Atomausstieg Länder entdecken die Kohle neu

In der Debatte um den Atomausstieg gibt es neuen Streit. Während einige Bundesländer die Ökowende propagieren, fordern andere ein Modell "Zurück in die Vergangenheit": Sie wollen verstärkt auf klimaschädliche Kohle setzen.

Kohlekraftwerk von Vattenfall: Rolle überdenken?
AP

Kohlekraftwerk von Vattenfall: Rolle überdenken?


Düsseldorf - Eine Renaissance der Kohle? Wer das Klima schützen will, wird das als Horrorszenario begreifen. Bei den Ministerpräsidenten einiger Länder steht diese Option dennoch hoch im Kurs. Vor allem bei jenen, in deren Bundesland viel Kohle gefördert wird.

"Wir sollten die Rolle der Kohle noch einmal neu überdenken", sagte Brandenburgs Ministerpräsident Matthias Platzeck (SPD) am Freitag im Bundesrat. Sie sei preiswert und könne eine sichere Stromversorgung bis zum ausreichenden Ausbau des Ökostroms garantieren. Unterstützung kam aus Sachsen. "Wir müssen auf die heimische Kohle setzen", forderte Wirtschaftsminister Sven Morlok (FDP). In Brandenburg und Sachsen wird vor allem Braunkohle gefördert.

Auch SPD-Chef Sigmar Gabriel und Generalsekretärin Andrea Nahles betonten die Rolle der Kohle. Morlok aus Sachsen verwies aber auch auf steigende Kosten im Zuge des Handels mit Kohlendioxid-Verschmutzungsrechten. Diese Rechte müssen nach EU-Vorgaben ab 2013 von den Unternehmen komplett gekauft werden und sollen so Anreize zu besserem Klimaschutz liefern. Besonders Braunkohle produziert bei der Verbrennung viel Treibhausgas.

Morlok regte an, auf europäischer Ebene für Änderungen im Emissionshandel einzutreten. Platzeck aus Brandenburg betonte hingegen die Rolle der unterirdischen Kohlendioxidspeicherung, mit der das Klimaproblem bekämpft werden könne. Einen entsprechenden Gesetzentwurf zur sogenannten CCS(Carbon Capture and Storage)-Technik hatte das Bundeskabinett am Mittwoch gebilligt. Es räumt den Ländern aber großen Spielraum ein, die von zahlreichen Bürgerinitiativen bekämpfte Speicherung zu untersagen. Platzeck nannte das Gesetz daher völlig ungenügend. Es gehe hier um eine gesamtnationale Aufgabe.

Andere Politiker positionieren sich als Befürworter des Turbo-Ausstiegs. Die CSU-Landesgruppenvorsitzende Gerda Hasselfeldt fordert eine radikale Verkürzung der Genehmigungsverfahren und Bauzeiten für Stromleitungen oder Energiespeichersysteme. Tatsächlich hat die Ökobranche in diesem Punkt ein Problem: Es dauert bis zu zehn Jahre, um einen Windpark an Land zu projektieren - zu lange für eine rasche Ökowende.

Atomkonzerne müssen wegen Moratorium neu rechnen

Die deutschen Atomkraftwerksbetreiber müssen neu rechnen: Ihre Gewinnaussichten haben sich durch das Atommoratorium der Regierung geändert. RWE-Chef Jürgen Großmann hat angekündigt, die Mittelfristziele zu überprüfen.

Das Ergebnis ist allerdings offen. Denn den Einbußen durch den Stillstand der alten AKW stehen mittelfristig höhere Erträge durch den nach dem Atommoratorium gestiegenen Strom-Großhandelspreis gegenüber. RWE und E.on halten an ihren Prognosen auch weiter fest. "Für etwaige Anpassungen gibt es keine hinreichende Basis", sagte ein E.on-Sprecher am Freitag.

Auch Analysten planen nicht, ihre Einschätzungen über den Haufen zu werfen. "Aufgrund unserer Berechnungen gibt es keine Notwendigkeit, die Ziele für 2013 zu korrigieren", sagte Macquarie-Analyst Matthias Heck. Zwar werde RWE wohl 2011 und 2012 Einbußen haben, da der bereits im Voraus verkaufte Strom nun teurer produziert werden müsse. 2013 könnten die Mehreinnahmen durch die gestiegenen Strompreise die Einbußen durch den Stillstand des AKW Biblis aber bereits überwiegen.

Die aufgrund des Atommoratoriums zu erwartenden Ergebniseinbußen hatte Großmann zuvor mit einem dreistelligen Millionenbetrag beziffert. "Der Schaden resultiert daraus, dass der Strom aus Biblis bereits im Vorfeld verkauft worden ist zu niedrigeren Preisen, als wir ihn nun am Markt zurückkaufen können. Allein hierbei reden wir über einen dreistelligen Millionenbetrag."

ssu/dpa/Reuters

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Seite 1
founder 15.04.2011
1. Kohlestrom NEIN DANKE!
Es gibt eine klare Prioritätenliste für den Ausstieg Erdöl Kohle Atomstrom Erdgas (http://politik.pege.org/2011-d/ausstieg.htm) Aber seit ein paar Tagen - neue Studie über die Schädlichkeit von Erdgas - gar nicht mehr so sicher Erdöl Kohle Erdgas Atomstrom Aber auch nur daran zu denken Atomstrom mit Kohlestrom zu ersetzen ist völlige Verantwortungslosigkeit, von Panik getriebener Poulismus. 160 Millionen Tonnen CO2 um Atomstrom mit Kohlestrom zu ersetzen, absoluter Wahnsinn.
harald_töpfer 15.04.2011
2. Richtig
Zitat von founderEs gibt eine klare Prioritätenliste für den Ausstieg Erdöl Kohle Atomstrom Erdgas (http://politik.pege.org/2011-d/ausstieg.htm) Aber seit ein paar Tagen - neue Studie über die Schädlichkeit von Erdgas - gar nicht mehr so sicher Erdöl Kohle Erdgas Atomstrom Aber auch nur daran zu denken Atomstrom mit Kohlestrom zu ersetzen ist völlige Verantwortungslosigkeit, von Panik getriebener Poulismus. 160 Millionen Tonnen CO2 um Atomstrom mit Kohlestrom zu ersetzen, absoluter Wahnsinn.
Zumal auch ein anderes Ausstiegsszenario (http://www.greenpeace.de/fileadmin/gpd/user_upload/themen/energie/DerPlan.pdf) denkbar wäre - nur der Wille ist entscheidend.
VorwaertsImmer, 15.04.2011
3. Die 2 Milliarden Steinkohlesubvention in neue Windräder stecken!!!
Am Besten man hört mit der Subvention der Steinkohle auf. Kurzfristig kann man Kohle auch woanders her beziehen. Die gesparten 2 Milliarden Euro Steinkohlesubvention können für die Erforschung und Anwendung von Atomausstiegstechnologien verwendet werden. *Mit dem Aussteig aus der heimischen Kohle kann der Atomausstieg beschleunigt werden!* * NRW könnte mit 2 Miliarden pro Jahr Windrad-Fabriken ansiedeln. Das wäre eine Zukunftstechnologie!!!*
founder 15.04.2011
4. Das dauert aber
Zitat von harald_töpferZumal auch ein anderes Ausstiegsszenario (http://www.greenpeace.de/fileadmin/gpd/user_upload/themen/energie/DerPlan.pdf) denkbar wäre - nur der Wille ist entscheidend.
PV Ausbau derzeit 8 GW pro Jahr Wind AusBau derzeit 1,5 GW pro Jahr Selbst mit drastisch schnelleren Ausbau PV 20 GW pro Jahr Wind 10 GW pro Jahr kommen pro Jahr nur 36 TWh dazu. Ersetzt werden müssen aber 130 TWh Elektroantrieb statt Öl im Straßenverkehr 100 TWh Wärmepumpe statt Öl zur Heizung / Warmwasser 230 TWh Kohlestrom 160 TWh Atomstrom Zusammen 620 TWh 620 / 36 ist nur einmal 17. Solange dauert der Atomausstieg, ist wohl die ursrpüngliche Laufzeitverlängerung.
optimah 15.04.2011
5. BHKW statt elektrischer Wärmepumpe
Zitat von founderPV Ausbau derzeit 8 GW pro Jahr Wind AusBau derzeit 1,5 GW pro Jahr Selbst mit drastisch schnelleren Ausbau PV 20 GW pro Jahr Wind 10 GW pro Jahr kommen pro Jahr nur 36 TWh dazu. Ersetzt werden müssen aber 130 TWh Elektroantrieb statt Öl im Straßenverkehr 100 TWh Wärmepumpe statt Öl zur Heizung / Warmwasser 230 TWh Kohlestrom 160 TWh Atomstrom Zusammen 620 TWh 620 / 36 ist nur einmal 17. Solange dauert der Atomausstieg, ist wohl die ursrpüngliche Laufzeitverlängerung.
8GW Photovoltaik entsprechen mehr als 1% des Stromverbrauchs. Wenn die Anlagen 30 Jahre halten und jedes Jahr soviel hinzu kommt, steigt der PV-Anteil auf über 30%. Mehr ist wohl nicht sinnvoll. Eine elektrische Wärmepumpe halte ich nur für sinnvoll, wenn man die Winterlücke z.B. mit Saharastrom schließen kann. Ansonsten sind BHKW die bessere Lösung.
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