Zeugenaussage zu BER Die Mär vom fast fertigen Flughafen

Schönrednerei, frisierte Berichte und Baufirmen, die machen, was sie wollen: Die Aussage eines ehemaligen Projektleiters wirft ein schlechtes Licht auf die BER-Flughafengesellschaft. Deren Geschäftsführer Mehdorn attackiert den eigenen Aufsichtsrat.
Terminal des Flughafens Willy Brandt (BER): "Allenfalls zu 85 Prozent fertig"

Terminal des Flughafens Willy Brandt (BER): "Allenfalls zu 85 Prozent fertig"

Foto: Patrick Pleul/ dpa

Berlin - Man kann sich leicht vorstellen, wie Knut Nell sich gegenüber Baulöwen behauptet. Er spricht leise, doch sein Tonfall hat jene Unnachgiebigkeit, die im Notfall selbst polternde Poliere in die Schranken weist. Mit ruhiger Selbstgewissheit trat der 46-jährige Architekt heute als Zeuge vor dem Untersuchungsausschuss des Berliner Abgeordnetenhauses auf.

Ein Auftritt, der mit Spannung erwartet worden war, denn Nell kennt die Abläufe am Hauptstadtflughafen wie kein anderer - bis zu seiner Kündigung im Jahr 2012 koordinierte er als Projektleiter im Planungsbüro von Meinhard von Gerkan (pgbbi) die Abläufe auf der wohl peinlichsten Baustelle der Republik.

Aus seiner Sicht trägt die Schuld für das Chaos allerdings jemand anderes: die Flughafengesellschaft. Deren damalige Geschäftsführung habe Schönrednerei geduldet, Berichte frisiert und Baufirmen machen lassen, was sie wollten, sagte er sinngemäß aus: "Die Flughafengesellschaft hat leider trotz aller Drohungen nie Konsequenzen gegenüber den betroffenen Firmen gezogen."

Glaubt man Nell, waren die Probleme nicht wesentlich größer als auf anderen Großbaustellen auch. Bis auf die Entrauchungsanlage, die am Ende den Ausschlag dafür gab, den Eröffnungstermin abzusagen. Im Prinzip sei das Projekt im Juni 2012 zu 96 Prozent fertiggestellt gewesen. "Insgesamt betrachtet, haben wir einen guten Job gemacht."

Jeder bekräftigt seine eigene Perspektive

96 Prozent - die Aussage ist umso bemerkenswerter, als inzwischen fast zwei Jahre seit der spektakulären Absage der Eröffnungsfeier vergangen sind und derzeit niemand einen neuen Termin auch nur näherungsweise vorherzusagen wagt. Viel Zeit für die vier Prozent, die laut Nell noch zur Fertigstellung fehlten.

"Wenn man Straßen, S-Bahn-Zubringer und Parkplätze mit einbezieht, dann fällt der Anteil der noch ausstehenden Arbeiten tatsächlich klein aus", erklärt ein Insider. "Das Terminal selbst ist dagegen allenfalls zu 85 Prozent fertig". Nicht berücksichtigt seien dabei die Demontagearbeiten, die nur erforderlich seien, um die bestehenden Mängel beseitigen zu können, fügt er hinzu. Als Beispiel nennt er den Umbau der Kabelkanäle, für den alle Deckenverkleidungen demontiert werden müssten.

Ein Sonderfall sei die Entrauchungsanlage, erklärt der Insider weiter, "hier kann eigentlich keiner seriös sagen, was damit geschehen soll. Denn sie ist noch gar nicht vollständig getestet worden".

Entrauchungsanlage nicht das einzige Problem

Der neue Projektleiter von Flughafenchef Hartmut Mehdorn, Jürgen Großmann, hat sein Urteil dagegen schon gefällt. Er hält die zentrale Entrauchungsanlage für eine komplette Fehlplanung, die nie ihre Aufgabe werde erfüllen können. Die Lösung sieht er in einem radikalen Schnitt: Mehrere kleine Anlagen sollen das Ungetüm und seine mächtigen Ventilatoren im Keller ersetzen.

Dass die Probleme am Hauptstadtflughafen in der öffentlichen Wahrnehmung auf die Entrauchungsanlage reduziert werden, kommt Mehdorn und seinem Adlatus Großmann durchaus zupass. Da kapiert jeder sofort: Das wird teuer und es braucht seine Zeit. Die Liste der ausstehenden Bauaufträge ist jedoch noch ein gutes Stück länger. Sie finden sich in den "Planungsrestleistungen", die die Flughafengesellschaft vor wenigen Wochen ausgeschrieben hat. Dazu gehören Arbeiten an der Statik der Deckenkonstruktion, an Sanitär- und Klimaanlagen sowie die besagte Neuverlegung von Strom- und Datenleitungen. Auch warten die Sicherheitsleute in der Feuerwache immer noch auf funktionsfähige Kommunikationswege zum Hauptterminal und den umliegenden Gebäuden.

Es deutet also einiges darauf hin, dass weit weniger erledigt ist als auf offiziellem Wege zu erfahren ist - sei es von der Flughafengesellschaft oder vom Zeugen des ehemals beteiligten Planungsbüros.

Dass die Nerven der Beteiligten mittlerweile blank liegen, zeigt eine bizarre Attacke, die Flughafen-Geschäftsführer Hartmut Mehdorn am Freitag gegen seinen eigenen Aufsichtsrat ritt. Mehdorn ging das neue Aufsichtsratsmitglied Christian Görke (Linkspartei) offen an. Der Finanzminister Brandenburgs hatte tags zuvor im Landtag in Potsdam erklärt, dass für den Flughafen ein Mehrbedarf von 1,1 Milliarden Euro diskutiert werde.

Nach Mehdorns Ansicht hat Görke den Eindruck erweckt, dass das Projekt nur wegen Planungsfehlern und Baumängeln teurer werde. Dies sei falsch, betonte Mehdorn unter der Überschrift "Mehdorn widerspricht Minister Görke". Der Berliner Airport sei ursprünglich für 17 Millionen Passagiere im Jahr zu Kosten von 2,4 Milliarden Euro geplant gewesen. Nun werde aber für 27 Millionen Passagiere geplant. "Mehr Flughafen kostet auch mehr Geld", hob Mehdorn hervor. "Die Äußerungen von Herrn Görke sind insofern ärgerlich, weil er weiß, dass der BER über all die Jahre entsprechend den Anforderungen gewachsen ist."

In der Sitzung hatte Görke allerdings gar keine Gründe für die möglichen Mehrkosten genannt.

Mit Material von dpa