Demografie 2020 Deutschland kann sich schlechte Arbeit nicht mehr leisten

2020 beginnt eine wichtige Ressource der deutschen Wirtschaft zu versiegen: Der Pool an Arbeitskräften wird kaum noch wachsen und bald schon schrumpfen. Eine Herausforderung für Unternehmen und Beschäftigte.
Schweißer bei Blohm+Voss in Hamburg: Umworben und begehrt - aber auch gefordert

Schweißer bei Blohm+Voss in Hamburg: Umworben und begehrt - aber auch gefordert

Foto: Christian Charisius / DPA

Wenn Barbara Urch-Sengen die jüngsten Veränderungen beschreiben soll, erzählt sie von einem 15 Jahre alten Sketch. Zum Abschluss eines Bewerbungstrainings spielten Jugendliche verkehrte Welt: Ein Schüler, ihm gegenüber fünf Arbeitgeber, die sich im besten Licht darzustellen versuchen und einander mit ihren Vorzügen übertrumpfen. Man habe herzlich gelacht damals, erzählt die Verwaltungschefin der Stadt Beckum, so skurril sei die Szene gewesen.

"Heute", sagt Urch-Sengen, "haben wir exakt diese Situation."

Wenn sie zum Beispiel Tiefbauingenieure suche, gehe häufig keine einzige Bewerbung ein. Auch Handwerker seien schwer zu bekommen. Beim Buhlen um Büro-Profis seien Banken, Versicherungen und der Handel eine harte Konkurrenz für die 36.000-Einwohner-Stadt im Münsterland.

"Wir müssen in den Bereichen fischen, in denen die anderen es nicht tun", sagt Urch-Sengen. So stelle die Stadt auch gern Ältere ein, ebenso wie Menschen mit Behinderungen oder Migrationshintergrund. Und die 500 Mitarbeiter, die sie schon habe, versuche man tunlichst zu halten: mit möglichst hohen Tarifgruppen beim Gehalt, maximal flexibler Arbeitszeit - "bei uns gibt es von der 5- bis zur 41-Stunden-Woche alles" -, Homeoffice und flache Hierarchien. "Wir sind ein guter Arbeitgeber", sagt Urch-Sengen, "aber wir müssen uns dafür richtig anstrengen." Nur deshalb habe man derzeit noch keinen Personalmangel.

Damit ist Beckum aber die Ausnahme. Rund 185.000 Stellen können Kommunen, Länder und Bund derzeit nicht besetzen. Das Problem, das der öffentliche Dienst heute schon hat, wird sehr bald die gesamte Wirtschaft erfassen. Für die deutschen Unternehmen versiegt eine wichtige Ressource: Arbeitskräfte.

Die Babyboomer gehen in Rente und fehlen dem Arbeitsmarkt

Ein entscheidender Wendepunkt in dieser Entwicklung steht unmittelbar bevor: der Zeitpunkt, zu dem der Pool an Menschen, die ihre Arbeitskraft zur Verfügung stellen, größer sein wird als je zuvor und als in den folgenden Jahrzehnten.

Seit 2010 ist dieser Pool enorm gewachsen - im Schnitt jedes Jahr um rund 300.000 auf derzeit etwas mehr als 47 Millionen Menschen. Aber: "Das nun zu Ende gegangene Jahr wird das letzte gewesen sein, in dem das Arbeitskräftepotenzial noch einmal kräftig gewachsen ist", sagt Enzo Weber vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB), "bereits im Jahr 2020 wird es nur noch um einige Zehntausend zunehmen".

Und danach? Die Babyboomer beginnen in Rente zu gehen, und damit werden jedes Jahr deutlich mehr ältere Menschen aus dem Arbeitsleben ausscheiden, als es junge beginnen. Das Arbeitskräftepotenzial wird unweigerlich schrumpfen.

Die Frage ist nur, wie stark. Wie groß der Effekt der Alterung für sich allein genommen ist, macht folgende Grafik deutlich: Sie zeigt, wie das Arbeitskräftepotenzial sich entwickeln würde, wenn es weder Zu- noch Abwanderung gäbe und der Anteil an Frauen und Älteren auf dem Arbeitsmarkt auf dem aktuellen Stand bleibt. Allein bis zum Jahr 2025 würde es um zwei Millionen Menschen kleiner werden, bis zum Ende des Jahrzehnts um mehr als 4,5 Millionen Menschen - und danach weiter fallen:

So drastisch muss es allerdings nicht werden - und wird es voraussichtlich auch nicht. Zwei Faktoren können das Schrumpfen des Arbeitskräftepotenzials bremsen. Verhindern allerdings werden sie es nicht. Das machen die Berechnungen von Forschern des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung um Johann Fuchs  ebenfalls deutlich, die zuletzt in einer Studie der Bertelsmann-Stiftung  veröffentlicht wurden:

  • Noch mehr Frauen und Ältere könnten arbeiten gehen: Zwar ist die Erwerbsquote beider Personengruppen in den vergangenen Jahren bereits deutlich gestiegen - aber es ist noch etwas Luft nach oben.

  • Arbeitskräfte aus dem Ausland können die Personallücke ebenfalls lindern. Im nun zu Ende gehenden Jahrzehnt war diese Zuwanderung hoch - zum größten Teil durch Zuzüge aus anderen EU-Staaten. Auch die Eurokrise, die zahlreiche Menschen aus Spanien, Italien oder Griechenland anzog, und der Zuzug von Flüchtlingen spielten eine Rolle. Im Schnitt wanderten seit 2010 jedes Jahr rund 400.000 Menschen mehr nach Deutschland ein als aus der Bundesrepublik ins Ausland zogen.
    Zuletzt aber lag die Nettozuwanderung deutlich niedriger, wobei die meisten Menschen aus Rumänien, Polen und Bulgarien kamen. Länder, in denen die Wirtschaft so stark wächst, dass sich künftig immer weniger Menschen zu einem Umzug nach Deutschland entschließen könnten. Aller Voraussicht nach wird die Zuwanderung nicht mehr die Größenordnung des vergangenen Jahrzehnts erreichen, auch weil diese Länder ebenfalls enorme demografische Probleme haben.

Die folgende Grafik zeigt, wie sich das Arbeitskräftepotenzial entwickeln könnte, wenn diese beiden Faktoren dazukommen. Weil die Forscher für ihre Berechnungen von den Daten des Jahres 2017 ausgingen, sind die Zahlen für die Folgejahre etwas niedriger als in der Realität - die Trends für die Zukunft seien aber stabil, sagt IAB-Ökonom Fuchs:

In einem optimistischen Szenario, in dem Frauen und Ältere öfter arbeiten gehen und jedes Jahr unter dem Strich 200.000 Personen nach Deutschland einwandern, wird das Arbeitskräftepotenzial bis zum Jahr 2030 immer noch um rund 1,5 Millionen Menschen kleiner werden. Zwar kann man davon ausgehen, dass sich die durchschnittliche Arbeitszeit in den kommenden Jahren erhöhen wird, was den Effekt etwas abfedern dürfte, wie das Bundesamt für Bevölkerungsforschung vor Kurzem feststellte . Aber selbst im optimistischsten Szenario geht die Gesamtzahl der geleisteten Arbeitsstunden im Jahr 2030 leicht zurück.

Diese Entwicklung ist eine enorme Herausforderung - sowohl für die Unternehmen als auch für die Arbeitnehmer.

Die Wirtschaft muss die Produktivität der Arbeit deutlich steigern. In den Zehnerjahren konnte sie allein dadurch wachsen, indem sie die Beschäftigung stark ausweitete: Jedes Jahr schuf sie im Schnitt rund 500.000 neue sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze. Das ging, weil der Pool an Arbeitskräften ebenfalls stark wuchs.

Niedriglöhne werden auch ökonomisch untragbar

In Zukunft jedoch werden deutsche Unternehmen lernen müssen, mit weniger Menschen dennoch mehr zu erwirtschaften, sagt IAB-Forscher Enzo Weber. Sie werden statt wie bislang die Quantität künftig die Qualität der Arbeit erhöhen müssen.

Immerhin: Das Potenzial dafür ist groß. Denn Deutschland hat einen riesigen Niedriglohnsektor, rund jeder vierte Arbeitnehmer ist darin beschäftigt und bekommt die negativen Auswirkungen zu spüren. Neben dem sehr niedrigen Einkommen verrichten sie oft relativ einfache und damit wenig erfüllende Tätigkeiten, sind oft nur prekär beschäftigt und werden nur selten weitergebildet. Was aus sozialen Gesichtspunkten schon immer ein Missstand war, ist künftig auch ökonomisch ein untragbarer Zustand. Deutschland wird sich schlechte Arbeit künftig schlicht nicht mehr leisten können.

Konkret bedeutet das, dass viele Arbeitnehmer künftig komplexere und anspruchsvollere Tätigkeiten ausüben werden. Wo heute beispielsweise ein Mitarbeiter in einer Werkshalle Hunderte Male am Tag eine Maschine mit einem Metallrohling bestückt, wird das künftig ein Roboter tun, der nur noch ein- oder zweimal am Tag neu bestückt wird. Der Roboter wiederum muss jedoch dafür laufend neu justiert und programmiert werden - von dem Mitarbeiter, der zuvor die Tätigkeit verrichtete und der nun einen Großteil seiner Arbeitszeit produktiver einsetzen kann, indem er noch weitere Roboter betreut oder anspruchsvollere Aufgaben verrichtet. Das gleiche Prinzip wird für Arbeitsplätze im Büro oder bei Dienstleistungen wie Lieferservices gelten.

Damit das funktioniert, müssen Arbeitnehmer aber deutlich umfassender und intensiver geschult werden als bislang. Das bedeutet, dass Unternehmen und auch der Staat viel mehr Geld in Weiterbildung investieren müssen - und zudem eine Strategie dafür haben. Es wird entscheidend darauf ankommen, ob Betriebe ihre Arbeitsorganisation langfristig richtig planen und ein Konzept für die Qualifizierung ihrer Mitarbeiter haben.

Begehrt und umsorgt, aber auch gefordert

Die Stadt Beckum hat das bereits erkannt. Bereits vor zwei Jahren startete dort eine sogenannte modulare Qualifizierung: Verwaltungsmitarbeiter werden hier gleich für mehrere Bereiche ausgebildet statt wie bislang nur für einen - und sind dann nicht nur im Haushaltsrecht fit, sondern auch im Sozialrecht und anderen Gebieten. "Künftig müssen alle alles können", sagt Verwaltungschefin Urch-Sengen. So können die Mitarbeiter flexibel eingesetzt werden und arbeiten zudem durch das Denken über Fachgrenzen hinweg effizienter.

Auf Arbeitnehmer kommen daher insgesamt sowohl angenehme als auch anstrengende Zeiten zu. Einerseits werden sie als knappes Gut begehrt und umworben sein, gelockt mit hohen Gehältern und dem Versprechen, die Arbeit flexibel ihren Lebensverhältnissen anpassen zu können. Andererseits werden die Ansprüche an sie enorm wachsen, ihre Tätigkeiten werden komplexer und abstrakter, und damit auch die Anforderungen an ihre Kompetenzen. Weiterbildung wird zum Dauerzustand, ständiges Lernen zur Regel. Wer dabei nicht mitkommt, wird es in einer deutlich produktiveren Arbeitswelt schwer haben - trotz der Arbeitskräfteknappheit.

Allein deshalb kann sich Deutschland einen weiteren Missstand nicht mehr leisten: Jedes Jahr verlassen rund sechs Prozent der Schulabgänger die Schule ohne jeden Abschluss.

Das Meinungsforschungsinstitut Civey  arbeitet mit einem mehrstufigen voll automatisierten Verfahren. Alle repräsentativen Echtzeitumfragen werden in einem deutschlandweiten Netzwerk aus mehr als 20.000 Websites ausgespielt (»Riversampling«), es werden also nicht nur Nutzer des SPIEGEL befragt. Jeder kann online an den Befragungen teilnehmen und wird mit seinen Antworten im repräsentativen Ergebnis berücksichtigt, sofern er sich registriert hat. Aus diesen Nutzern zieht Civey eine quotierte Stichprobe, die sicherstellt, dass sie beispielsweise in den Merkmalen Alter, Geschlecht und Bevölkerungsdichte der Grundgesamtheit entspricht. In einem dritten Schritt werden die Ergebnisse schließlich nach weiteren soziodemografischen Faktoren und Wertehaltungen der Abstimmenden gewichtet, um Verzerrungen zu korrigieren und Manipulationen zu verhindern. Weitere Informationen hierzu finden Sie auch in den Civey FAQ .