Ausschreitungen in Athen Randalierer ringen mit der Polizei

Hunderttausende demonstrierten friedlich gegen die Sparpläne der griechischen Regierung, doch Hunderte lieferten sich stundenlange Straßenkämpfe mit der Polizei. Die Scharmützel blieben plan- und ziellos - im Parlament wurde zugleich in erster Lesung der drastische Sparentwurf gebilligt.

AFP

Aus Athen berichten und Ferry Batzoglou


In den Straßen Athens mischt sich am Mittwochabend der beißende Geruch verschmorten Gummis mit ätzenden Tränengasschwaden. Die Menschen drücken sich Tücher vor die Gesichter und hasten vorbei an den Randalieren, die sich noch immer Scharmützel mit der Polizei liefern. Steine fliegen, Tränengasgranaten explodieren, Mülltonnen brennen, Schaufenster und Telefonzellen liegen in Trümmern. Der Mob hat sich wieder einmal gründlich austoben dürfen.

Dabei ähneln diese rituellen Scheingefechte zwischen Autonomen und Beamten auf erstaunliche Art und Weise manchen Aspekten der griechischen Krisenbewältigung: Sie sind plan- und ziellos, ineffektiv und werden begleitet von großen Worten, denen nur selten Taten folgen. So schwadronieren die Vermummten gerne davon, einen Volksaufstand herbeiführen und die Regierung davonjagen zu wollen. Doch kaum kommen die zahlenmäßig hoffnungslos unterlegenen Ordnungshüter angetrabt, nehmen die Möchtegernrevoluzzer Reißaus.

Eine erstzunehmende Antwort auf die Frage, was die Krawalle also überhaupt sollen, bekommt man von der Steinewerfern nicht. Es ist, als stehe der öffentliche Raum einer kleinen Gruppe von Hitzköpfen als Sandsack zur Verfügung, an dem sie sich nach Lust und Laune abreagieren können. Die Polizei lässt die jungen Männer weitestgehend gewähren und nimmt so gut wie niemanden fest. Dafür allerdings verzichten die Rowdys im Gegenzug auf den Nahkampf mit der Staatsmacht.

Kindisches Hin und Her

Es ist ein kindisches Hin und Her, das den Blick verstellt auf die machtvolle Demonstration gegen die Sparpläne, zu der sich am Nachmittag eine gigantische Anzahl Menschen versammelt hatte.

Nie zuvor waren in den vergangenen Jahrzehnten so viele ganz unterschiedliche Griechen gemeinsam auf die Straßen gegangen, um ihrer Wut Ausdruck zu verleihen: Lehrer, Rechtsanwälte, Pfleger, Ingenieure, Taxifahrer, Postboten und Straßenbahnschaffner bahnten sich ihren Weg durch die Metropole. "Das Volk schuldet nichts, besteuert die Reichen", riefen sie und: "Volk, steh auf, es ist Zeit wieder Widerstand zu leisten."

Es war ein gewaltiges Heer der Verzweifelten, das sich gegen die noch zu beschließenden Sparmaßnahmen stemmte. 200.000 Menschen kamen nach Angaben der Gewerkschaften im Zentrum Athens zusammen, 70.000 Demonstranten schätzte die Polizei. Die Zahl ist ein Politikum, führt sie doch unweigerlich zu der Frage: Wie viele Bürger stehen eigentlich noch hinter dem Premierminister und seinem Sparkurs?

"Die ganze Familie muss von meinem Gehalt leben"

"Diese Regierung macht uns kaputt", sagte der beschäftigungslose Bauarbeiter Ilias Kosmopoulos, 33, der mit seinen Kollegen eine "Herrschaft des Volkes" erzwingen möchte. Die Krankenhausangestellte Magdalena D., 43, hingegen, Mutter zweier Töchter, wäre einfach froh, wenn sie nach vielen Monaten für ihre Arbeit endlich wieder bezahlt würde. "Die ganze Familie muss von meinem Gehalt leben."

Pfleger Konstantinos Tsoukas, 26, trieb die Sorge um die ihm Anvertrauten auf die Straße: "Ich arbeite in einem psychiatrischen Krankenhaus und wir können unsere Patienten nur noch versorgen, weil wir die dazu notwendigen Lebensmittel in der Nachbarschaft erbetteln." Er selbst habe seit vier Monaten kein Geld mehr bekommen. Und jetzt wolle die Regierung die Therapiezentren ganz schließen. "Das ganze Land verelendet."

Der Gewerkschaftsboss Nikos Kioutsoukis, 48, indes wollte den Menschen mit den Arbeitsstellen auch ihre Würde zurückgeben. Und der Ingenieur Nikos Stefanatos, der erstmals seit Mai 2010 an einer Kundgebung teilnahm, sagte: "Mein Monatseinkommen lag damals bei 2800 Euro, jetzt sind es noch 1500."

"Subtrahieren und dividieren"

Griechenland muss sparen, sonst fließen keine Gelder aus Europa, sonst droht die Staatspleite. Ein Ende des Schreckens ist noch immer nicht in Sicht. Am Donnerstag wird das Parlament erneut über einen weitreichenden Gesetzentwurf des Finanzministers abstimmen, am Mittwochabend billigten die Abgeordneten den Entwurf bereits in erster Lesung. Dieser hat 57 Seiten, umfasst 41 Artikel und sieht die bisher drastischsten Einschnitte für Millionen Menschen vor: Die bereits reduzierten Gehälter der Beamten sollen nochmals gekürzt werden, teilweise sogar um die Hälfte. Es drohen Massenentlassungen.

Auch in der Privatwirtschaft werden die Löhne wohl deutlich sinken, ebenso die Pensionen und Renten. Hinzu kommen zahlreiche neue Sonderabgaben. "Die Regierung beherrscht nur noch zwei Grundrechenarten", ätzte Gewerkschafter Kioutsoukis, "nämlich subtrahieren und dividieren." Und sein Kollege Giannis Panagopoulos sagte, die Bevölkerung erhebe sich gegen die "unfairen, unsozialen und ineffizienten" Beschlüsse.

Und was tut das Kabinett?

Finanzminister Evangelos Venizelos forderte von den Abgeordneten bereits Verständnis, um nicht zu sagen: Folgsamkeit. Die Griechen hätten keine Wahl, sie müssten ihre Not akzeptieren. "Wir müssen all diesen empörten Menschen, die sehen, wie sich ihre Leben ändern, klarmachen, dass das, was das Land derzeit erlebt, nicht die schlimmste Phase der Krise ist", sagte Venizelos und meinte: Es kann noch viel ärger werden, wenn die Gesetze nicht verabschiedet werden. "Der Unterschied zwischen einer schwierigen Situation und einer Katastrophe ist gewaltig."

Doch selbst Parlamentarier aus den Reihen der regierenden Sozialisten haben angedeutet, dass sie möglicherweise gegen Teile des Sparplans stimmen wollen, der Griechenland weitere internationale Finanzhilfen sichern soll. Erhielte der Staat nicht bald eine dringend benötigte weitere Kredittranche, könnte er nach offiziellen Angaben schon im November keine Gehälter und Pensionen mehr zahlen.

Die Ärzte streiken, die medizinische Versorgung ist schlecht

Gegen 14 Uhr hatte sich erstmals am Mittwoch die Gewalttätigkeitweniger Personen unter die friedliche Empörung der demonstrierenden Massen gemischt. Jugendliche versuchten auf dem Syntagma-Platz, ein Absperrgitter zu überrennen. Die Polizei, die bis dahin nicht aufgefallen war und den Hunderttausenden Protestlern kaum etwas entgegensetzen konnte, schleuderte Tränengasgranaten in die Menge. Angeblich sollten 3000 Beamte im Einsatz sein, zu sehen waren nur wenige.

Dieser und der abendlichen Auseinandersetzungen ungeachtet sollen die Proteste jedoch am Donnerstag fortgesetzt werden. "Der Kampf muss weiter gehen", tönte der Bauarbeiter Kosmopoulos und griff wieder zum Megafon.

Große Worte sind in Griechenland noch längst nicht knapp.

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wika 19.10.2011
1. Mit gutem Beispiel vorangehen
Nach dem Willen von Honeckers Racheengel, unserer Bundesmutti Merkel, müssten wir jetzt an sich mit gutem Beispiel vorangehen und … *Die Quadriga, die Goldelse und dem "Deutschen Volke verhökern"* … (http://qpress.de/2011/09/09/quadriga-goldelse-und-%e2%80%9edem-deutschen-volke%e2%80%9c-werden-verkauft/) … um den Griechen zu signalisieren, dass es keinerlei Tabu dabei geben darf wenn ein Volk zugrunde zu richten ist. Wir müssen ihnen weiter einreden, dass sie faule Säcke sind und zur Befreiung aus der Schuldenklemme auch die Veräußerung der Akropolis ein probates Mittel zur Rettung der Geldsäcke ist. Was wir ihnen nicht sagen sollten ist, dass auch sie dem Grunde nach gar keine Schuld an diesem Dilemma haben, sie halt nur die ersten sind die über die Klinge springen müssen. Auch sollten wir ihnen nicht sagen, dass das kaputte Geld-System mit seinem Zins- und Zinseszins einen Staat nach dem anderen dahinraffen wird … was die Zinseszinsformel schon implizit vorgibt, wenn man sie denn versteht. Ok, diese Wahrheiten müssen wir natürlich auch in Deutschland weiter verbergen, sonst könnte ja der Michel, wenn er die Abzocke dann begriffen hat, möglicherweise auch ganz böse werden und so rumrandalieren wie die Griechen. Aber gut, dann können wir ihn ja auch erschießen, denn so etwas ist dann Aufruhr und da ist ja in den EU-Verträgen schon entsprechend vorgesorgt. Für diesen Fall ist ja die Anwendung tödlicher Gewalt bereits legitimiert. Und immer fein daran denken, das Geld ist immer im Recht und ein Menschenleben keinen "Schuss Pulver" wert, deshalb kann man mit Menschenleben auch großzügiger umgehen als mit Geld … ist ja weltweit zu beobachten dieser Trend. Also dann liebe Griechen, stellt euch nicht so an oder besser noch, schon mal in einer Reihe auf. Ihr seid halt nur die Ersten, ist dass nicht großartig. Irgendwer muss ja vorangehen wenn wir alle über den Jordan sollen/wollen. Wir kommen aber bestimmt nach, versprochen!
Der Pragmatist 19.10.2011
2. Kein Blut aus einem Stein
Zitat von sysopHunderttausende demonstrierten friedlich gegen die Sparpläne der hab icgriechischen Regierung, doch Hunderte lieferten sich stundenlange Straßenkämpfe mit der Polizei. Die Scharmützel blieben plan- und ziellos - und ähneln*damit vielen staatlichen Versuchen*der Krisenbewältigung. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,792854,00.html
Warum die Welt immer noch nicht erkannt hat, dass es sich bei den Randalierern um ganz linke Genossen vom Schalge der Kommunisten handelt, ist einfach schleierhaft. Die Weltzerstoerer haben immer noch nicht begriffen, dass man aus einem Stein kein Blut herausdruecken kann und das man aus einem bankrotten Staat kein Geld mehr herauspressen kann. Waruj protestieren sie nun eigentlich? Wan geht Griechenland nun endlich in die Insolvenz, damit diese zweijaehrige Euro Krise endlich dem Ende zusteuert? Pragmatist
Townshend 19.10.2011
3. @Pragmatist
Ihre politische Bildung in allen Ehren, aber was Demonstranten, die um ihre Existenz fürchten, mit "weltzerstörerischen Kommunisten" zu tun haben sollen, erschliesst sich mir nicht wirklich. Wenn man mir 10%, 20% oder 30% Gehalt, Rente oder was auch immer kürzen und sämtliche Abgaben, Steuern usw. erhöhen wollte, würde ich auch demonstrieren. Wieso sollen kleine Arbeitnehmer und Rentner für skandalöse Banken- und Politpraktiken büssen?
horstderdritte 19.10.2011
4. @ Pragmatist
Warum sorgen wir nicht endlich für nachvollziehbare und sinnvolle Regulierungen an den Finanzmärkten? Dann hätten wir weite Teile der Krise gar nicht, und "die Weltzerstörer vom Schalge der Kommunisten" überhaupt keinen Grund Steine aus Verzweiflung und Wut zu werfen...
pkeszler 19.10.2011
5. Wer sind die Randalierer?
Zitat von Der PragmatistWarum die Welt immer noch nicht erkannt hat, dass es sich bei den Randalierern um ganz linke Genossen vom Schalge der Kommunisten handelt, ist einfach schleierhaft. Die Weltzerstoerer haben immer noch nicht begriffen, dass man aus einem Stein kein Blut herausdruecken kann und das man aus einem bankrotten Staat kein Geld mehr herauspressen kann. Waruj protestieren sie nun eigentlich? Wan geht Griechenland nun endlich in die Insolvenz, damit diese zweijaehrige Euro Krise endlich dem Ende zusteuert? Pragmatist
Ich glaube nicht, dass es sich bei den einigen Hundert Randalierern um Kommunisten handelt, sondern eher um Jugendliche, die die Gelegenheit genutzt haben, sich einmal richtig auszutoben. Ihr Vorgehen war plan- und ziellos und wurde nicht von einer Partei gesteuert. Solche Randale konnten wir doch in der letzten Zeit auch in einigen anderen Ländern beobachten. Es scheint bei einigen Leuten immer noch beliebt zu sein, alles gleich Kommunisten oder Linken in die Schuhe zu schieben. Da ist wahrscheinlich der Ausdruck "Linksradikale" eher angebracht.
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