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17. Juni 2010, 14:03 Uhr

Ausbildungsgehälter

Jeder vierte Azubi jobbt nebenher

Lehre plus Job - das ist für viele Auszubildende die traurige Wirklichkeit. 27 Prozent schuften nebenher. Viele, um sich etwas Luxus zu leisten, manche aber auch, weil sie sonst weder Miete noch Lebensmittel zahlen könnten: Das durchschnittliche Nettoeinkommen liegt im zweiten Lehrjahr bei 466 Euro.

Bonn - Vielen Auszubildenden reicht ihr Gehalt nicht: 27 Prozent jobben nebenher. Das zeigt eine Umfrage unter gut 6000 Azubis aus dem Jahr 2008, deren Ergebnisse das Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) am Mittwoch erstmals veröffentlicht hat.

Von diesen Azubis braucht rund ein Viertel das zusätzliche Geld, weil sie sonst Miete und Lebensmittel nicht bezahlen könnten, ergab die Erhebung. 35 Prozent gaben an, mit dem Zusatzverdienst ausschließlich individuelle Wünsche zu finanzieren, 38 Prozent brauchen das Geld für beide Ziele.

Um ihr Gehalt aufzustocken, jobben die betreffenden Auszubildenden im Schnitt 9,2 Stunden pro Woche neben ihrer Lehre. 38 Prozent jobben bis zu fünf Stunden nebenher, 15 Prozent arbeiten pro Woche sogar mehr als 15 Stunden.

Die Gründe für den Wunsch nach zusätzlichem Verdienst liegen der Untersuchung zufolge häufig in dem gestiegenen Alter der Auszubildenden. Zwischen den Jahren 1993 und 2007 stieg das Durchschnittsalter von 18,5 auf 19,4 Jahre. Mit einem höheren Alter steigen nicht nur die Konsumwünsche, sondern auch der Anteil derjenigen, die das Elternhaus verlassen.

Hinzu kommt, dass viele Jugendliche für ihren Ausbildungsplatz umziehen und damit höhere Kosten für die Fahrtwege oder eine eigene Wohnung auf sich nehmen. Viele Jugendliche können sich offenbar von ihrem Ausbildungsgehalt nicht selbst finanzieren und sind daher auf Kredite, Nebenjobs, Hilfen vom Staat oder Unterstützung durch die Familie angewiesen.

Niedrige Löhne - seit Jahren

Die Höhe der Vergütung schwankt je nach Beruf erheblich: So erhielten fünf Prozent der Azubis im zweiten Lehrjahr weniger als 300 Euro netto im Monat. Bei 93 Prozent der Jugendlichen waren es zwischen 300 und 700 Euro und bei nur zwei Prozent mehr als 700 Euro. Generell gilt: Je größer der Betrieb, desto mehr verdienen die Auszubildenden.

Besserung ist kaum in Sicht: "Die Ausbildungsvergütung ist in den letzten Jahren eher moderat gestiegen", sagt Neumann. Er führt dies auf die verschlechterte Ausbildungsplatzsituation zurück: "Angebot und Nachfrage waren nicht im Gleichgewicht." Die Kosten, die den Betrieben durch Lehrlinge entstehen, würden die Gehälter zusätzlich drücken. "In Deutschland tragen die Betriebe Nettokosten, wenn sie ausbilden", sagt Michael Neumann vom Institut der deutschen Wirtschaft in Köln..

Viele Azubis sind mit ihrer Vergütung unzufrieden. 67 Prozent finden, sie hätten mehr verdient, als sie bekommen. Ein Viertel hält seine Bezahlung für "gerade richtig". Nur knapp ein Zehntel der vom BIBB Befragten schätzt die Vergütung als "sehr gut" ein.

Die Unzufriedenheit mit dem Gehalt hängt laut BIBB stark damit zusammen, wie die Azubis die eigene Arbeit bewerten. Die meisten Azubis im zweiten Lehrjahr glauben, viele Aufgaben schon so gut und schnell zu erledigen wie fertig ausgebildete Kollegen. Weil der Unterschied zur Entlohnung von Fachkräften meist spürbar ist, wächst die Enttäuschung über das Ausbildungsgehalt.

Andererseits rechnen es Auszubildende ihrem Betrieb positiv an, wenn er eine qualitativ gute Ausbildung bietet. In diesem Fall sind sie auch mit einer eher geringen Vergütung zufrieden.

lgr/dpa

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