Attacke auf Pharmaindustrie Rösler startet das erste Reförmchen

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6. Teil: Was passiert mit den Apotheken?


Der Berliner Stadtteil Wedding gilt nicht gerade als Einkaufsbrennpunkt. Hier gibt es deutlich weniger Geschäfte als anderswo, hochpreisige Boutiquen oder exklusive Schmuckgeschäfte sucht man vergeblich. Nur der Betrieb von Apotheken scheint sich zu lohnen: Allein am Leopoldplatz kann der Patient zwischen sechs Häusern wählen.

Auch in anderen Regionen mangelt es nicht an Apotheken. Im vergangenen Jahr wurden deutschlandweit 21.570 gezählt - deutlich mehr als die Autofahrernation Tankstellen hat (14.506). Und während die Zahl der Tankstellen seit Jahren zurückgeht, weil der Markt bereinigt wird, ist die der Apotheken konstant. Ihre Zahl sank von 1999 bis 2008 nur um 20 Stück.

Die Entwicklung erstaunt auf den ersten Blick, klagen die Apotheker doch seit langem über ihre knappen Verdienste. Tatsächlich aber betrugen die Umsätze je Apotheke 2007 im Schnitt rund 1,7 Millionen Euro. Derzeit bekommen Apotheker bei verschreibungspflichtigen Arzneimitteln immerhin bis zu drei Prozent des Einkaufspreises an Provision. Und eine sogenannte Dienstleistungspauschale von maximal 8,10 Euro. Bei den rezeptfreien Medikamenten können sie ihre Verkaufspreise sogar selbst festsetzen - und damit ihren Gewinn steuern.

FDP und Union schützen die Apotheken

Im Vergleich zu anderen Leistungsträgern des Gesundheitswesens hält Lauterbach die Apotheker denn auch für eindeutig überbezahlt. "Es gibt nur wenige, die wirklich substantiell beraten", erklärt er. Die meisten dagegen erledigten die Arbeit eines qualifizierten Verkäufers.

Die Zulassung des Internethandels oder von Versandapotheken könnte den Wettbewerb beflügeln und entsprechenden Druck auf die Preise ausüben, glaubt der Gesundheitsexperte, der sich mit dieser Meinung auch in der SPD in der Minderheit befindet. Den besten Schutz bekommen die Apotheker allerdings nach wie vor von FDP und Union.

Vor allem die stets Marktwirtschaft predigenden Liberalen gehören zu den größten Beschützern der Branche. Nur Pharmazeuten dürfen Apotheken besitzen, und zwar maximal vier. Ketten wie in anderen Ländern sind nicht erlaubt.

Wer dies ändern will, bekommt von der Apothekerlobby schnell Warnungen über angeblich "ruinösen Wettbewerb" zu hören, "unter dessen Folgen auch die Patienten zu leiden haben". Nur durch die jetzige Regelung sei die Versorgung der Bevölkerung auf hohem Niveau gesichert.

Experten sehen das anders. "Studien zeigen, dass in Ländern mit Apothekenketten weder die Qualität der Beratung abnimmt noch die Arzneimittelsicherheit gefährdet ist - und auch nicht die Präsenz in dünn besiedelten Gebieten geringer wird", sagt Gesundheitsökonom Jürgen Wasem.

Die entscheidende Frage ist, ob die Preise für Arzneimittel sinken würden, wenn in Deutschland Apothekenketten erlaubt wären. Sicher ist das nicht. Aber wahrscheinlich, denn dann dürften die großzügigen Margen des Großhandels zurückgehen oder sogar ganz entfallen, weil die Ketten direkt mit den Herstellern verhandeln. Die Konkurrenz würde außerdem dazu führen, dass die Apotheker womöglich auf einen Teil ihrer Beratungspauschale verzichten.

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stonie, 08.03.2010
1.
Zitat von sysopDas deutsche Gesundheitssystem leidet unter den hohen Medikamentenpreisen. Seit längerem kündigt Gesundheitsminister Philipp Rösler an, etwas dagegen zu tun. Nun könnte es konkret werden: Die Pharmaunternehmen sollen zu niedrigeren Preisen gezwungen werden.
tja, da hat wohl der verband der pharmakologischen industrie gegeizt als es um parteispenden und -sponsoring bei der FDP ging, was? aber im ernst. ich wäre ehrlich überrascht, wenn ausgerechnet einem FDP minister gelänge, woran sich spd und cdu gesundheitsminister jahrelang die zähne ausgebissen haben...!
chibihikari 08.03.2010
2. 1. April?
Habe zumindest vermutet, dass heut der 1. April ist. Ausgerechnet die FDP will der Pharmalobby ans Bein pinkeln? Sehr schlechter Scherz!! MUAAAHAAAAAHAAAA Vermute eher sie wollen eine größere Parteispende rauspressen: Entweder ihr spendet an die FDP ein paar Milionen oder wir sorgen dafür, dass ihr Milliarden verliert. Sollen die Pharmafirmen doch verlangen was sie lustig sind. Einfache Abhilfe würde doch schaffen, wenn man die teuren Medikamente nur noch auf Privatrezept bekommt und die gleichsam wirksamen, aber viel günstigeren Generika die Krankenkasse zahlen lässt. Die teuren "Original"-Medikamente gibt es dann nur noch im Ausnahmefall, falls es keine vergleichbaren Generika gibt. Aber da würden Pharmafirmen, Apotheker und Ärzte gleichermaßen auf die Barrikaden gehen, denn sie verlören Jahr für Jahr Milliarden an Einnahmen, die sie seit jeher völlig ohne Not in die Tasche gestopft bekommen. Wir ham's ja ...
Rainer Unsinn 08.03.2010
3. Pleite ist Pleite ...
Zitat von stonietja, da hat wohl der verband der pharmakologischen industrie gegeizt als es um parteispenden und -sponsoring bei der FDP ging, was? aber im ernst. ich wäre ehrlich überrascht, wenn ausgerechnet einem FDP minister gelänge, woran sich spd und cdu gesundheitsminister jahrelang die zähne ausgebissen haben...!
Ach das glaube ich in dem Fall noch nicht mal. Das deutsche Gesundheitssystem ist eines der teuersten der Welt, wogegen die Leistungen nicht unbedingt zur Weltspitze gehören. Ich denke mal die Kohle ist einfach nimmer da es der Pharma in den Rachen zu schieben. Das ganze muss man sich einfach wie ne längst fällige Kürzung von versteckten Subventionen vorstellen. Da nutzt noch so viel Lobbyarbeit, böse Wille und kriminelle Energie nix. Pleite ist Pleite ...
tzoumaz 08.03.2010
4. Wer es glaubt, wählt FDP...
Zitat von sysopDas deutsche Gesundheitssystem leidet unter den hohen Medikamentenpreisen. Seit längerem kündigt Gesundheitsminister Philipp Rösler an, etwas dagegen zu tun. Nun könnte es konkret werden: Die Pharmaunternehmen sollen zu niedrigeren Preisen gezwungen werden.
in Deutschland ist so etwas nicht möchlich! Der Vorschlag von Rösler geht ja auch nur in die Richtung, daß Krankenkassen und Pharmaindustrie die Preise aushandeln. Welches Interesse sollten den z.B. die Krankenkassen an niedrigen Medikamentenpreisen haben? Wir Versicherten zahlen doch sowieso alles. Staatlich festgesetzte Höchstgrenzen für Medikamente sind ein Fake. Dann gibt es eben plötzlich mal Lieferengpässe für wichtige Medikamente, und Rösler und wir Patienten knicken ein wie Schmidchen Schleicher. In sämtlichen EU-Nachbarländern sind Medikamente ca. 30-50% billiger. Einfach mal über die Kirchturmspitze und die nicht mehr vorhandenen Grenzen schauen! Ich würde mir gern meine Medikamente aus Frankreich schicken lassen. Gerade die FDP, Rösler und das deutsche Apothekerunwesen verhindern das seit Jahren erfolgreich! Aber dafür können wir ja auch gratis in der neuen Rentner-Bravo lesen.
olicrom 08.03.2010
5. Wie bitte?
Preise erzwingen? Industrie attackieren? Ja sind wir hier bei den Sozis oder was? Wo bleibt die liberale Gesinnung, Herr Rössler? Lassen Sie gefälligst dem Markt seinen freien Lauf, dann wirds schon werden. Wie in der Finanzwirtschaft. Oder auf dem Stromsektor. Da gehts doch auch, oder?
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