Arm trotz Arbeit 1,4 Millionen brauchen Hartz IV neben dem Job

Der Aufschwung auf dem Arbeitsmarkt hat auch eine Kehrseite: Weil der Lohn oft nicht zum Leben reicht, brauchen immer mehr Menschen neben ihrem Job Geld vom Staat. Besonders stark ist die Zunahme bei Selbstständigen.
Blick in eine Arbeitsagentur: DGB fordert "Subventionierung des Lohndumpings" zu beenden

Blick in eine Arbeitsagentur: DGB fordert "Subventionierung des Lohndumpings" zu beenden

Foto: Thomas Kienzle/ AP

Nürnberg/Berlin - Hartz IV trotz Arbeit: Immer mehr Berufstätige sind wegen ihres niedrigen Einkommens zusätzlich auf Hilfe vom Staat angewiesen. Im vergangenen Jahr erhielten im Schnitt 1,4 Millionen Menschen diese ergänzende staatliche Unterstützung. Das sind 4,4 Prozent mehr sogenannte Aufstocker als im Vorjahr. Im Vergleich zu 2007 sind es sogar 13 Prozent mehr, wie aus einer Statistik der Bundesagentur für Arbeit (BA) hervorgeht, aus der die "Bild"-Zeitung berichtete.

Doch wie passt das mit dem starken Aufschwung zusammen? Ein Sprecher des Arbeitsministeriums verweist dazu auf die stark anziehende Nachfrage nach Arbeitskräften. Dies gelte für reguläre, sozialversicherungspflichtige Tätigkeiten wie auch für sogenannte Arbeitsgelegenheiten für Langzeitarbeitslose. Unter diesen Umständen sei die Entwicklung nicht überraschend.

Handlungsbedarf könnte es nach den Worten des Sprechers dann geben, wenn immer mehr Menschen, die bereits in Arbeit sind, in Hartz IV hineinrutschen sollten. Anders dagegen sei zu beurteilen, wenn Langzeitarbeitslose durch erstmalige Aufnahme einer - gering bezahlten - Arbeit zu Aufstockern werden.

"Es ist immer schwer, diese Zahlen zu interpretieren", sagte eine BA-Sprecherin. "Es ist schön, wenn Arbeitslose eine Beschäftigung annehmen, auch wenn diese nicht so gut bezahlt wird." Auch sei es unterstützenswert, wenn ein Erwerbsloser zunächst Teilzeit arbeite, um später vielleicht auf Vollzeit umsteigen zu können. "Es wird aber auch das Phänomen geben, dass die Arbeitgeber wissen: Wenn ich nur soundsoviel zahle, wird das aufgestockt", sagte die Sprecherin.

In Ostdeutschland die meisten Aufstocker

Besonders stark gestiegen ist der Anteil der Aufstocker unter den Selbstständigen, bei Teilzeit-Angestellten und Minijobber. In Ostdeutschland beziehen dem Bericht zufolge mit 5,0 Prozent deutlich mehr Beschäftigte zusätzliche Unterstützung als im Westen (2,1 Prozent). Besonders viele Betroffene arbeiteten in der Zeitarbeit, der Gastronomie, in Dienstleistungsberufen sowie in Privathaushalten.

"Es ist ein Unding, dass Arbeitgeber Millionen Beschäftigten Hungerlöhne zahlen, die dann aus Steuermitteln aufgestockt werden", sagte DGB-Vorstandsmitglied Annelie Buntenbach. Sie forderte, die "milliardenschwere Subventionierung des Lohndumpings" zu beenden: Durch einen flächendeckenden Mindestlohn von 8,50 Euro sowie gleichen Lohn für gleiche Arbeit in der Leiharbeit. Immerhin seien 350.000 Arbeitnehmer trotz Vollzeitbeschäftigung auf Hartz IV angewiesen.

yes/dpa
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