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Elektrostrategie der Bundesregierung

Immer noch nicht voll aufgeladen

Mit einer neuen Elektroauto-Offensive will die Bundesregierung nachholen, was Deutschland jahrelang verschlafen hat. Doch die Pläne stimmen wenig hoffnungsvoll - auch, weil ausgerechnet Andreas Scheuer sie umsetzen soll.

Ein Kommentar von

INA FASSBENDER / AFP

Verkehrminister Scheuer

Dienstag, 05.11.2019   12:42 Uhr

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Selbst in der deutschen Autoindustrie hatte kaum ein Verantwortlicher davon Notiz genommen, damals, kurz nach der Jahrtausendwende: Ein Audi-Manager mit chinesischer Abstammung kündigte in Ingolstadt seinen Job und ging zurück in seine Heimat. Er folgte dem Ruf seines Staates. Wan Gang hieß dieser Ingenieur, und gleich nach seiner Rückkehr baute er unter dem Dach des "Programms 863" ein nationales Forschungsprogramm auf, mit dem das Reich der Mitte den Wechsel vom Verbrennungs- auf den Elektromotor vollziehen wollte. Der Mann stieß eine Revolution an: Zwei Millionen neue Elektroautos sollen 2020 in China zugelassen werden, 750.000 Ladestationen gab es bereits vergangenes Jahr.

Fast zwanzig Jahre nach diesem epochalen Ereignis traf sich am Montagabend die Bundesregierung mit den Chefs der deutschen Autoindustrie und Gewerkschaften sowie mit Landesvertretern, um so etwas Ähnliches anzustoßen, wie damals die Chinesen: eine Zeitenwende. Doch schon aus dem zeitlichen Abstand lässt sich erkennen, wie weit die Deutschen hinterherhinken: Mental, technologisch, logistisch. Eine Revolution wurde verschlafen, und das ausgerechnet in einem Land, dessen wirtschaftliches Wohlergehen am Automobil hängt - inklusive 800.000 Arbeitsplätzen.

Patrick Pleul / DPA

Elektroauto an einer Ladesäule in Cottbus (Archivbild)

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Auf einmal soll jetzt alles schnell gehen: Kaufprämien von 6000 Euro, vor allem für kleinere Fahrzeuge aus der Mittel- und Unterklasse, sollen die Kunden auf dem für die heimische Industrie so wichtigen deutschen Markt bekommen. Eine Million Ladestationen sollen stehen, bis zum Jahr 2030 wohlgemerkt. Plötzlich stellt die Regierung fest, dass eine ganze Reihe von einfachen Verwaltungsvorschriften verändert werden kann, die den Aufbau von Ladestationen bislang gehemmt haben. Darunter eine so banale, die es Supermärkten erschwert hat, Stromzapfsäulen auf ihren Parkplätzen aufzubauen, wenn diese nachts geschlossen bleiben.

Dies ist nur eines der Beispiele, die zeigen, wie Regierung und Konzerne die größte Transformation in der Autoindustrie seit Erfindung des Autos versäumt haben. Der Dieselskandal war ein erster Wachrüttler, zumindest hätte er es sein können. Er hat gezeigt, dass die deutschen Hersteller auf die falsche Antriebstechnologie gesetzt und dies den Regierenden viel zu lange als richtigen Weg verkauft hatten. Zwar gab es schon seit vielen Jahren eine "Nationale Plattform Elektromobilität" und das Versprechen der Kanzlerin, bis 2020 eine Million Elektroautos auf Deutschlands Straßen zu bringen. Doch die Verantwortlichen handelten halbherzig, wie schon ein Blick auf deutsche Supermarktparkplätze hätte verraten können.

Scheuer ist die falsche Wahl

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Noch bis vor wenigen Monaten hatte es selbst der Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer noch nicht kapiert: Er redete von technologieoffener Förderung für die Antriebe der Zukunft. So, als sei es noch gar nicht ausgemacht, dass der Elektromobilität die Zukunft gehört. Letztlich bedurfte es der Klimaproteste, damit Bewegung in die Sache mit den Elektroautos kommt. Endlich.

Es stimmt nicht gerade optimistisch, wenn das Ergebnis des Elektromobilitätsgipfels nun lautet: Eine Leitstelle im Bundesverkehrsministerium von Andreas Scheuer solle einen Hochlauf "planen und koordinieren". Schon beim Breitbandausbau und dem Mobilfunk hat der CSU-Mann bewiesen, dass er vor allem eins kann: schicke Werbefilmchen für die sozialen Medien produzieren.

Als es um das Klimaschutzprogramm der Regierung ging, war sogar die Bundeskanzlerin so genervt von den unzureichenden Vorschlägen aus dem Verkehrsministerium, dass sie Scheuer vor versammeltem Kollegium im Kanzleramt ermahnen musste. Und noch bis heute weigert sich Scheuer, die mittlerweile eingereichten Klimaschutzinstrumente von unabhängigen Gutachtern auf ihre Wirksamkeit untersuchen zu lassen.

Keine wirklich guten Qualifikationen sind das also, dem Verkehrsminister die wohl wichtigste wirtschaftspolitische Herausforderung der Republik in die Hand zu geben: die Transformation der Autoindustrie vom Verbrennungs- zum Elektromotor. Es hätte auch das Bundeswirtschaftsministerium übernehmen können: Hier liegt nicht nur die industriepolitische Steuerungskompetenz der Bundesregierung, sondern auch die Verantwortung für die Energiewirtschaft, also jene Branche, die für den Umbruch extrem wichtig ist.

Denn der Aufbau von Ladestellen im Land ist neben einer attraktiven Palette von Elektroautos die wohl entscheidende Stellschraube dafür, dass die Deutschen auf die Stromer umsteigen. Die Einigung am Montagabend gibt Anlass zur Sorge, dass die Regierung auch bei dieser wichtigen Infrastrukturaufgabe scheitern wird. Nicht nur, weil sie in den Händen eines Ministeriums mit mieser Leistungsbilanz liegt. Auch der gewählte Ansatz ist bedenklich: Es geht der Regierung nämlich erkennbar um Masse. Je höhere Zahlen sie verkünden kann, desto besser kann sie den Wählern weismachen, dass die Sache mit der Elektromobilität läuft.

Masse allein bringt es nicht

Dabei erfordert die Aufgabe eigentlich ein differenziertes Vorgehen. In Zukunft wird nämlich nicht jeder Mieter seinen Wagen am Abend einfach an die Steckdose hängen. Eigenheimbesitzer werden dies tun, weshalb der Ausbau der Ladeinfrastruktur entgegen weitverbreiteter Politikermeinung vor allem auf dem Land einfacher sein wird, wo die Menschen zumeist in Eigenheimen wohnen und direkt vor der Tür parken und laden. In Städten müssen die Menschen beim Einkaufen laden und dann, wenn der Wagen bei der Arbeit geparkt ist. Statt dummer Langsamladesäulen in rauen Massen braucht es smarte Schnellladestationen an den richtigen Orten.

Hinzukommen müssen selbstverständlich auch Schnellladestationen an den Fernstraßen, wo ein Auto nach zehn Minuten genügend Elektrizität aufgenommen haben muss, um hundert oder zweihundert weitere Kilometer fahren zu können. Beim Autogipfel sind dazu eine Reihe wichtiger Entscheidungen gefallen. Manche wiederum verwundern: Warum sollen die Autokonzerne Ladestationen aufbauen? Das ist so, als würden heute die Tankstellen von BMW oder Mercedes betrieben werden.

Deshalb hätten am Montag die großen Energieversorger mit an den Tisch gehört. Sie müssen nicht nur die Netze verstärken, sondern auch die Ladestationen bauen. Sie müssen die Mobilitätswende mit der Energiewende verweben.

Dafür bedarf es viel mehr Solaranlagen, auch in den Städten, und intelligente Steuerungsanlagen, die dafür sorgen, dass die gesamte Elektroautoflotte der Zukunft nicht genau dann geladen wird, wenn die Menschen von der Arbeit nach Hause kommen. Für diesen Fall bedürfte es eines Stromnetzes, das so gewaltige Kapazitäten bräuchte, dass der Aufbau viel zu teuer wäre.

Für Deutschland gilt: Je länger das Land die Elektrorevolution verschlafen hat, desto schlauer muss es bei der Aufholjagd vorgehen. Der Autogipfel war eine wichtige Zäsur. Gemessen an der Aufgabe war er aber nur ein kurzes Etappenziel auf einer großen, schicksalhaften Reise.

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