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Fotostrecke: Der Flop-Film

Foto: The Strike Productions

Ayn-Rand-Verfilmung Kapitalisten-Porno floppt in US-Kinos

"Atlas wirft die Welt ab" - das ideologische Hauptwerk der US-Autorin Ayn Rand gilt als Bibel der Konservativen. Nach fünf Jahrzehnten wurde der 1368-Seiten-Schmöker nun endlich verfilmt. Doch die Kinos bleiben leer - trotz massiver Unterstützung durch die Tea Party.

Ein Fanal hätte es werden sollen. Ein Schlachtruf für Amerikas Konservative, für Wall-Street-Haie, Tea-Party-Fanatiker, Palin-Jünger, Obama-Hasser. Einer der wichtigsten US-Schlüsselromane des 20. Jahrhunderts, die Bibel der Kapitalisten - opulent verfilmt und als Box-Office-Hit den Massen nähergebracht: "Erste Screenings", kolportierte das Magazin "Time", "haben die Basis elektrisiert."

Die Rede ist von "Atlas Shrugged", der Verfilmung des gleichnamigen Mammutromans ("Atlas wirft die Welt ab") von Ayn Rand, der ultraliberalen Ikone der US-Rechten. 54 Jahre nach Erstveröffentlichung des Buches, das Präsidenten, Banker und Broker inspirierte und eine ganze Generation Konservativer prägte, hat es diese Saga von Geld, Gier und Ego nun endlich in Amerikas Kinos geschafft.

Das Timing der Filmversion - oft versucht, oft gescheitert - schien perfekt: Die US-Rechte fühlt sich im Aufwind, die Börse brummt, Gier ist wieder in und der 1368-Seiten-Schmöker ein Tea-Party-Bestseller. Schon witterte das "Wall Street Journal" die "Wiedergeburt der Ayn Rand". Zwei weitere Fortsetzungsfilme waren bereits angepeilt, eine Trilogie sollte das werden, um den Triumph der Wall Street über die "Main Street" zu besiegeln, als glanzvoll-siegreiches Nachwort zur Finanzkrise.

Nur: Trotz eifriger TV-Propaganda durch Fox News & Co. ist das Mega-Projekt peinlich gefloppt. Und von einer Trilogie redet niemand mehr.

"Atlas Shrugged: Part I" entpuppte sich als Kassengift: Verrissen selbst von konservativen Kritikern, spielte es in zwei Wochen nur müde 3,6 Millionen Dollar ein und ist inzwischen aus den meisten Kinos wieder sang- und klanglos verschwunden. Die Ironie könnte kaum treffender sein: "Atlas" scheiterte an seiner eigenen Ideologie - gnadenlosem Kapitalismus.

Zugegeben: "Atlas" ist schwer verdaulich, schon auf dem Papier. Kein Wunder, dass die filmische Umsetzung dieses zur Seifenoper ausgewalzten Schreckensbildes seit Jahrzehnten klemmt, trotz wackerer Versuche und Star-Power, die das Projekt mal hatte.

Der lange Arm Washingtons

Autorin Rand, eine gebürtige Russin und Tochter deutschstämmiger Juden, war 1926 mit 19 Jahren vor den Bolschewiken in die USA geflohen. Bis heute gilt sie als eine der einflussreichsten unter Amerikas Polit-Autoren. Ex-Notenbankchef Alan Greenspan war ein enger Freund. Eine Umfrage der Library of Congress krönte "Atlas", ihr Lebenswerk, 1991 zum "zweitwichtigsten Buch" nach der Bibel. Die Finanzkrise trieb die Auflage in Höhen, die es seit ihrem Tod 1982 nicht mehr gab. Auf den Tea-Party-Demos des vergangenen Sommers verwiesen viele Schilder auf "Atlas".

Denn die Motive, die sich durch den Schinken ziehen, sind im aktuellen Politklima wieder en vogue: Misstrauen gegen die Zentralregierung, Eigennutz statt Altruismus, Widerstand gegen Gewerkschaften, Linke und "Sozialisten". Rands Philosophie des "Objektivismus" erhob den Egoismus zum Ethos.

"Atlas" spielt im Jahr 2016 - zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung ferne Zukunft, heute fast Gegenwart. Rand porträtierte ein Amerika, prophetisch und doch ein Zerrbild dessen, was die Rechten heute bejammern: Die USA stecken in einer Wirtschaftskrise, verschuldet durch globale Unruhen und eine Regierung, die sich - Tea Party, hergehört! - allzu sehr in die Privatwirtschaft einmischt.

Arbeitslosigkeit grassiert, Sprit ist teuer, die Eisenbahn ist Hauptverkehrsmittel. Die Protagonisten der Story - Dagny Taggart, die Erbin eines Bahnkonzerns, und der Stahlbaron Hank Rearden - kämpfen gegen den langen Arm Washingtons, gegen aufmüpfige Arbeiter und eine generell kollabierende Gesellschaft. Aus Protest inszenieren Industrielle und Innovatoren einen "Kapitalstreik", um zu zeigen, wer das Wachstum wirklich treibt - und was passiert, wenn sich der Mensch von der Regierung "versklaven" lässt.

Die Stars winkten ab

Das alles ist eine staubtrockene Angelegenheit, die Rand mit Thriller-Elementen, Science Fiction und Sexszenen aufmotzte. Doch selbst der Sex dient dem Mantra vom Selbstnutz, bei dem Emotionen nur stören. Der griechische Titan Atlas, doziert Stahltycoon Rearden an einer Stelle des Buches, könne über seine Liebesmühen ja auch nur "mit den Schultern zucken" - was den Originaltitel des Mega-Traktats erklärt.

Die lange Odyssee der "Atlas"-Verfilmung überrascht nicht. Der bleierne Stoff fasziniert Hollywood seit jeher, doch Rands Kontrollsucht verhinderte einen Deal lange. 1972 kündigte Albert Ruddy, der damals als Produzent des "Paten" auf einen Oscar hoffte, eine erste Kinofassung an, überwarf sich aber mit der Autorin.

Die versuchte es danach selbst, starb aber 1982, bevor das Skript fertig war. 1992 kaufte der Investor John Aglialoro für rund eine Million Dollar die Option auf die Verfilmung. Hollywood-Erfahrung hatte er keine: Der Milliardär und Rand-Fan führt die US-Fitnessgerätekette Cybex und betätigt sich im Private-Equity-Bereich.

Fast drei Jahrzehnte lang blitzte er mit "Atlas" überall ab - bei Drehbuchautoren, Studiochefs, Schauspielern. Unter den Stars, die für "Atlas" gehandelt wurden, aber abgewinkt haben sollen, sind Angelina Jolie, Brad Pitt, Julia Roberts, Charlize Theron, Anne Hathaway und Russell Crowe.

Schließlich drohte Aglialoros Option auszulaufen - und er startete im vergangenen Juni die Produktion - mit den unbekannten Schauspielern Taylor Schilling und Grant Bowler. Regie führte Paul Johansson, der zuvor nur fürs Fernsehen gearbeitet hatte und erst zehn Tage vor Drehbeginn engagiert wurde.

Mehr als 1,7 Millionen Klicks

Aglialoro besorgte die Finanzierung selbst, rund 20 Millionen Dollar. Heraus kam eine fast wortgerechte Adaption, mit aufwendiger Kulisse, glamouröser Ausstattung und atemberaubenden - wiewohl computererzeugten - Landschaftspanoramas. "Kapitalismus-Porno", fanden Kritiker. Rand hätte ihre Freude daran gehabt.

Doch der Stauneffekt beschränkt sich auf die Optik. Die Inszenierung ist steif, die Schauspielerei hölzern, die Dialoge sind qualvoll. "Mein Metall, deine Eisenbahn", sagt Rearden einmal zu Taggart. "Wir bewegen die Welt." Auf dem Papier wirkt das alles noch einleuchtend, fast bewegend. Auf der Leinwand kommt es daher wie eine Episode des "Denver Clan".

Aglialoro machte einen weiteren Fehler: Er verzichtete auf die traditionelle Hollywood-Marketingmaschine und setzte lieber auf Graswurzel-Aktionen und Mundpropaganda.

Der Rechtspolemiker Glenn Beck bewarb "Atlas" gratis. Blogger fieberten der Premiere entgegen. Die Aktivistengruppe FreedomWorks fand, der Film sei "wie für die Tea Party gemacht". Der Trailer, erstmals auf einer Tagung der Republikaner präsentiert, wurde mit mehr als 1,7 Millionen Klicks zum YouTube-Hit.

Dann aber bekamen die Kritiker "Atlas" zu sehen. Der legendäre Roger Ebert ("Chicago Sun-Times") gab dem Film nur einen mageren Stern: "Es würde helfen, wenn er unterhaltsam wäre." Kyle Smith ("New York Post") monierte die "gestelzten Dialoge". Selbst das sonst von Rand so begeisterte "Wall Street Journal" schrieb, man fühle sich inmitten der "endlosen Rituale eines obskuren exotischen Volksstamms".

Kinostart war, kein Zufall, der 15. April - der Tag, an dem die von der Tea Party verhasste Steuererklärung fällig ist. Das Publikum war noch abgeneigter als die Profis. Die Laienkritiker-Website "Rotten Tomatoes" gab dem Film eine miese Bewertung. Am Premieren-Wochenende landete das Werk nur auf dem 14. Platz unter den Kinobesuchern. Was schlimm anfing, wurde noch schlimmer: In der Kino-Hauptstadt New York läuft "Atlas" nur noch in einem Kino - um 21.30 Uhr.

"Ich frage mich, warum ich Teil zwei überhaupt noch machen soll", gestand Rechteinhaber Aglialoro der "Los Angeles Times" resigniert. "Warum soll ich da noch Geld reinstecken?"

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