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23. Juli 2011, 11:46 Uhr

Ausbau erneuerbarer Energien

Windräder für alle

Von Carlo Angerer, Reußenköge

Die Bundesregierung will die Windkraft massiv ausbauen - doch fast niemand will die riesigen lärmenden Rotoren in seiner Nachbarschaft haben. Eine Gemeinde in Schleswig-Holstein hat eine Lösung für das Dilemma: Die Bürger verdienen an den Windparks einfach mit.

Bernd Hartwich sieht sich als einen der letzten Kämpfer gegen die Windkraft. Von seinem Grundstück am Naugartener See in der Uckermark blickt der 66-Jährige auf die sich drehenden Ungetüme. Was er abfällig den "Wildwuchs von Windkraftanlagen" nennt, ist die große Hoffnung der Bundesregierung: Mit dem Atomausstieg hat sie den massiven Ausbau der Ökoenergie beschlossen - damit es auch künftig ausreichend Strom in Deutschland gibt.

Sein jahrelanger Kampf gegen die Windräder hat Hartwich müde und mürbe gemacht. Misserfolg ist nicht gerade ein Aufputschmittel. Als er noch Bürgermeister in seinem 120-Einwohner-Dorf war, konnte er den Bau von Windkraftanlagen zwar verhindern. Aber für jedes Windrad, das er blockierte, wurden in unmittelbarer Nähe zwei neue gebaut. Da half es noch nicht einmal, dass es seine Bürgerinitiative "Rettet die Uckermark" sogar in den Kreistag schaffte.

Auf einem langen Tisch in seinem Haus hat Hartwich Ordner, Karten, Fotos aufgestellt. Alles ist fein säuberlich geordnet. Es ist sein Archiv von zehn Jahren Widerstand gegen die Windräder. Sein wichtigstes Beweisstück: ein großer Bilderrahmen mit zwei aus der Ferne aufgenommenen Fotos seiner Heimatgemeinde. Auf dem einen fällt der Blick auf die Dorfkirche, auf dem anderen auf die riesigen Rotoren in der Umgebung.

Geschlagene Schlachten

"Früher war die Uckermark eine freie Landschaft, man konnte Hügel, Berge und Wälder erkennen", sagt Hartwich. "Wer hat das Recht, die Landschaft so zu versauen?" Die großen Energiekonzerne und die Verpächter der Flächen seien die großen Nutznießer des Windenergie-Booms. Die Anwohner müssten dagegen fast nur Nachteile hinnehmen. Es ist ja nicht nur der Anblick. Die Windräder werfen riesige Schatten und machen viel Lärm.

Jetzt, wo es so aussieht, als sei die Energiewende unwiderruflich, wirkt Hartwichs Kampf gegen die Windräder wie aus einer längst vergangenen Zeit. "Ich habe verloren", sagt er resigniert.

Wenn 2022 das letzte deutsche Atomkraftwerk abgeschaltet wird, soll die Windkraft einer der wichtigsten Energielieferanten sein. 2010 deckte sie gerade einmal sechs Prozent des deutschen Stromverbrauchs ab, in zehn Jahren sollen es bereits über 20 Prozent sein.

90 Prozent beteiligen sich an Windpark

Das Fraunhofer Institut hat in einer Studie berechnet, dass Deutschland sogar zwei Drittel seines Stroms aus Windenergie beziehen könnte. Dafür müssten allerdings zwei Prozent der gesamten Fläche zugebaut werden. Ein schneller Ausbau kann allerdings nur an Land gelingen. Auf dem Meer sind längere Planungszeiten und höhere Investitionen nötig.

Die entscheidende Frage lautet also: Kann es gelingen, die Windkraft massiv auszubauen, ohne dass die Bürger überall gegen die "Verspargelung der Landschaft" protestieren? Einfach wird es nicht, aber es könnte funktionieren. So wie in der Gemeinde Reußenköge im Westen Schleswig-Holsteins.

Hier in der Nähe von Husum ist bereits der sechste Bürgerwindpark in Planung. Die Idee: Wer den Anblick und den Lärm der Anlagen ertragen muss, soll wenigstens finanziell etwas davon haben. In Reußenköge haben sich bereits 90 Prozent der Haushalte Anteile an Windkraftanlagen gekauft. Aus einstigen Kritikern sind längst Unternehmer geworden.

"Eine eigene Mühle ist nie so laut wie eine fremde Mühle", sagt Dirk Albrecht, pragmatischer Geschäftsführer eines Bürgerwindparks. Bürgermeister Johannes Volquardsen meint gar: "Eine eigene Mühle stört nicht, weil sie auch noch gut aussieht."

Die Westküste Schleswig-Holsteins ist einer der besten Standorte für Windkraftanlagen in Deutschland. Schon Mitte der achtziger Jahre wurden die ersten Rotoren hier aufgestellt. Dann sollte der Ausbau schneller fortschreiten. Eigentlich wollte Initiator Albrecht die Anlagen alleine errichten. Doch dann merkte er, dass die anderen Einwohner seinen Egotrip nicht hinnehmen wollten.

"Wenn man Geld dafür kriegt, kann man damit leben"

Da kam ihm die Idee des Bürgerwindparks. Jeder kann sich daran beteiligen, dafür reichen schon ein paar tausend Euro. Eine Obergrenze gibt es nicht. Wer Teilhaber ist, bekommt auf sein Geld bis zu zehn Prozent Rendite. Das ist das Mehrfache dessen, was ein Tagesgeldkonto abwirft.

Inzwischen gibt es in Reußenköge 70 Windkraftanlagen. Bis zum nächsten Jahr sollen 17 weitere dazukommen. Das Örtchen produziert 140-mal mehr Strom, als es selbst verbraucht. "Wir sind die Extremgemeinde für Windenergie", sagt Bürgermeister Volquardsen. Und fügt nicht ohne Stolz hinzu: "Wir fragen nicht immer erst, wir versuchen erst mal, das selber zu machen."

Das bedeutet nicht, dass es keine Probleme gibt. Schließlich beteiligen sich an einem Bürgerwindpark bis zu 230 Mitglieder. Da kann es wie bei einer Versammlung von Hauseigentümern passieren, dass andere über die Verwendung des eigenen Geldes mitentscheiden. Weil alle grundsätzlich das Gleiche wollen, ist das Konfliktpotential allerdings geringer als bei anderen Windparks, wo sich unbeteiligte Anwohner und renditehungrige Energiekonzerne streiten. Zumal in Reußenköge viele Familien einen beachtlichen Teil ihres Einkommens mit Einnahmen aus der Windenergie bestreiten.

Wer profitiert, macht eher mit - dieses Prinzip könnte sogar in der Uckermark erfolgreich sein. Hier streiten sich bereits die Bauern darum, wer die Flächen für neue Windräder verpachten darf. Und selbst Dauer-Gegner Bernd Hartwich muss zugeben, dass er mit seinen Argumenten nicht gegen Geld ankommt: "Wenn man ein paar Euro dafür kriegt, kann man immer damit leben."

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