Argentiniens Pleite Der Thomas Middelhoff unter den Staaten

Der schleichende Abstieg, die unwürdigen Winkelzüge - und am Ende der Offenbarungseid: Im Streit mit seinen Gläubigern erinnert Argentinien fatal an einen Pleitekandidaten aus Deutschland.
Cristina Kirchner: Typischer Fall von selbst Schuld

Cristina Kirchner: Typischer Fall von selbst Schuld

Foto: JORGE SILVA/ REUTERS

Man muss sicher keine großen Sympathien hegen für Hedgefonds, die gezielt Staatsanleihen von hochverschuldeten Staaten wie Argentinien aufkaufen - um sich anschließend mit rauen Methoden einen möglichst großen Teil der Summe zurückzuholen. Es gibt nettere Arten, seinen Lebensunterhalt zu verdienen.

Noch weniger Sympathie hat allerdings Argentinien verdient, genauer gesagt: die politische Elite des Landes, angeführt von Präsidentin Cristina Kirchner. Jahrelang hat sich Argentinien geweigert, mit seinen privaten Gläubigern auch nur zu verhandeln. Das änderte sich erst im unmittelbaren Angesicht der drohenden Insolvenz. Zu spät, um noch einen vernünftigen Kompromiss zu finden.

Seit sechs Uhr morgens deutscher Zeit ist Argentinien offiziell zahlungsunfähig. Es ist bereits die zweite Insolvenz des Landes nach 2001 - und die wahrscheinlichste unnötigste Pleite in der Geschichte der Nationalstaaten.

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Der Streit dreht sich um die vergleichsweise geringe Summe von einigen Milliarden Dollar. Argentinien könnte das Geld leicht aufbringen. Auch die Befürchtung, ein Kompromiss mit den Hedgefonds könnte Nachforderungen anderer Gläubiger auslösen, ließe sich umgehen - etwa indem das Geld zunächst bei einem Treuhänder hinterlegt wird.

Aber hier geht es um mehr. Es geht um die in Buenos Aires (und bei Globalisierungskritikern rund um den Globus) gepflegte Legende von Argentinien als Opfer, das bestraft wird für seinen Widerstand gegen eine internationale Finanzmafia. Eine Erzählung, die Kirchner und Co. zugleich das politische Überleben sichert. Denn dank der bösen Hedgefonds lässt sich vortrefflich von der traurigen Wahrheit ablenken: dass vor allem die eigene politische Elite den rasanten Abstieg des Landes zu verantworten hat, das noch nach dem Zweiten Weltkrieg zu den reichsten der Erde zählte. Der angenehme Nebeneffekt: Argentinien ist für die Weltwirtschaft inzwischen so unwichtig, dass die Pleite vermutlich kein Beben an den globalen Finanzmärkten auslösen wird.

Denn wer mag schon in einem Land investieren, das so mit seinen Geldgebern umspringt? Kirchners Verweigerungshaltung hat die Volkswirtschaft Argentiniens bereits ein Vielfaches der Summe gekostet, um die es hier geht. Ganz zu schweigen von den Demütigungen, die man über sich ergehen lassen muss - selbst ein argentinisches Marineschiff wurde auf Drängen der Gläubiger bereits an die Kette gelegt.

Ein unwürdiges Katz-und Maus-Spiel bei gleichzeitiger Verleugnung der Realität. Das Schwelgen in vergangener Größe angesichts des eigenen Abstiegs - und am Ende stehen Taschenpfändung und Offenbarungseid. Irgendwoher kennen wir das ... ja, richtig: Argentinien ist der Thomas Middelhoff unter den Staaten.