Arbeitszeiten Wie die Deutschen für ihr Geld schuften müssen
Hamburg - Von der 37,6-Stunden-Woche, wie sie in vielen Arbeitsverträgen steht, können die meisten Deutschen nur träumen. Der klassische Arbeitstag von 9.00 bis 18.00 Uhr mit einer Stunde Mittagspause ist die Ausnahme. Einer EU-Studie zufolge arbeiteten die Deutschen im vergangenen Jahr im Schnitt 41,1 Stunden pro Woche. Damit gehören sie zu den Spitzenreitern in Europa. Und selbst diese Zahl dürfte für viele Arbeitnehmer ziemlich unglaubwürdig klingen. So mancher Jung-Jurist ackert bis abends um zehn in seinem Büro. Und mancher Geringverdiener muss gleich mehreren Tätigkeiten nachgehen, um über die Runden zu kommen.
Oft lässt sich die für den Job tatsächlich aufgebrachte Zeit gar nicht bemessen. Die Grenzen zwischen Berufs- und Privatleben verschwimmen in der Generation Blackberry immer mehr, wie eine Studie des Bundesverbands Bitkom zeigt. Demnach sind bei den 30- bis 49-Jährigen 83 Prozent auch außerhalb der eigentlichen Arbeitszeiten für Arbeitgeber, Kunden oder Geschäftspartner erreichbar. Viele stehen selbst am Wochenende zur Verfügung.
Arbeitszeiten in Europa
| Land | Tatsächliche Wochenarbeitszeit* | Tariflich vereinbarte Wochenarbeitszeit |
|---|---|---|
| Bulgarien | 41,7 | 40 |
| Rumänien | 41,7 | 40 |
| Großbritannien | 41,4 | 37,3 |
| Tschechien | 41,2 | 38 |
| Österreich | 41,1 | 38,8 |
| Deutschland | 41,1 | 37,6 |
| Slowenien | 40,8 | 40 |
| Estland | 40,7 | 40 |
| Lettland | 40,6 | 40 |
| Ungarn | 40,5 | 40 |
| Malta | 40,5 | 40 |
| Polen | 40,5 | 40 |
| Litauen | 40,3 | 40 |
| Niederlande | 40,0 | 37,5 |
| EU-Durchschnitt | 40 | 38,6 |
| Griechenland | 39,9 | 40 |
| Slowakei | 39,9 | 38,8 |
| Luxemburg | 39,8 | 39 |
| Finnland | 39,3 | 37,5 |
| Schweden | 39,2 | 37,5 |
| Zypern | 39,1 | 38 |
| Spanien | 39 | 37,9 |
| Irland | 38,9 | 39 |
| Norwegen | 38,9 | 37,5 |
| Belgien | 38,8 | 37,6 |
| Portugal | 38,8 | 38,2 |
| Dänemark | 38,6 | 37 |
| Italien | 38,4 | 37,9 |
| Frankreich | 37,7 | 35 |
Und wie berechnet man, wenn eine Lehrerin in ihren Ferien Klausuren korrigieren muss? Bleibt da tatsächlich viel freie Zeit übrig?
Den durchschnittlichen Deutschen gibt es im Arbeitsleben nicht mehr. SPIEGEL ONLINE hat deshalb Menschen aus ganz verschiedenen Berufsgruppen gefragt, wie ihr Alltag aussieht. Wie viele Stunden gehen pro Tag für den Job drauf? Wie oft fahren sie in den Urlaub? Was verdienen sie? Das Erstaunliche: Fast alle Befragten arbeiten sehr viel mehr, als es in ihrem Vertrag steht. Und dennoch sind sie zufrieden mit ihrem Leben.
Die Landwirtin: "Ich habe nie so viele Freiheiten genossen"
"Wenn ich neue Leute kennenlerne, sind sie oft überrascht, dass ich als Landwirtin viel am Schreibtisch arbeite und nicht nur auf dem Acker oder im Stall. Ich bin Ackerbäuerin. Das heißt, dass ich auf den Anbau von Getreide, Raps und anderen Agrarprodukten spezialisiert bin - und das erfordert einen großen Planungsaufwand.
Die Arbeit draußen beginnt in der Regel im Februar. Die heiße Phase ist aber der Sommer: Von Anfang Juli bis Anfang August wird alles geerntet. Wie in den anderen Monaten auch stehe ich dann um halb sieben auf; um halb acht steht die Tagesbesprechung mit den Mitarbeitern an. Danach wird bis zum späten Abend gearbeitet, oft zwölf Stunden am Stück. Für eine Pause ist in dieser Phase kaum Zeit.
Die Erntezeit ist zwar kurz, aber sehr intensiv. Mir gefällt sie am besten, weil man im Sommer für die Arbeit eines ganzen Jahres belohnt wird - auch wenn sie natürlich sehr anstrengend ist. Urlaub gibt es bei mir immer erst im Winter, weil dann die Ackerarbeit ruht.
Ob ich grundsätzlich mehr arbeite als Leute in anderen Berufen? Kann schon sein. Aber ich habe nie so viele Freiheiten genossen wie in diesem Beruf. Und auch nie so viel Abwechslung gehabt. Ich bin viel draußen, kann anpacken, auch das Wissen aus meinem Agrarwissenschaftsstudium setze ich ständig ein, zum Beispiel, wenn es um den Pflanzenanbau oder um Vertragsverhandlungen geht.
Über mein Einkommen kann ich auch nicht klagen. Es liegt zum großen Teil in meiner eigenen Hand - wenn ich schlecht vermarkte und organisiere, ist mein Gewinn niedrig, wenn ich gut vermarkte und das Wetter mitspielt, ist er höher. Es kann allerdings auch richtig in die Hose gehen, selbst wenn man sich die größte Mühe gegeben hat. Das muss man einkalkulieren."
Die Lehrerin: "Vieles ist ganz anders, als ich es mir je vorgestellt hatte"
"Früher, als ich noch keine Lehrerin war, hätte ich nie gedacht, dass man in diesem Beruf so viel am eigenen Schreibtisch sitzt. Inzwischen unterrichte ich seit vier Jahren und vieles ist ganz anders, als ich es mir je vorgestellt hatte. Das heißt aber nicht, dass es mir nicht gefällt. Ganz im Gegenteil.
Ich bin Englisch- und Französisch-Lehrerin an einem Gymnasium in einer Kleinstadt, die etwa 45 Kilometer von meinem Wohnort entfernt liegt. Das heißt, dass ich jeden morgen um circa halb sechs aus dem Bett muss, um pünktlich zur Schule zu kommen.
Die große Pause am Vormittag nutze ich fast immer, um mich im Lehrerzimmer mit anderen Kollegen abzustimmen oder Änderungen im Stundenplan nachzusehen. Eine Pause im eigentlichen Sinn ist das daher nicht. Manchmal schaffe ich es vielleicht, ein halbes Butterbrot zu essen. Eine richtige Pause habe ich erst, wenn ich nach Schulschluss gegen zwei nach Hause komme.
Ab 14.30 Uhr beginnt die zweite Hälfte meines Arbeitstags - an meinem eigenen Schreibtisch. Ich bereite den Unterricht für den nächsten Tag vor oder korrigiere Klausuren. Unter der Woche endet mein Arbeitstag daher in der Regel nicht vor 18.30 Uhr. An Samstagen und Sonntagen korrigiere ich jeweils noch einmal vier bis fünf Stunden.
Uns Lehrern wird ja immer wieder vorgehalten, dass wir so viele Ferienwochen im Jahr haben. Richtig Freizeit habe ich aber auch nur im Sommer. Um Ostern oder Weihnachten herum habe ich nämlich meistens zu tun, weil vor den Ferien noch Klausuren geschrieben werden, die ich dann in der freien Zeit korrigiere.
Allerdings weiß ich auch, dass ich im Vergleich mit anderen Berufstätigen in vielerlei Hinsicht mehr Freiheiten habe. Wenn ich unter der Woche mal einen freien Nachmittag brauche, dann arbeite ich halt am Wochenende länger. Außerdem bin ich froh, dass ich als Beamtin einen sicheren Job habe und eine tolle Bezahlung, die mir und meiner Familie Sicherheit gibt. Klar, ich trage viel Verantwortung. Aber wir Lehrer können wirklich zufrieden sein. Und die Arbeit mit Kindern macht großen Spaß."
Die Politikerin: "Mittagspausen kommen so gut wie gar nicht vor"
"Ich habe schon lange nicht mehr nachgerechnet, wie viele Stunden ich eigentlich in der Woche arbeite. Manchmal dürften es 65 bis 70 Stunden sein - vor allem in den Wochen, in denen ich in Berlin bin. In meinem Wahlkreis Niederberg/Ratingen komme ich auf 55 bis 60 Stunden pro Woche.
Meine typische Berlin-Woche fängt normalerweise so an: Montags stehe ich - noch in meiner Heimat - um sechs Uhr auf, fahre um sieben zum Flughafen, steige in den Flieger und sitze um zehn an meinem Schreibtisch im Bundestag. Ab dann ist alles durchgetaktet. Zuerst die wöchentliche Besprechung mit meinem Team, danach geht es von Termin zu Termin.
In Berlin-Wochen schaffe ich so in der Regel etwa zehn Termine pro Tag. Dafür muss ich täglich um sechs Uhr aufstehen, und abends komme ich selten vor Mitternacht nach Hause. Mittagspausen kommen so gut wie gar nicht vor, selbst an Plenumstagen nicht.
In den Wochen im Wahlkreis und am Wochenende habe ich dagegen Zeit für Bürgersprechstunden, bin auch bei Parteiveranstaltungen und habe viele Ortstermine in Kindergärten, Unternehmen oder bei Festen.
Mir ist schon sehr bewusst, dass ich verglichen mit anderen in Bezug auf meine Arbeitszeiten ziemlich aus dem Rahmen falle. Aber ich bin ja auch Berufspolitikerin geworden, weil ich mich früher ehrenamtlich politisch engagiert habe. Da hat es mir auch nichts ausgemacht, meine Freizeit zu opfern.
Oft werde ich gefragt, ob ich mein Einkommen angemessen finde. Wenn ich zum Beispiel in Schulen bin, fragen die Lehrer danach. Mein Gehalt entspricht ja auch in etwa dem eines Oberstudiendirektors. Aber ich muss sagen, ich fühle mich ordentlich bezahlt, dazu ist unsere Alterssicherung sehr gut. Aber natürlich weiß ich, dass ich in der freien Wirtschaft mit den Managementqualitäten, die ich in meinem Job mitbringen muss, mehr verdienen könnte."
Der Rechtsanwalt: "Es geht oft hektisch zu"
"Eine 40-Stunden-Woche ist als selbständiger Anwalt nicht drin. Ich arbeite von 8 bis 20 Uhr und sonntags in der Regel fünf, sechs Stunden.
Mit einem Kommilitonen habe ich nach dem Studium eine Kanzlei gekauft und ausgebaut. Die ersten sieben Jahre gab es keinen Urlaub. Jetzt sind es meist nicht mehr als zwei Wochen im Jahr.
Ich bin zufrieden so. Wir haben immer schwarze Zahlen geschrieben und sind inzwischen 30 Mitarbeiter. Die Arbeit als Spezialist für Bank- und Kapitalmarktrecht ist faszinierend. Es geht oft hektisch zu. Wenn ich komplizierte Schriftsätze ausarbeite, muss ich mich zusammennehmen und ein paar Stunden nicht ans Telefon gehen. Das ist vor allem in der Finanzkrise nötig, wo wir häufig juristisches Neuland betreten. Da muss ich Bücher wälzen, Urteile aus anderen Bereichen finden, die analog anwendbar sind.
Zwei-, dreimal die Woche stehe ich im Gerichtssaal - irgendwo in Deutschland. Ich versuche immer, am gleichen Abend nach Hause zu kommen.
Meine Frau macht Gott sei Dank mit bei diesem Leben. Sie arbeitet halbtags und kann so unseren jüngsten Sohn von der Krippe abholen. Der freut sich - genauso wie der große - wenn ich endlich um neun nach Hause komme."
Der Schauspieler: "Schauspielern kann der Vorhof zur Hölle sein"
"Mein Arbeitsjahr teilt sich in Dreh- und in Vorbereitungstage auf. Reguläre Arbeitstage wie in Bürojobs gibt es bei mir nicht. Zum Drehen muss ich zudem von Berlin in eine andere Stadt, je nachdem, wo die Produktion läuft. Dort verbringe ich dann bis zu 30 Tage in einem Hotel.
Was man in meinem Beruf einkalkulieren muss, sind die langen Wartezeiten, die wir zwischendurch bei Dreharbeiten haben. Denn immer wenn eine neue Szene vorbereitet und umgebaut wird, haben wir Pause. Oft entstehen dadurch erzwungene Wartezeiten. So kann es vorkommen, dass ein normaler Arbeitstag durchaus 14 Stunden hat.
Immerhin gibt es auch bei uns eine reguläre Mittagspause. Bei uns Schauspielern wird allerdings nicht so sehr darauf geachtet, ob wir sie einhalten oder nicht. Wir Schauspieler sind ohnehin in mancher Hinsicht schlechtergestellt als andere Berufsgruppen im Film- und Fernsehbereich. Zwar verdienen wir auf den ersten Blick ganz gut - ein Jungschauspieler mit einer Fernsehrolle fängt so bei 500 bis 1000 Euro pro Tag an - aber man dreht ja auch nicht das ganze Jahr über.
Trotzdem ist mir natürlich bewusst, dass ich in meinem Job auch privilegiert bin - weil wir Schauspieler ja viel Aufmerksamkeit bekommen und manchmal auch gesellschaftliches Ansehen genießen. Doch immer ist da die Angst, dass es irgendwann nicht mehr weitergeht. Wenn es nicht läuft, kann Schauspielern also wirklich der Vorhof der Hölle sein, wenn doch, dann ist es für mich der schönste Job der Welt."
Die Sekretärin: "Die klassische Tippse bin ich nicht"
"Mein Arbeitstag beginnt morgens um halb acht. Ich arbeite für die beiden Vorstände unserer Bank. Als erstes sichte ich die Post und verteile sie im Haus. Danach vereinbare ich Termine oder bereite für meine Chefs Gesprächsunterlagen vor.
Hier kommt es viel auf Fingerspitzengefühl an. Am Telefon versuche ich schon, mein Gegenüber einzuschätzen, damit ich die beiden Chefs möglichst gut briefen kann. Dann sammle ich in unserer Kreditdatenbank Informationen. Am Ende entsteht eine Übersicht wie: Herr Mustermann, verheiratet, zwei Kinder, seit 20 Jahren Kunde unserer Bank, möchte sein Darlehen verlängern. Natürlich umfangreicher.
Die klassische Tippse bin ich aber nicht. In Zeiten von Computer und Internet machen die beiden Chefs vieles selbst. Ich lese manchmal über die Texte drüber, und wenn mir etwas auffällt, mache ich Verbesserungsvorschläge. Heutzutage nennt man uns eher Assistentin als Sekretärin.
Neben den alltäglichen Aufgaben fallen auch größere Sachen an. Im Moment organisiere ich zum Beispiel die Generalversammlung unserer Bank.
Insgesamt arbeite ich 26 Stunden in der Woche, zwei volle und zwei halbe Tage. Die halben Tage sind die stressigsten, weil ich alles viel komprimierter erledigen muss. Und ich mache mir immer Gedanken, ob ich es rechtzeitig nach Hause zu den Kindern schaffe und alles erledigt bekomme.
Über die Bezahlung kann ich nicht klagen. Ich werde nach Tarif bezahlt. Natürlich kann ich nicht mit der Sekretärin des Deutsche-Bank-Chefs mithalten. Weil wir aber eine kleine Bank sind, kann ich dafür flexibel arbeiten und mir auch mal freinehmen.
Der Unternehmensberater: "Mit meiner Work-Life-Balance bin ich zufrieden"
"Einen normalen Tagesablauf gab es in meinen ersten zwei Jahren als Berater eigentlich nicht. Bei uns ist das eher in Projektphasen eingeteilt. Ein Projekt kann zwei bis sechs Monate dauern. Eine Projektwoche sieht bei mir in der Regel so aus, dass ich von montags bis donnerstags bei den Klienten vor Ort bin. Ein typischer Tag beginnt meistens zwischen acht und neun Uhr. Wir sind dann mit Datenanalysen, Interviews und Gesprächen mit dem Klienten beschäftigt. In dieser Zeit arbeiten wir meist gemeinsam mit dem Kliententeam auf die sogenannten Lenkungsausschusssitzungen hin - die Meilensteine in einem Projekt. Dort stellen wir dem Führungsgremium des Klienten unsere bisherigen Ergebnisse vor und entscheiden die nächsten Schritte. Am Donnerstagabend geht es dann zurück nach Hause. Freitag ist immer Bürotag.
Dass ich keine 40-Stunden Woche haben würde, war mir schon klar, bevor ich mit dem Beruf angefangen habe. Wie viel ich wirklich arbeite, kann ich gar nicht in Stunden ausdrücken. Bei der Projektarbeit lässt sich meine Arbeitsbelastung recht flexibel und damit ziemlich gleichmäßig verteilen. Ich glaube, bei einigen Klinikärzten mit Nachtschichten oder Juristen in einer Großkanzlei ist es bei weitem nicht so flexibel. Mit meiner Work-Life-Balance bin ich deshalb zufrieden. Ich bin glücklich verheiratet, habe Zeit für mein Handballtraining und am Wochenende meistens frei.
Die größte Herausforderung, aber auch der größte Reiz ist die ständige Veränderung. Regelmäßig muss ich mich in ein neues Projekt einarbeiten, die Probleme eines anderen Unternehmens analysieren und versuchen, neue Lösungen zu finden. Dass die Bezahlung dann noch stimmt, ist natürlich optimal. Es ist einfach ein attraktives Gesamtpaket."
Der Unternehmer: Den ersten Urlaub gab es nach sechs, sieben Jahren"
"Um sechs Uhr morgens mache ich mir eine Tasse Tee und lese meine E-Mails. Wenn ich fit bin, schwimme ich danach. Ich habe ein Becken im Haus, das ist großer Komfort. Bin ich zu müde zum Sport, lese ich gleich meine Zeitungen. Dann erledige ich dringende Anrufe, anschließend geht's ins Büro. Der Rest des Tages vergeht mit Besprechungen und Meetings.
Wir bringen gerade ein neues Arzneimittel-Versorgungskonzept auf den Markt - die Technologie ermöglicht, individuelle Medikamentenpackungen zu erstellen. Chronisch Kranke und Ältere, die viel unterschiedliche Arzneimittel einnehmen müssen, erhalten so in ihrer Apotheke regelmäßig ihre individuell zusammengestellte Wochenpackung. Jetzt, in der Einführungsphase, haben wir Hochbetrieb. Es kommen etwa Vertreter von Krankenkassen, bei denen ich für das System werbe.
Trotzdem mache ich normalerweise um 18 Uhr Schluss. Ich will belastbar bleiben. Das bin ich auch meiner Familie schuldig. Schon weil ich will, dass meine Söhne meinem Beispiel einmal folgen und das Unternehmen übernehmen.
Ich habe vor 30 Jahren als One-Man-Show angefangen. In einer ehemaligen Zwergschule, die ich gemietet habe. Von dort aus habe ich medizinische Wegwerfartikel aus den USA vertrieben. Die erste Urlaubswoche gab es nach sechs, sieben Jahren. Heute fahre ich ins Oberengadin oder nach Frankreich, wo ich Ferienwohnungen habe. Lange bleibe ich nie, schließlich muss ich ein 1500-Mann-Unternehmen führen.
Ein Leben in einem Großkonzern kann ich mir nicht vorstellen. Wir sind ein Familienbetrieb, in dem eine bestimmte Ethik herrscht. Wir sägen uns nicht gegenseitig an den Stühlen."
Der Zeitarbeiter: "Meine Arbeit ist fast moderne Sklaverei"
Der Zeitarbeiter* (46)
"Für die Frühschicht muss ich nachts um drei raus. Um fünf fängt die Arbeit an, und ich muss 50 Kilometer hinfahren. Gleich als erstes heißt es dann: Steine und Betonsäcke aus den Lkw hieven.
Ich arbeite in einem Baumarkt im Abhollager für Baustoffe. Das heißt: Eigentlich arbeite ich für eine Zeitarbeitsfirma, die mich an den Baumarkt vermittelt hat. Ich bin gelernter Maurer, früher war ich Vorarbeiter bei einer Tiefbaufirma. Dort habe ich bis zu 2500 Euro netto verdient, bin aber irgendwann wegrationalisiert worden. Jetzt bin ich froh über die Stelle bei der Zeitarbeitsfirma. Auch wenn das fast moderne Sklaverei ist. Ich kriege sieben Euro in der Stunde, dazu zehn Euro Fahrgeld am Tag. Netto komme ich auf 1100 Euro im Monat.
Das reicht nicht. Ich muss 340 Euro Miete zahlen, Strom, Versicherung, das Auto, ohne das es nicht geht. Deshalb mache ich oft mehrere Wochen hintereinander Frühschicht - damit ich danach auf meinen Baustellen arbeiten kann. Schwarz.
So komme ich oft erst um 22 Uhr nach Hause. Aber trotzdem: Ich gehe in meiner Arbeit auf. Im Baumarkt stell ich den Leuten ja nicht nur Säcke hin - ich berate auch. Wenn einer eine Schaukel einbetonieren will, sag ich ihm, wie das geht. Ich kann gut mit den Leuten, werde immer nur gelobt.
Auch von meinen Privatkunden. Die meisten kennen mich durch Mund-zu-Mund-Werbung. Ich lege Kellerwerke trocken, pflastere Einfahrten, verputze Mauern. Und immer alles sorgfältig. Wegen der Schwarzarbeit schäme ich mich nicht. Wie soll ich sonst existieren? Dicke habe ich es auch so nicht. Wenn's gut läuft, komm ich auf 2000 Euro im Monat."
*Name der Redaktion bekannt