich gibt es zwar neue Jobs, aber weniger, als in der Industrie verloren gehen.

Gleichzeitig bürdet die Bundesregierung viele Kosten der Einheit den Sozialkassen auf. Das erhöht die Lohnkosten, ohne dass Arbeitnehmer davon profitieren. Gleiches gilt für die Frühverrentungswellen, mit denen die Regierung der Arbeitslosigkeit begegnet.

Zudem gibt es in Osteuropa plötzlich ein riesiges Angebot gut ausgebildeter Arbeitnehmer, zu rund einem Zehntel der deutschen Lohnkosten. Unternehmen verlagern ihre Produktion, das kostet einige Arbeitsplätze. Vor allem aber erhöht es den Druck auf die Gewerkschaften. Die stimmen in der Industrie realen Lohnverlusten zu - und zahlreichen Öffnungsklauseln in Tarifverträgen. Im wachsenden Dienstleistungsbereich sind Gewerkschaften traditionell schwach. Die Folge: Außer der Arbeitslosigkeit wächst die Ungleichheit bei den Löhnen drastisch, ebenso der Niedriglohnsektor und die prekäre Beschäftigung.


Phase 3: seit Mitte der Nullerjahre
Stabiler Aufschwung am Arbeitsmarkt

Stellenanzeige einer Leiharbeitsfirma in Köln, 2014

Stellenanzeige einer Leiharbeitsfirma in Köln, 2014

Foto: Oliver Berg/ dpa


Ab Mitte der Nullerjahre sorgt eine Kombination mehrerer Faktoren für eine nachhaltige Trendwende. "Die 2005 abgeschlossenen Hartz-Reformen waren wesentlich, um den Arbeitsmarkt in Schwung zu bringen", sagt IAB-Ökonom Weber und verweist auf den starken Rückgang der Arbeitslosigkeit bis 2008. Einen besonders großen Effekt habe die erheblich verbesserte Vermittlung gehabt, das sogenannte Matching funktionierte deutlich besser - das heißt, Arbeitsuchende und offene Stellen kamen effizienter zusammen.

Der vormals schmerzhafte Strukturwandel stützte und stützt laut Weber anschließend den Arbeitsmarkt trotz mauen Wirtschaftswachstums: Viele Dienstleistungsjobs seien relativ unabhängig von der Konjunktur, etwa in Erziehung oder Pflege. In der exportabhängigen Industrie verschwindet der Verlagerungsdruck. Im Gegenteil, nun machen geringe Arbeitslosigkeit und demografischer Wandel Arbeitskräfte zum knappen Gut: Unternehmen scheuen Entlassungen und stellen sogar auf Vorrat ein, um am nächsten Aufschwung überhaupt teilhaben zu können. Seit 2010 wachsen auch die Reallöhne langsam wieder.


Folgende Grafik zeigt noch einmal die Entwicklung seit 1991, diesmal sind die Phasen eingezeichnet:

Foto: SPIEGEL ONLINE

Wie so oft liegt die Wahrheit also in der Mitte: Das Beschäftigungswunder der letzten Jahre ist kein Wunder, denn es lässt sich mit den Rahmenbedingungen erklären. Es ist aber auch kein Trick: Arbeit wird nicht nur umverteilt, es gibt auch mehr gute Vollzeitjobs. Für die Zukunft macht Mut, dass die Beschäftigung inzwischen strukturell stärker wächst als die Wirtschaft.

Und der ungebrochene Teilzeit-Boom? Inzwischen arbeiten vier von zehn Arbeitnehmern in Teilzeit, vor 25 Jahren waren es nur zwei. In den meisten Fällen wollen sie das auch so: Nur rund 15 Prozent der Frauen und rund 27 Prozent der Männer in Teilzeit gaben im Jahr 2011 an, lieber in Vollzeit arbeiten zu wollen, aber keine Stelle zu finden. In dieser Gruppe könnte vielen Altersarmut drohen - sie werden auch nur eine Rente auf Teilzeit-Niveau bekommen und können oft nicht oder nur wenig in eine Privatrente zahlen. Der großen Mehrheit aber ermöglicht die Teilzeit offenbar, ihre persönlichen Lebensverhältnisse mit Erwerbstätigkeit zu vereinbaren.

Ist also alles gut? Nein, und hier ist der Vergleich zur Ausgangssituation 1991 durchaus sinnvoll. Denn er zeigt deutlich die Schattenseiten des deutschen Arbeitsmarktes auf: Alles zusammengenommen ist die Qualität der Beschäftigung heute schlechter als in den Neunzigern. Durch die viele Jahre sinkenden oder stagnierenden Reallöhne ist das Einkommensniveau relativ niedrig und steigt auch in jüngerer Zeit nur langsam. Ein großer Niedriglohnsektor ist entstanden, die Ungleichheit bei den Löhnen erheblich größer geworden.

Die Hartz-Reformen haben nicht nur die Arbeitsvermittlung verbessert, sondern auch den Druck erhöht, Arbeit unter Qualifikation und mit schlechter Bezahlung anzunehmen. Die Zahl der Leiharbeitnehmer ist von 100.000 bis 2011 auf rund eine Million gestiegen und verharrt seitdem auf diesem Niveau. Jeder vierte der rund 4,3 Millionen Selbstständigen ist es geschätzt nur zum Schein, oft mit einem Werkvertrag zu meist sehr schlechten Bedingungen. Es gibt mehr marginale Jobs und befristete Verträge als in den Neunzigerjahren.

Seit 2010 haben sich die meisten dieser Trends zwar zum Guten gedreht - aber relativ schwach, sie gleichen die Entwicklung der zwei vorhergehenden Jahrzehnte noch lange nicht aus. Die Herausforderung sei, so IAB-Ökonom Weber, gegen diese Verfestigung einer Zweiklassengesellschaft auf dem Arbeitsmarkt anzukämpfen, gleichzeitig aber nicht die gute Beschäftigungsentwicklung zu gefährden.

Hier können Sie die Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt seit 1991, 1995, 2003, 2005 und 2010 vergleichen. Wählen Sie dazu den entsprechenden Knopf: