Generation Babyboomer Ist es egoistisch, vorzeitig in Rente zu gehen?

Unternehmen brauchen die Babyboomer, doch die wollen früher aussteigen. Woran das liegt, erklärt der Forscher Hans Martin Hasselhorn. In Skandinavien sei die Arbeitskultur viel besser als in Deutschland.
Älterer Schmied in Bayern (Symbolfoto): Durch mehr Selbstbestimmtheit zu einem späteren Renteneintritt?

Älterer Schmied in Bayern (Symbolfoto): Durch mehr Selbstbestimmtheit zu einem späteren Renteneintritt?

Foto: imago images / MITO

Noch sorgen die Babyboomer für Wohlstand. Doch der Abschied der geburtenstarken Jahrgänge der Fünfziger- und Sechzigerjahre vom Arbeitsmarkt kommt mit Macht. Das bedroht den Lebensstandard und belastet die sozialen Sicherungssysteme. Denn immer weniger Menschen müssen immer mehr erwirtschaften. Die, die lange Zeit zu viele waren, werden bald viel zu wenige sein.

Sollten die Babyboomer da nicht einfach länger arbeiten, zumal auch die Lebenserwartung steigt? Das Problem: Sie wollen nicht, wie Hans Martin Hasselhorn herausgefunden hat - im Gegenteil . Ist das egoistisch? Und was sollte man tun? Der Wuppertaler Arbeitsforscher gibt Antworten.

SPIEGEL: Hat Ihnen jemand schon mal "Okay, Boomer" an den Kopf geworfen?

Hasselhorn: Nein, was ist mir entgangen?

SPIEGEL: Eine Phrase aus der Jugendsprache, mit der sich aktuell junge Menschen gegen Belehrungen der Babyboomer wehren. Hätten Sie für solche Reaktionen denn Verständnis?

Hasselhorn: Ich wünsche mir, dass Generationen ihre Vorgänger kritisch betrachten. Das haben wir Babyboomer ja selbst auch gemacht. Und ich versuche auch, meine Studenten als kritisch denkende Menschen zu fördern, die gegen die Lehrenden aufbegehren. Es wird immer Konflikte zwischen den Generationen geben, und das soll ja auch der Fall sein, damit sich die Gesellschaft weiterentwickelt.

Zur Person
Foto: Privat

Hans Martin Hasselhorn, Jahrgang 1961, ist Professor für Arbeitswissenschaft an der Bergischen Universität Wuppertal und gehört selbst der Babyboomer-Generation an. Als Wissenschaftler weiß er, warum so viele Ältere früher aus dem Berufsleben ausscheiden wollen - und macht Vorschläge, was dagegen getan werden kann.

SPIEGEL: Könnten Sie denn auch die ältere Generation verstehen, falls diese sich dadurch weniger respektiert oder gar verdrängt fühlt - und sich womöglich deshalb aus dem Arbeitsleben zurückzieht?

Hasselhorn: Dieser Gedanke ist mir fremd. Denn die ältere Generation steigt nicht früher aus dem Erwerbsleben aus, weil sie sich von der jüngeren Generation etwa missverstanden fühlt. Es ist vielmehr die Babyboomer-Generation selbst, die in einem Milieu lebt, in dem man davon ausgeht, dass man frühzeitig aus dem Erwerbsleben ausscheidet. Von den Leuten, die wir repräsentativ befragt haben, geben 75 Prozent an, dass in ihrem Umfeld die Einstellung vorherrscht, eher früher als später aufzuhören.

SPIEGEL: Woher kommt diese Kultur des frühen Ausstiegs?

Hasselhorn: Erwerbstätig zu sein, hat in Deutschland ein schlechtes Ansehen. Bereits die geläufige Formulierung "man muss arbeiten" zeigt das. Aber fast immer kommen noch weitere Aspekte hinzu, wie Gesundheitsprobleme oder finanzielle Gründe. Zwar geben viele Menschen mit geringen finanziellen Ressourcen an, dass sie länger arbeiten möchten. Doch ihr Möchten ist in Wahrheit wohl eher ein Müssen.

SPIEGEL: Und für diejenigen, die nicht müssen: Wie lässt sich das Image von Arbeit verbessern, damit mehr Menschen auch länger arbeiten möchten?

Hasselhorn: Das kann nur verbessert werden, indem die Arbeit selbst verbessert wird, und dafür müssen alle gesellschaftlichen Gruppen an einem Strang ziehen. Es reicht nicht, nur zu fordern, dass sich die körperlichen und psychischen Arbeitsbedingungen verbessern müssen. Gesellschaftlich und politisch darf schlechte Arbeit nicht mehr weiter so geduldet werden, wie es heute der Fall ist.

Ältere Arbeitnehmer in einem Betrieb in Wismar 2014 (Symbolbild): Informelle Pausen werden weniger

Ältere Arbeitnehmer in einem Betrieb in Wismar 2014 (Symbolbild): Informelle Pausen werden weniger

Foto: Jens Büttner / DPA

SPIEGEL: Wo kommt das besonders häufig vor?

Hasselhorn: Davon betroffen sein können unter anderem Pflegekräfte, Lkw- oder Busfahrer, aber auch Beschäftigte in Hotels und Gaststätten, teilweise Handwerker und Leiharbeiter. Wir sehen, dass es innerhalb vieler Berufsgruppen regelmäßig zwei Gruppen gibt: jene mit insgesamt günstigen Bedingungen und andere mit weniger günstigen Bedingungen, bei denen gerade das soziale Miteinander, die Personalführung oder die beruflichen Perspektiven schlechter sind. Das heißt aber, dass in den Betrieben etwas geschehen kann. Denn drei Viertel der in unserer Studie befragten Menschen bedeutet ihre Arbeit viel oder sehr viel. Sie machen sie gerne, aber es sind die Rahmenbedingungen, die es ihnen so schwer machen. Früher konnte man beispielsweise als Busfahrer noch mal mit Kollegen in einem Häuschen Karten spielen, heute werden diese informellen Pausen und der Kontakt zu Kollegen, den man dadurch hat, immer weniger. Wo es striktere Zeitvorgaben gibt, steigt die Belastung.

SPIEGEL: Welche Folgen hat die Verlängerung des Erwerbslebens?

Hasselhorn: Viele Menschen gehen derzeit mit einer Erwartung oder auch Hoffnung an ihre letzten Erwerbsjahre, vorzeitig aussteigen zu können. Und viele von ihnen werden dabei enttäuscht werden, weil sie länger arbeiten müssen. Ein Teil davon wird das nachträglich okay finden, ein anderer Teil wird darunter aber auch enorm leiden, weil sie beispielsweise einfach nicht mehr können.

SPIEGEL: Ist es nicht auch egoistisch, wenn sich die Menschen früher als Beitragszahler der Rentenkasse verabschieden?

Hasselhorn: Die Frage, wann Menschen aus dem Erwerbsleben aussteigen wollen, ist eine höchst individuelle. Man kann es dem Einzelnen nicht vorwerfen, wenn er sich wünscht, aus seiner möglicherweise ungeliebten Arbeit vorzeitig auszuscheiden. Aber hier ist der Staat gefordert, regulierend einzugreifen, damit ein Gleichgewicht zwischen den Generationen entsteht.

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SPIEGEL: Aber die Babyboomer haben ja auch noch deutlich weniger Kinder zur Welt gebracht als vorangegangene Generationen.

Hasselhorn: Ja, es wird in den kommenden Jahren und Jahrzehnten immer weniger Menschen geben, die dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen. Das Bundeswirtschaftsministerium hat angesichts dieses Umstands 2015 eine wirtschaftspolitische Problemlage für Deutschland identifiziert. Alle möglichen Gruppen will die Politik nun länger im Berufsleben halten. Es geht um Frauen, Ältere, Migranten und auch Menschen mit Behinderungen. Aktuell liegt für die meisten Menschen das perspektivische Renteneintrittsalter bei 67, und ich glaube, dass wir da noch nicht am Ende angekommen sind. Wenn man sich die unaufhörlich steigende Lebenserwartung anschaut, halte ich die weitere Verlängerung des Erwerbslebens auch für möglich. Nur bin ich nicht der Meinung, dass das für alle in gleichem Maß erfolgen sollte.

SPIEGEL: Was meinen Sie damit?

Hasselhorn: Entscheidend sollte die tatsächlich ausgeübte Tätigkeit sein. Die schweren körperlichen und psychischen Belastungen sollten über das Erwerbsleben hinweg gesondert registriert werden, und für Menschen mit solchen Arbeitsbelastungen sollte es dann frühere Ausstiegsmöglichkeiten bei voller Rente geben. Aber wir müssen auch Menschen mit eingeschränkter Gesundheit bessere Möglichkeiten als heute geben, in Würde frühzeitig mit einer substanziellen finanziellen Versorgung aus dem Berufsleben auszuscheiden. Oft sind dies Menschen aus sozioökonomisch schwächeren Gruppen, bei denen alles zusammenkommt: schwere Arbeit, gesundheitliche Belastungen und finanzielle Not. Viele von ihnen haben heute keine andere Wahl als weiterzuarbeiten.

SPIEGEL: Der viel zitierte Dachdecker mit 67.

Hasselhorn: Es gibt mit Mitte 60 eh fast keine Dachdecker mehr auf den Dächern, die haben meist schon mit 55 andere Aufgaben oder sind aus dem Erwerbsleben schon herausgefallen. Es können aber zum Beispiel Arbeiter in der Logistik, vom Bau oder im langjährigen Schichtdienst sein.

SPIEGEL: Wie stellen Sie sich das vor: Denken Sie an ein Punktesystem für die Schwere der Arbeit?

Hasselhorn: Das könnte ein Weg sein. In Österreich und Ungarn werden bereits Rentenmodelle angewandt, die die Schwere der ausgeübten Tätigkeit berücksichtigen - und nicht etwa die Zugehörigkeit zu bestimmten Berufsgruppen. Generelle Rentenprivilegien für ganze Berufsgruppen sind problematisch, weil nicht alle Angehörigen eines Berufs in gleichem Ausmaß unter belastenden Bedingungen arbeiten. Der aktuelle Blick nach Frankreich zeigt zudem, dass es sehr schwierig ist, solche Privilegien wieder zurückzunehmen.

SPIEGEL: Was kann man denn überhaupt gegen die Kultur des Frühausstiegs tun, wenn Menschen denken, ihnen stehe es zu, früher aufzuhören?

Hasselhorn: Wir brauchen eine gesellschaftliche Debatte darüber, warum das Arbeiten in Deutschland so ein schlechtes Ansehen hat. In diesem Zuge müsste allen bewusst werden, dass die Verlängerung des Erwerbslebens nicht ohne Verbesserung der Arbeitsbedingungen möglich ist und dass wir gleichzeitig auch unsere Einstellung verändern müssen. In Skandinavien gibt es beispielsweise eine deutlich positivere Arbeitskultur als hier. Viel mehr Menschen dort sind erwerbstätig, weil sie erwerbstätig sein wollen. In Deutschland wird das manchen Menschen erst in der Rente klar. Dann erkennen sie, dass die Arbeit für sie persönlichkeitsfördernd war.

SPIEGEL: Welche Rolle spielt die Digitalisierung für die Motivation? Fühlen sich Ältere dadurch abgehängt und nicht mehr gebraucht?

Hasselhorn: Die meisten Erwerbstätigen haben mit einer gewissen Form von Digitalisierung bei der Arbeit zu tun, aber das ist auch für die Babyboomer-Generation nicht mehr neu. Nach unseren Erkenntnissen kommt sie in aller Regel mit den digitalen Anforderungen ihrer Arbeit gut zurecht. Es gibt unter ihnen aber durchaus auch Personen, die eher darunter leiden. Das sind dann zum Beispiel Menschen, die ihren Beruf eigentlich gewählt haben, um mit anderen Menschen zu arbeiten, und die dann im Arbeitsalltag feststellen, dass sie sehr viel mit Daten und IT zu tun haben, etwa, weil sie viel dokumentieren müssen. Dazu gehören beispielsweise Pflegepersonal und Grundschullehrer, aber auch einfache manuelle Berufe.

SPIEGEL: Sie gehören selbst der Babyboomer-Generation an. Was sagen Sie denn Menschen in Ihrem Umfeld, die früher aufhören wollen?

Hasselhorn: Ich schmunzle, und wir diskutieren die verschiedenen Gründe. Am Flughafen saß ich mal mit einer Deutschen und einer Schwedin zusammen. Sie waren beide in meinem Alter. Die Deutsche sagte, sie wolle so früh aus dem Beruf aussteigen, wie es geht. Die Schwedin meinte, sie wolle so lange arbeiten, wie sie kann. Und diese Einstellung wünsche ich mir auch für die deutsche Gesellschaft.

SPIEGEL: Wann wollen Sie denn selbst in den Ruhestand treten?

Hasselhorn: So spät es geht. Wenn meine Gesundheit mitmacht, können es auch 80 Jahre sein. Mit dem Renteneintritt kann man ja in der Regel bestimmen, wie viel man arbeitet, wann und was man noch tut, und kann auch leichter Dinge absagen. Diese Selbstbestimmtheit sollte es für immer mehr Personen auch im späten regulären Erwerbsleben geben, damit sie ihre letzten Arbeitsjahre zufriedener gestalten können. Doch solche Ansätze gibt es in Deutschland noch nicht.

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