Ungleichheit Alleinerziehende und ihre Kinder sind besonders häufig arm

Fast jede zweite Ein-Eltern-Familie in Deutschland ist einkommensarm, jede dritte bezieht Hartz IV. Laut einer aktuellen Studie leben viele Alleinerziehende und ihre Kinder in prekären Verhältnissen.
Mutter mit Töchtern in Schwerin: 45 Prozent der Kinder in Hartz IV wachsen bei einem Elternteil auf

Mutter mit Töchtern in Schwerin: 45 Prozent der Kinder in Hartz IV wachsen bei einem Elternteil auf

Foto: Bernd Wüstneck / dpa

Alleinerziehende und ihre Kinder sind in deutlich überproportionalem Ausmaß von finanzieller Armut bedroht. Knapp 43 Prozent aller Ein-Eltern-Familien gelten als einkommensarm, wie eine aktuelle Studie für die Bertelsmann Stiftung feststellt. Bei Paarfamilien mit einem Kind sind dagegen neun Prozent einkommensarm, mit zwei Kindern trifft das für elf Prozent zu. Obwohl Alleinerziehende in den meisten Fällen erwerbstätig sind, reicht ihr Lohn häufig trotzdem nicht, um für sich und ihre Kinder das Existenzminimum zu sichern.

Das Armutsrisiko für Alleinerziehende und ihre Kinder verharre damit auf hohem Niveau, konstatiert Studienautorin Anne Lenze von der Hochschule Darmstadt. 2020 bezogen rund 34 Prozent der alleinerziehenden Familien Grundsicherung nach SGB II – also Hartz IV. Ihr Anteil liege damit fast fünfmal höher als bei Paarfamilien. Zu 88 Prozent sind Alleinerziehende Frauen.

Dabei leben die Familien oft trotz Arbeit in armen Verhältnissen. Unter alleinerziehenden Müttern sind 71 Prozent berufstätig, fast die Hälfte arbeitet in Vollzeit oder nahe daran. Unter den alleinerziehenden Hartz-IV-Beziehenden sind 40 Prozent erwerbstätig, kämen also ohne ein sogenanntes Aufstocken nicht über die Runden. Die Daten in der Studie beziehen sich bei der relativen Einkommensarmut auf das Jahr 2019 und beim Hartz-IV-Bezug auf das Jahr 2020 nebeneinander, es sind die jeweils aktuellsten Zahlen.

Nach gängiger Definition gelten Menschen als armutsgefährdet, die über weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens aller Haushalte verfügen. Die Grenze lag 2019 für eine Alleinerziehende mit einem Kind bei 1396 Euro.

Studienautorin Lenze sieht politische Bewegung, es brauche aber mehr Reformen. Immerhin leben inzwischen 2,2 Millionen Kinder und Jugendliche – gut 16 Prozent aller Minderjährigen – in einer Ein-Eltern-Familie, Tendenz steigend. Und nahezu die Hälfte – 45 Prozent – aller Kinder im Hartz-IV-Bezug wachse bei alleinerziehenden Familien auf, die unter allen Familien nicht einmal ein Fünftel ausmachten. 2019 gab es 1,52 Millionen Ein-Eltern-Familien mit minderjährigen Kindern.

Die Hartz-IV-Quoten seien zwar besonders in Ostdeutschland gesunken. Im Westen sei die Quote aber etwa in Bremen (62,4 Prozent) sowie Berlin und Nordrhein-Westfalen mit rund 43 Prozent sehr hoch. »Die relative Armut ist nicht gesunken, die Alleinerziehenden und ihre Kinder sind trotzdem arm geblieben«, sagt Lenze.

In Coronakrise häufiger Einbußen bei Alleinerziehenden

Der Verband alleinerziehender Mütter und Väter beobachtet seit Corona zudem verstärkt Existenzängste. Häufig sind alleinerziehende Mütter im Niedriglohnsektor tätig, sagt die VAMV-Bundesvorsitzende Daniela Jaspers. »Verdienstausfälle hauen da voll rein. Rücklagen haben Alleinerziehende meist nicht.« Vom Kurzarbeitergeld könnten sie kaum leben, Kinderbonus oder -krankengeld machten sich fast nicht bemerkbar. Wenn Frauen für die Erziehung beim Job reduzierten, brauche es nach einer Trennung finanziell ausgleichende »Solidarität« im Unterhaltsrecht.

Die alleinerziehende Nina aus Düsseldorf arbeitet 28 Wochenstunden im Einzelhandel, verdient netto 990 Euro. Das reicht nicht für sie, ihren achtjährigen Sohn und die 19-jährige Tochter. Als SGB II-Aufstockerin erhält die 41-Jährige im Schnitt 800 Euro pro Monat. Fürs Homeschooling habe sie monatelang auf einen Laptop gespart. »Dafür mussten wir ganz schön bluten.« Da der Ex-Partner keinen Unterhalt zahlt, will sie für den Sohn einen staatlichen Unterhaltsvorschuss beantragen. »Um an Unterstützungsleistungen zu kommen, ist aber immer viel Bürokratie erforderlich.«

In der Pandemie seien Bezieher niedriger Einkommen besonders von Einbußen betroffen, sagt Antje Funcke von der Bertelsmann Stiftung. Zahlreiche Minijobs seien weggefallen, auch das spürten Alleinerziehende stark. Die Stiftung schlägt ein Teilhabegeld für Kinder vor, eine Form einer auch von Parteien wie SPD, Grünen und Linken geforderten Kindergrundsicherung. Dies soll Kindern ein gutes Aufwachsen sichern und dafür alle finanziellen Leistungen bündeln.

fdi/dpa
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