Argentinien und die Hedgefonds Duell der Erpresser

Argentinien wehrt sich gegen die Pleite - und gegen zwei Hedgefonds, die mit allen Mitteln ihr Geld eintreiben wollen. Staatspräsidentin Kirchner wirft den "Geierfonds" Erpressung vor. Doch auch die Regierung kämpft mit harten Bandagen.
Argentiniens Präsidentin Kirchner: Kampf mit harten Bandagen

Argentiniens Präsidentin Kirchner: Kampf mit harten Bandagen

Foto: REUTERS/Argentine Presidency

Hamburg - Wenn Paul Singer einmal im Jahr zum Weltwirtschaftsforum nach Davos reist, gibt er gerne den Kämpfer für die Gerechtigkeit. Mit ruhiger Stimme und harten Worten liest er den Bankern die Leviten, die immer noch nichts aus der Krise gelernt haben.

Das hat schon etwas Putziges, denn Singer ist Hedgefonds-Manager. Mit seinem Fonds Elliott Management ist er zu einem der reichsten Menschen der USA aufgestiegen. Die Methoden, mit denen er sein Geld verdient, sind rau. Sein Fonds kauft Schuldverschreibungen billig auf und versucht entweder, sie zu höheren Preisen wieder loszuwerden. Oder er verklagt den Schuldner auf Zahlung der gesamten Summe.

Hedgefonds-Chef Singer: Kühl kalkulierender Manager

Hedgefonds-Chef Singer: Kühl kalkulierender Manager

Foto: © Steve Marcus / Reuters/ REUTERS

Genau darum geht es auch im Streit mit Argentinien, der sich gerade spektakulär zuspitzt. Singer und der von seinem ehemaligen Mitarbeiter Mark Brodsky geleitete Hedgefonds Aurelius haben vor Jahren Anleihen des ehemaligen Pleitestaats billig aufgekauft und verlangen nun die volle Rückzahlung des Nennwerts, insgesamt 1,3 Milliarden Dollar. Ein US-Gericht hat ihnen recht gegeben: Inklusive Zinsen muss Argentinien den beiden Fonds sogar 1,5 Milliarden Dollar zahlen. Die Regierung weigert sich beharrlich. Doch ihr läuft die Zeit davon. Bis Ende Juli muss sie zahlen - oder Argentinien ist nach nicht einmal 13 Jahren schon wieder pleite.

Es ist ein Duell zwischen den kühl kalkulierenden Hedgefonds-Managern auf der einen Seite und Staatspräsidentin Cristina Fernández de Kirchner auf der anderen - einer Frau, die ebenfalls mit harten Bandagen kämpft.

Die Witwe des Ex-Präsidenten Nestor Kirchner polarisiert. "Sie kennt nur Freund oder Feind", hat ein argentinischer Gewerkschaftsführer mal über sie gesagt. Und wer der Feind ist, das ist für Kirchner klar: Sie lässt keine Gelegenheit aus, um gegen die internationalen Investoren zu hetzen, von deren Krediten das Land abhängig ist. "Geierfonds" nennt sie Elliott und Aurelius.

Anfang der Woche ließ sie in großen europäischen Tageszeitungen ganzseitige Anzeigen schalten, in denen sie über die Investoren herzog. Vor allem Singer wird darin zur Zielscheibe des Hasses. Sein Fonds habe 2008 lediglich 48,7 Millionen Dollar für die argentinischen Anleihen bezahlt, nun solle er laut dem Gerichtsurteil 832 Millionen Dollar erhalten.

Ein Feind ist für Kirchner auch Thomas Griesa, der inzwischen 84-jährige US-Richter am Bezirksgericht in Manhattan, der Argentinien dazu verdonnert hat, den Hedgefonds die Schulden zurückzuzahlen. Ein Urteil, das der Oberste Gerichtshof der USA in der vergangenen Woche bestätigte. Die Anleihen wurden nach amerikanischem Recht begeben, deshalb ist die US-Justiz dafür zuständig. Dank Kirchners Stimmungsmache gilt Griesa vielen Argentiniern inzwischen als böse Fratze des Finanzkapitalismus.

Zu den Gläubigern gehören nicht nur Finanzhaie

Der ganze Streit geht zurück auf den Dezember 2001. Damals, einen Tag vor Heiligabend, hatte das Land alle Zahlungen an seine Gläubiger eingestellt. Die Bankguthaben der eigenen Bürger wurden eingefroren, um einen Ansturm auf die Finanzinstitute zu verhindern. In den Filialen verbarrikadierten die Banker Türen und Fenster. Es waren schwere Tage - für die Menschen im Land, aber auch für die internationalen Geldgeber, die Argentinien über die Jahre fast 100 Milliarden Dollar geliehen hatten.

Mit den meisten von ihnen einigte sich die Regierung später. In den Jahren 2005 und 2010 stimmten insgesamt 93 Prozent der Gläubiger zwei Umschuldungen zu und verzichteten dabei notgedrungen auf mehr als zwei Drittel ihrer Forderungen. Das Problem für das Land blieben die übrigen sieben Prozent, die sogenannten "Holdouts", die Argentiniens Bedingungen nicht akzeptieren wollen - und die immer noch auf der Rückzahlung ihres Geldes beharren.

Darunter sind längst nicht nur Finanzhaie von der Wall Street, sondern auch viele ganz normale Kleinanleger, die sich in den Neunzigerjahren von Zinsen bis zu zwölf Prozent locken ließen und argentinische Anleihen gekauft haben. Allein für deutsche Anleger geht es dabei um mehr als 100 Millionen Dollar.

Für sie ist auch das, was die argentinische Regierung mit ihnen gemacht hat, Erpressung. Nach dem Motto: Entweder ihr verzichtet auf zwei Drittel eurer Forderungen, oder ihr bekommt gar nichts.

Und viele von ihnen sympathisieren sogar mit Paul Singer. Sie freuen sich, wenn der Hedgefonds-Manager mal wieder Schlagzeilen macht, weil er ein argentinisches Marineschiff beschlagnahmen lässt. Und ärgern sich, wenn Präsidentin Kirchner mal wieder im Mietflugzeug ins Ausland reist, um einer Pfändung der Präsidentenmaschine vorzubeugen.

Argentinisches Marine-Schulschiff Libertad: 2012 ließ Singer es pfänden

Argentinisches Marine-Schulschiff Libertad: 2012 ließ Singer es pfänden

Foto: Gabriela Barnuevo/ AP

"Wir können Herrn Singer am Ende noch dankbar sein, dass er dieses Urteil erstritten hat", meint ein Kleinanleger, der im Rahmen einer Sammelklage gemeinsam mit anderen Privatinvestoren um die Rückzahlung von insgesamt knapp einer Million Dollar kämpft. "Wir hätten nie die juristische Stärke und die finanziellen Mittel dazu gehabt."

Auch Hanno Beck, Wirtschaftsprofessor an der Hochschule Pforzheim, nimmt die Hedgefonds in Schutz: "Was die machen, ist extrem wichtig", sagt er. Wenn Argentinien damit durchkomme, sich einfach seinen Zahlungsverpflichtungen zu entziehen, sei das "ein Signal an alle Pleitestaaten der Welt: Macht euch keine Sorgen, ihr müsste eure Schulden nie vollständig zurückzahlen." Wenn Kirchner nun Stimmung gegen die Hedgefonds mache, lenke sie nur von ihren eigenen Fehlern ab, sagt Beck.

Die Präsidentin hat auch deshalb so viel Angst davor, die Hedgefonds auszuzahlen, weil sie fürchtet, dass sie dann auch den übrigen "Holdouts" ihr Geld überweisen müsste, insgesamt geht es um 15 Milliarden Dollar. Angesichts der inzwischen auf 28 Milliarden Dollar geschrumpften Devisenreserven des Landes wäre das ein ziemlicher Kraftakt. Also wird weiter verhandelt.

Am kommenden Montag muss Argentinien eigentlich wieder Zinsen zahlen - an all jene Gläubiger, die der Umschuldung zugestimmt hatten. Die argentinische Zentralbank hat dazu bereits insgesamt 832 Millionen Dollar auf Konten in New York deponiert. Doch ein Gericht hat die Auszahlung gestoppt. Zuerst, so hatte schon Richter Griesa entschieden, muss Argentinien das ausstehende Geld an die Hedgefonds zahlen, erst dann darf das Land wieder seine übrigen Gläubiger bedienen.

Gibt es bis Montag keine Einigung zwischen Hedgefonds und Regierung, läuft noch eine 30-Tage-Frist. Wenn es auch dann kein Ergebnis gibt, ist Argentinien wieder pleite. Es wäre das achte Mal in seiner Geschichte.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.