Atomkraftwerk Cattenom Riskante Mängel in Frankreichs Mega-AKW

Rund zwölf Kilometer von der deutschen Grenze entfernt steht das siebtgrößte Atomkraftwerk der Welt. Experten halten die alte Anlage für ein Sicherheitsrisiko. Nun hat erstmals auch die Bundesregierung zahlreiche Mängel benannt.
AKW Cattenom

AKW Cattenom

Foto: VINCENT KESSLER/ REUTERS

Die vier Reaktoren des französischen Atomkraftwerks Cattenom haben eine Reihe bedenklicher Mängel. Das geht aus einer Antwort der Bundesregierung auf eine Anfrage der Grünen-Bundestagsabgeordneten Sylvia Kotting-Uhl hervor. In dem Dokument, das dem SPIEGEL vorliegt, äußert sich die deutsche Regierung erstmals konkret zur Ausstattung der Anlage, die nur rund zwölf Kilometer von der deutschen Grenze und rund 60 Kilometer von Saarbrücken entfernt liegt.

Den Angaben zufolge sind eine Reihe wichtiger Bauteile nicht erdbebensicher, darunter die Gasturbinen für die Notstromversorgung und die Einrichtungen für den Druckabbau im sogenannten Sicherheitsbehälter - jener Vorrichtung also, die die Umwelt im Falle eines Störfalls vor radioaktiver Kontaminierung schützen soll.

Auch die Kühlwasserversorgung in Cattenom ist problematisch. Nach europäischem Standard  sollten AKW mit mindestens drei komplett voneinander unabhängigen Notkühlsystemen ausgestattet sein, die einer Kernschmelze vorbeugen. Die Blöcke in Cattenom haben ohnehin nur je zwei solcher Systeme . Und diese speisen sich, wie die Bundesregierung nun bestätigt, aus ein und demselben, nicht erdbebensicheren Notfalltank.

Die Anlage in Frankreich sei außerdem nur gegen den Absturz kleinerer Zivilflugzeuge gesichert, heißt es in der Antwort der Regierung weiter. "Sollte eine Maschine, die größer als eine Cessna ist, für einen Terroranschlag benutzt werden oder durch einen Unfall auf Cattenom stürzen, droht im schlimmsten Fall die Kernschmelze", sagt Manfred Mertins, der lange als Sachverständiger bei der deutschen Gesellschaft für Anlagen- und Reaktorsicherheit gearbeitet hat.

Mertins hatte bereits im Februar 2016 ein Gutachten  zu möglichen Sicherheitsproblemen in Cattenom erstellt. Dessen Kernbefunde hat die Bundesregierung nun offiziell bestätigt. "Jetzt ist amtlich, dass wir mit Cattenom an unserer Grenze eine tickende Zeitbombe haben", sagt Kotting-Uhl. Die Regierung müsse sich nun rasch für die schnellstmögliche Abschaltung stark machen.

Das zuständige Bundesumweltministerium wollte die Mängel in Cattenom nicht bewerten. Dafür seien weit detaillierte Kenntnisse der Anlage erforderlich, über die nur die zuständige Aufsichtsbehörde Autorité de Sûreté Nucléaire verfüge.

Dass die Grünen das Thema Cattenom gerade jetzt aufs Tapet bringen, dürfte vor allem an der Landtagswahl im Saarland diesen Sonntag liegen. Das Problem der vielen grenznahen Atomkraftwerke bereitet aber auch vielen anderen Bundesländern große Sorgen.

In Belgien, Frankreich, der Schweiz und Tschechien stehen, oft nur einige Dutzend Kilometer von der deutschen Grenze entfernt, mehrere uralte, teils sehr schlecht gesicherte Atomkraftwerke. Viele Bundesbürger fürchten deshalb, dass auch der teuer erkaufte deutsche Atomausstieg bis zum Jahr 2022 sie nicht umfassend vor dem Risiko eines GAUs schützen wird.

Das AKW Cattenom ist mit seinen vier Reaktorblöcken die siebtgrößte Anlage der Welt. Seit ihrer Inbetriebnahme ab 1986 hat es in ihr rund 800 meldepflichtige Zwischenfälle gegeben , darunter Brände, Notabschaltungen und Strahlenunfälle.

Die französische Atomaufsicht hat kürzlich den Betrieb von Block 1 für weitere zehn Jahre genehmigt , nachdem der Betreiber EDF rund 18.000 Reparaturen an ihm durchgeführt hatte. Unter anderem hat das Reaktorgebäude eine neue Außenhaut erhalten.

Nach geltenden Bestimmungen soll die Anlage Mitte der 2020er-Jahre vom Netz. EDF liebäugelt aber damit, den letzten Reaktorblock erst 2051 abzuschalten . Umweltministerin Barbara Hendricks (SPD) hatte kürzlich in einem Brief an die französische Umweltministerin Ségolène Royal dafür geworben, keine Laufzeitverlängerung in Cattenom zuzulassen.

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