Umfrage zu Wirtschaftskraft Ökonomen bezweifeln weiteres Aufholen Ostdeutschlands

30 Jahre nach Mauerfall halten es viele Volkswirte für unwahrscheinlich, dass die ostdeutschen Bundesländer wirtschaftlich in den nächsten Jahrzehnten zu Westdeutschland aufschließen. Die Gründe sind gravierend.

Verlassene Gebäude im brandenburgischen Spremberg-Haidemühl
Barbara LABORDE / AFP

Verlassene Gebäude im brandenburgischen Spremberg-Haidemühl


Kann Ostdeutschland innerhalb der nächsten Jahre oder Jahrzehnte wirtschaftlich das westdeutsche Niveau erreichen? Eine Gruppe von Ökonomen, die an einer Befragung des Wirtschaftsforschungsinstituts Ifo sowie der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" teilnahmen, ist skeptisch. 69 Prozent der befragten 136 Wirtschaftsprofessoren hat die Frage mit Nein beantwortet.

Besonders erschreckend: 61 Prozent sagten demnach, es werde mittel- und langfristig gar keine Annäherung geben. "Es scheint ein Teufelskreis zu sein: Viele gut ausgebildete junge Menschen sehen keine Perspektiven im Osten, von Ausnahmen wie Leipzig, Dresden oder Jena abgesehen, und gehen in den Westen", sagt Niklas Potrafke, Leiter des Ifo-Zentrums für öffentliche Finanzen und politische Ökonomie. "Jetzt fehlen sie im Osten, das hemmt die Entwicklung der Wirtschaft dort, stattdessen florieren viele Ballungszentren im Westen."

Vergleich zu Ruhrgebiet und Saarland

Die Wirtschaftswissenschaftler stellten den Bundesregierungen von 1990 an dabei bei ihrer Wirtschaftspolitik ein gemischtes Zeugnis aus. 42 Prozent bewerteten sie als negativ, nur 35 Prozent positiv. 23 Prozent antworteten "weiß nicht".

Die Gründe für die wirtschaftlichen Unterschiede zwischen Ost und West sind den Ökonomen zufolge vielfältig. Genannt werden unter anderem:

  • Abwanderung qualifizierter Arbeitskräfte
  • Mangel an Arbeitsplätzen
  • Zerstörung der industriellen Netzwerke
  • unterschiedliche Produktivität
  • zu wenige Industrie-Ansiedlungen
  • mehr Schulabbrecher als im Westen.

Einzelne Ökonomen gaben laut Ifo-Institut auch an, dass das Ruhrgebiet oder das Saarland vergleichbare Probleme hätten und nur langsam aufholten. Auch Schleswig-Holsteins Wirtschaftskraft liege weit hinter der Baden-Württembergs.

apr



insgesamt 135 Beiträge
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Blattgold 09.05.2019
1. Osten for Future
Das Kapital zum Überleben der nächsten hundert Jahre heisst unbeeinträchtigte Naturflächen verdoppeln, ökologische Landwirtschaft, Nullenergiewohnen, Strom-ÖPNV, Kleingartenanlagen. Westdeutschland ist da bereits vernagelt. Das ist jetzt eine seriöse Idee.
freeclimber 09.05.2019
2. Wieso
Wieso sollte ein Arbeitgeber seine Arbeitnehmer oder Kunden, mit heute zumeist internationalen Herkunft, einer zumindest teilweise sich radikal ausdrückenden Fremdenfeindlichkeit aussetzen. Darunter leiden dann halt auch diejenigen, die diesem Treiben zwar nicht beipflichten, aber auch nichts dagegen tun. Die jungen Weltoffenen ziehen weg, was die Situation dort permanent verschlechtert.
zudummzumzum 09.05.2019
3. Mission accomplished ...
Genau das war doch damals, bei der Wiedervereinigung, geplant. Die De-Industrialisierung des Ostens ist die logische Nebenwirkung der "Enststasifizierung". Wer in der alten DDR auch nur rudimentäre Kenntnisse von Ökonomie erwerben wollte, musste partei- und systemnah sein und hat sich damit für die Zeit nach der Wiedervereinigung aus dem Rennen geschossen. Und so musste - logisch - die Treuhand zum Totengräber fast aller industriellen Strukturen im Osten werden. Das war ihr Auftrag, auch wenn das niemand so klar ausgesprochen hat. Insofern kommt mir das heutige Erstaunen über die Rückständigkeit ziemlich geheuchelt vor. Wie aber kommt man aus der Misere raus? Da gibt es ein ganz klares Vorbild: Bayern. Also Spezeln-Wirtschaft und Korruption mit einer Partei, die sich dann als staatstragend aufspielen kann. Und alle müssen bereit sein, über ein paar Jahrzehnte wegzuschauen, wie sich Parteifreunde gegenseitig und selbst bedienen. Aber irgendwas fällt dann schon beim gemeinen Volk an. Mit der AfD steht die Partei schon in den Startlöchern, nachdem die-Linke es ja nicht sein darf - als SED-Nachfolge. Jetzt müssen das die Leute nur noch kapieren und dann entscheiden, ob sie auch mit den Risiken und Nebenwirkungen von umfassender Korruption umgehen wollen. Das ist dann auch eine Form von Demokratie.
Hörbört 09.05.2019
4. Billiglohnbundesländer
Klingt so, als sollte die Ungleichheit bei Tariflöhnen und Renten perpetuiert werden. Die besteht schon seit bald 30 Jahren, aber die 40 will man wohl noch voll machen. Das wäre die Marke, die auch die DDR aufgestellt hat. Vielleicht sollte man mehr Fragen wagen: a) Ist das nicht eine selbsterfüllte Prophezeiung, dass die qualifizierten Arbeitnehmer abwandern? b) Wer bleibt freiwillig dort, wo vergleichweise miese Löhne gezahlt werden? c) Weshalb ist der Osten angeblich unproduktiver, wenn doch die begehrten Jahrgänge allesamt nach der Wende geboren, mithin die Edukation des glorreichen Westens erfahren haben? d) Steckt hinter dieser Saga vom hoffnungslosen Osten nicht viel mehr die Absicht, die 'Sonderwirtschaftszone' (s.o.) auch weiterhin zum Vorteil von Unternehmen aufrecht zu erhalten?
r_saeckler 09.05.2019
5. Da braucht niemand nichts zu bezweifeln...
... es genügt, so lange abzuwarten bis Jahr für Jahr die von Destatis (dem Statistischen Bundesamt) recht zuverlässig erhobenen Zahlen vorliegen. Dann sieht jeder, was Sache ist. Und vorher ist es ebenso überflüssige wie unseriöse Kaffeesatzleserei.
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