"Working Poor" in Griechenland "Mein Lohn reicht gerade, um Essen zu kaufen"

Reformen mit schweren Nebenwirkungen: In Griechenland ist eine Klasse der "Working Poor" entstanden - qualifizierte Frauen und Männer, die sich mit mies bezahlten Jobs durchschlagen. Das sind ihre Geschichten.
Foto: Alexandros Avramidis

Stelina Antoniou arbeitet als Barkeeperin im Royal Theatre in Thessaloniki. Der Job bringt der 24-jährigen Philologin gerade einmal 240 Euro im Monat ein. "Wenigstens muss ich mir nicht überlegen, wofür ich mein Geld ausgebe. Es genügt gerade, um das Essen auf den Tisch zu bringen", sagt sie.

Die junge Griechin gehört zu einer gesellschaftlichen Gruppe, die in den vergangenen Jahren so dynamisch gewachsen ist wie keine zweite: die sogenannten "Working Poor". Ein Drittel der in der privaten Wirtschaft Angestellten verdient inzwischen so wenig, dass sie kaum davon leben können - das sind mehr als eine halbe Million Menschen. Sie bekommen für ihre Arbeit weniger als 376 Euro pro Monat und damit weniger als 60 Prozent des Durchschnittslohns. Fast neun Prozent der Beschäftigten müssen sich sogar mit weniger als 200 Euro zufriedengeben. Das Risiko, auch mit einem festen Job zu den Armen zu zählen, ist in Griechenland so groß wie nirgendwo sonst in der Europäischen Union.

Aber auch die Menschen, die ein wenig mehr verdienen, haben es zunehmend schwer. Denn die Lebenshaltungskosten sind in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen. Zum Vergleich: In Berlin sind die Preise für Güter des täglichen Konsums gerade einmal 14,5 Prozent höher als in Athen - obwohl in der deutschen Hauptstadt die Kaufkraft 117 Prozent höher ist. Zu den treibenden Kosten trägt insbesondere der Staat dank der Reformen bei: So wurden Steuerschlupflöcher geschlossen, die Mehrwertsteuer ebenso heraufgesetzt wie die Abgaben für den Erwerb von Grund und Boden.

Eine weitere Ursache der Entwicklung liegt in der Liberalisierung des Arbeitsmarkts, die Griechenlands Kreditgeber seit Ausbruch der Finanzkrise immer wieder forderten. Seither verabschiedete das Parlament bereits eine ganze Reihe von Gesetzen, die den Schutz von Arbeitnehmern spürbar aufgeweicht haben. Weitere sind in Planung: Schon bald soll das Parlament über eine Verschärfung des Streik- und Versammlungsrechts entscheiden.

Das Problem dabei: Die Liberalisierung hat oft das Gegenteil von dem bewirkt, was eigentlich beabsichtigt war. So hatte der Gesetzgeber zum Beispiel den Mindestlohn um 22 Prozent auf 586 Euro gesenkt und gleichzeitig erlaubt, diese Grenze noch zu unterschreiten, wenn der oder die Arbeitssuchende unter 25 Jahre alt ist. Damit, so hoffte man, ließe sich die Jugendarbeitslosigkeit bekämpfen, die in der EU einen einsamen Spitzenwert markiert. Ergebnis: Auch 2016 waren 47 Prozent der Arbeitsfähigen unter 25 arbeitslos. Gleichzeitig entstand eine Klasse von Beschäftigten, die beinahe alles mit sich machen lassen müssen, weil sie wissen, dass sie schnell ersetzt werden, wenn sie sich wehren.

Die Möglichkeiten der Arbeitgeber haben dagegen zugenommen. Sie können die Vergütung von Überstunden ebenso verweigern wie das Urlaubsgeld. Sie müssen keine Konsequenzen fürchten, wenn sie Vollzeitmitarbeiter offiziell als Teilzeitkräfte deklarieren, um so die Beiträge für die Sozialversicherung zu sparen, um nur einige Beispiele zu nennen.

Materielle Entbehrungen sind nur das eine Problem. Ihr Status hindert viele Beschäftigte überdies daran, ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Viele haben keine andere Möglichkeit, als weiterhin im Kinderzimmer der elterlichen Wohnung zu wohnen - ohne Aussicht auf die Gründung einer eigenen Familie.

Doch obwohl sie in so großer Zahl betroffen sind, spielen sie in der öffentlichen Wahrnehmung kaum eine Rolle. Sie erscheinen in der Statistik, ab und zu sorgt ein Artikel in der Presse für Aufsehen oder es findet sich ein Fürsprecher aus der Politik, der sich davon etwas Rückenwind für seine Karriere verspricht.

Der große Aufschrei der "Working Poor" bleibt jedoch aus - denn damit würden auch die Chancen auf einen schlecht bezahlten Job sinken. Und der ist immer noch besser als gar kein Job.

Wir haben mit zahlreichen Betroffenen über ihre Lage gesprochen. Nur fünf von ihnen waren bereit, offen zu reden. Hier sind ihre Geschichten:

Foto: Alexandros Avramidis

Stelina Antoniou, 24, Barkeeperin im Royal Theatre:

"Ich habe griechische Sprache und Literatur studiert, aber an den Schulen besteht ein Einstellungsstopp für Lehrer. Der einzige Job, den ich gefunden habe, ist der hier im Restaurant. Ich arbeite an drei Tagen pro Woche, oft bis zu zwölf Stunden, und bekomme dafür 240 Euro netto im Monat. Das ist die Arbeit, die Dir heutzutage in Griechenland angeboten wird, wenn Du unter 25 Jahre alt bist.

Ich wohne mit einer Freundin zusammen, die 22 Jahre alt ist und als Zimmermädchen etwa gleich wenig verdient wie ich. Das Geld reicht gerade, um Essen zu kaufen - und um uns eine Schachtel Zigaretten zu teilen. Wir bezahlen die Rechnungen, wenn wir Geld übrig haben, die Heizungsrechnung hat für uns Priorität.

Die Rechte von Mitarbeitern existieren nicht mehr, man ist froh, wenn man ein paar Brosamen ergattert. Du beginnst mit einzelnen Nebenjobs während des Studiums, um etwas hinzuzuverdienen. Und dann realisierst Du eines Tages: Hey, das ist mein Job, meine Existenz."

Foto: Alexandros Avramidis

Vasilis Kefalas, 34, Pizzabote:

"Ich habe Fahrzeugtechnik studiert. Trotzdem arbeite ich inzwischen seit 13 Jahren als Pizzabote. Ich komme auf 36 Stunden die Woche, meist natürlich außerhalb der regulären Arbeitszeiten. Sonntage und Ferien kenne ich nur vom Hörensagen.

Pro Stunde verdiene ich vier Euro. Davon muss ich aber den Unterhalt und das Benzin für mein Moped selbst bezahlen. Die Arbeit ist durchaus gefährlich wegen der vielen Unfälle, die auf der Straße passieren; und da bin ich nicht versichert. Mein Arbeitgeber zahlt nur einen Teil der Sozialversicherung.

Trotzdem zähle ich noch zu den Glücklichen. Ich bin nicht gezwungen, eine Arbeit in der Schattenwirtschaft anzunehmen, so wie drei Viertel meiner Kollegen bei den Kurierdiensten. Aber ich lebe allein und habe wenig Aussichten, eine Familie zu gründen. Das Geld, das ich verdiene, reicht gerade für das Nötigste."

Foto: Alexandros Avramidis

Markos Karidis, 30, Mitarbeiter in einem Fast-Food-Restaurant:

"Ich habe Sportwissenschaften studiert, aber keine Anstellung in meinem Fach gefunden. Die Arbeitsbedingungen im Fast-Food-Sektor sind miserabel, die Hälfte meiner Kollegen muss ohne Versicherung auskommen. Wir hatten einmal Zwillinge hier, von denen hat unser Arbeitgeber nur einen versichert.

Bei einer 40-Stunden-Woche verdiene ich 490 Euro netto im Monat. Überstunden bekomme ich nicht bezahlt, ebenso wenig Weihnachts- oder Urlaubsgeld. Die Ausbeutung ist in den kleinen Betrieben besonders krass und wir werden mit Kameras überwacht.

Ich lebe noch bei meiner Mutter, weil es bei dem Gehalt aussichtslos ist, eine eigene Wohnung zu finden. Zusammen können wir kaum die Raten für unsere Wohnung bezahlen. Unser Geld reicht selten über die ersten zwei Wochen des Monats hinaus."

Foto: Alexandros Avramidis

Despoina, 35, Mitarbeiterin bei einem Sicherheitsdienst:

"Ich habe Modedesign und Computeringenieurwesen studiert. Trotzdem habe ich nur einen Job im Sicherheitsdienst gefunden, in dem ich sechs Tage die Woche arbeite. Dafür bekomme ich 624 Euro netto pro Monat. Das ist schon ein harter Job, du musst stark sein und deine Augen überall haben. Man ist immer auf den Beinen und hochkonzentriert.

Ich wohne bei meiner Mutter, allein würde ich es nicht schaffen. Ferien? Ich weiß nicht einmal, was das Wort heißt. Wenn ich für etwas Unvorhergesehenes Geld brauche, muss ich zusätzliche Arbeitstage dranhängen. Ich verdiene nicht viel und ein unabhängiges Leben ist von meinem Gehalt nicht möglich. Trotzdem bin ich dankbar, denn ich bin wenigstens versichert."

Foto: Alexandros Avramidis

Giorgos Georgiadis, 27, Englischlehrer in der Privatwirtschaft:

"Ich arbeite 25 Stunden pro Woche, mein Arbeitgeber gibt offiziell aber nur 15 Wochenstunden an, um die Kosten für die Sozialversicherung zu sparen und mich nicht wie eine Vollzeitkraft behandeln zu müssen. Ich verdiene 500 Euro pro Monat netto. Da ich aber nur neun Monate angestellt bin, sind es in Wirklichkeit nur 375 Euro pro Monat.

Ich fühle mich gleich dreifach bestohlen: Ich bin nicht vollständig versichert, bekomme weder Geld für Überstunden noch für die Ferien - und ich bekomme noch nicht einmal volles Arbeitslosengeld, wenn ich meinen Job verliere.

Ich wohne mit meiner Schwester zusammen, die in einer öffentlichen Schule unterrichtet. Wir schaffen es mit unserem Geld oft nicht bis zum Monatsende, doch es könnte noch schlechter kommen. Von meinen Studienfreunden haben nur drei von zehn eine Festanstellung als Lehrer gefunden. Drei sind ins Ausland gegangen - und die anderen schlagen sich mit Gelegenheitsjobs durch."