Aufruf von 50 Pro-Europäern "Gebt Griechenland mehr Zeit!"

Griechenland muss die Euro-Zone verlassen - wirklich? Eine Gruppe von 50 Top-Ökonomen, Ex-Regierungschefs und EU-Parlamentariern appelliert an Politik und Öffentlichkeit, Athen nicht fallen zu lassen. Die Folgen könnten aus ihrer Sicht katastrophal sein.

Parlament in Athen: Austritt aus der Euro-Zone wäre eine Katastrophe
DPA

Parlament in Athen: Austritt aus der Euro-Zone wäre eine Katastrophe


Hamburg - Griechenland ist nicht mehr zu retten; den Euro-Verbund jedenfalls wird das hoch verschuldete Land wohl verlassen müssen, wenn nicht gleich die Europäische Union. Diese Meinung scheint eine breite Mehrheit von Regierungschefs, Ministern und Bevölkerung vor allem im Norden Europas zu vertreten. Eine Gruppe prominenter Europäer will das aber nicht hinnehmen: In einem gemeinsamen Appell rufen sie die europäischen Spitzenpolitiker dazu auf, Griechenland nicht fallen zu lassen.

50 Unterzeichner unterstützen den Appell, der am Mittwoch im Internet veröffentlicht wurde. Darunter illustre Namen wie der frühere deutsche Bundesfinanzminister Hans Eichel, der italienische Ex-Ministerpräsident Giuliano Amato oder der deutsche Ökonom Peter Bofinger. Die Zahl jener, schreiben sie, "die glauben, dass die Euro-Zone einen griechischen Euro-Austritt problemlos überstehen kann", wachse. "Wir hingegen glauben, dass ein griechischer Euro-Austritt eine politische und wirtschaftliche Katastrophe wäre."

Die europäischen Rettungsschirme böten keinen sicheren Schutz. "Ein griechischer Euro-Austritt könnte ein Auseinanderbrechen der gesamten Euro-Zone nach sich ziehen, was wiederum eine tiefe Rezession und eine neue globale Finanzkrise zur Folge hätte." Europas Ansehen würde ein solcher Schritt zudem "unwiderruflich" schädigen.

Strenge Sparpolitik muss wirtschaftlich scheitern

Die meisten der Unterzeichner sind Mitglieder des European Council on Foreign Relations (ECFR), einer Art europäischem Think-Tank. Zu den ECFR-Gründungsmitgliedern gehören George Soros, Joschka Fischer, Brian Eno oder Rem Koolhaas, die allerdings nicht zu den Unterzeichnern zählen. Heute stellen frühere EU-Spitzenpolitiker und Ökonomen die Mehrheit der ECFR-Mitglieder. Weil der ECFR politisch unabhängig ist, äußern sich die Unterzeichner des Euro-Appells als Privatpersonen.

Die Unterzeichner fordern die aktuellen Spitzenpolitiker dazu auf, "Griechenland die Möglichkeit zu geben, innerhalb der Euro-Zone auf einen nachhaltigen Wachstumspfad zurückzukehren". Dass eine strenge und kompromisslose Sparpolitik am Ende wirtschaftlich scheitern müsse, sei inzwischen "nicht mehr zu bestreiten". Die Politik müsse einen Kompromiss finden, bei dem Griechenland seine öffentlichen Finanzen in Ordnung bringe, gleichzeitig aber mehr Zeit zugestanden bekomme, seine Kredite an den Internationalen Währungsfonds und die internationalen Partner zurückzuzahlen.

Alle müssen Opfer bringen

Konkrete Handlungsanweisungen liefert der Appell auch: So sollen die Zinsen, die Griechenland an seine EU-Partner zahlt, gesenkt werden. Allerdings nicht ohne diese an klar definierte Reformfortschritte in Griechenland zu koppeln. So, hoffen die Unterzeichner, könnte dem griechischen Volk neue Hoffnung auf Wirtschaftswachstum gegeben werden, die "Eigenverantwortung" für die dringend notwendigen Reformen aber erhalten bleiben.

Die Kritik richtet sich vor allem gegen die Haltung der deutschen Bundesregierung, die mit ihrer kompromisslosen Haltung zum griechischen Sparprogramm in Europa zunehmend isoliert dasteht. Der Appell schließt mit den Worten: "Es ist klar: beide Seiten müssen Opfer bringen - aber ein Europa mit Wohlstand für alle sollte uns das wert sein."

nck



insgesamt 212 Beiträge
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Trollvottel 30.05.2012
1.
Ich muss als Top Europäer auch sagen die Griechen müssen in jedem Fall im Euro bleiben. Aber Deutschland muss aussteigen.
lemmy01 30.05.2012
2.
So, so. "Illustre" Namen wie Hans Eichel haben also unterschrieben. Der sollte sich lieber in die Ecke stellen und für seine Dummheit schämen als solche Schreiben unterzeichnen. Dem Mann muss man doch jede Kompetenz in Abrede stellen. Das ist in etwa wie wenn Lassie und Flipper ein Förderprogramm für Fusionsforschung unterstützen.
unmoderiert 30.05.2012
3. Manche sind gleicher ?
Diese, wie heißt es doch gleich in der Überschrift der Hauptseite des Spiegel, "Top-Europäer" (was macht sie eigentlich dazu ?) scheinen vergessen zu haben, dass die Griechen am 17. Juni die freie und demokratische Wahl haben, um über ihre Zukunft zu bestimmen. Falls sie sich für den Ausstieg Griechenlands aus der Eurozone entscheiden, dann werden auch diese 50 "Top-Europäer" diese Entscheidung akzeptieren müssen. Auch wenn das schmerzen sollte ;-) .
lechpirat 30.05.2012
4. Nur noch Selbstzweck
Der Euro ist doch nur noch Selbstzweck. Nichts ist in Europa besser geworden seit Einführung des Euro. Jeden Monat werden wir an einen neuen Abgrund geführt, der mit vielen Milliarden an Steuergeldern gefüllt werden möchte, die dann im eigenen Land fehlen. "Europa mit Wohlstand", "...sollte uns wert sein". Man kann diese hohlen Phrasen nicht mehr hören. Je schneller der Euro beerdigt wird, umso besser für alle Völker in ERuropa.
christoph_kuhlmann 30.05.2012
5. Wie oft noch ...
soll Europa den Griechen mehr Zeit geben und sich mit Versprechen abspeisen lassen, die nicht gehalten werden? 85% der verabschiedeten Gestze wurden nicht implementiert. Eine europäische Task Force, die zum Beispiel das Finanzamt reorganisiert lehnrn die Griechen ab. Es hat bereits einen Anschlag auf ein Mitglied der EU-Aufsicht gegeben. Mit solchen Aufrufen verbessern diese Leute die Wahlchancen von Tsipras, welcher der Meinung ist eine Zahlungsverweigerung Griechenlands käme einer Atombombe gleich. Er fordert einen Marshalplan. Griechenland hatte im Vorfeld der Krise bereits 48 Marshalpläne von der EU erhalten, mit dem Ergebnis, dass es so gut wie nichts mehr selbst prodiziert. Es geht nicht um Risiken des Finanzmarktes, es geht um Glaubwürdigkeit, die vollkommen vernichtet wurde. Es geht um Erpressung und Vertragsbruch und das Mindestmaß an Vertrauen, welches für eine gemeinsame Währung ist. TSipras verlangt von der Eurozone den Lebensstandard in Griechenland weit über dem Niveau zu halten, den das Land aus eigener Wirtschaftskraft finanzieren kann. Er kündigt die Vestaatlichung weiterer Wirtschaftszweige an und wird diese Wirtschaftskraft noch schwächen. Mag sein, dass ein Austritt Griechenlands jetzt teuer würde. In einem Jahr wird er allerdings noch viel teurer. Es gibt keine Hoffnung, dass sich was bessert, oder das Zusagen eingehalten werden, das ist das Problem.
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