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05. November 2019, 09:24 Uhr

Baden-Württemberg in der Wirtschaftskrise

Die Zündkerze als Grablicht

Von und , Schramberg und Nürtingen

Jahrelang war Baden-Württemberg das Musterländle der deutschen Wirtschaft. Nun reißt die Krise der Autoindustrie die Region mit nach unten. Können sich die Betriebe berappeln, ehe es zu spät ist?

Maultaschen, Schwarzwälder Kirschtorte, Traditionsbier: So empfing Baden-Württemberg dieses Jahr auf der zentralen Feier zum Tag der Deutschen Einheit. Und mit einem etwa zwei Meter hohen Nachbau einer Bosch-Zündkerze, an deren Fuß der Spruch prangte: "Keine Einheitsfeier ohne Kerze."

Gewohnt selbstbewusst präsentierte sich das Land, das seit Jahren wirbt: "Wir können alles…." Die meisten Deutschen können den zweiten Teil des Satzes ergänzen.

Neben Hochdeutsch-Kenntnissen sind im Südwesten normalerweise auch Wirtschaftsflauten nicht so ausgeprägt wie anderswo. Fast ein Jahrzehnt lang lief es hier gut, die Arbeitslosenquote sank auf knapp über drei Prozent.

Doch mittlerweile ist das Selbstverständnis des Wirtschaftswunderlands einer Verunsicherung gewichen. Zehntausende Jobs sind bedroht, allein bei Bosch sollen Tausende Stellen wegfallen.

Die zum 3. Oktober feierlich inszenierte Kerze droht, in Zeiten von Dieselskandal und Fridays for Future zum Grablicht zu werden. Denn wenn Bosch in Baden-Württemberg Stellen streicht, dann ist klar: Die Krise ist da, im ganzen Land. Zwar noch nicht mit Massenentlassungen, die Arbeitslosigkeit ist bisher nur minimal gestiegen. Doch der Trend ist deutlich:

Es ist eine Frage der Zeit, bis die Bevölkerung diese Entwicklung spürt. Manche Gründe liegen auf der Hand: Die vielen Maschinenbauer, prägend für die mittelständische Wirtschaft im Ländle, sind auf den Export angewiesen. Unter dem Handelsstreit der EU mit den USA leidet aber das deutsche Auslandsgeschäft, der wichtige Handel mit Großbritannien unter dem Brexit-Chaos.

Die Autoindustrie, die mit Daimler und Porsche das Land prägt, steckt ohnehin in der Krise, sie ist bei der Suche nach Alternativen zu Benziner und Diesel und bei der Digitalisierung international ins Hintertreffen geraten. Die Hersteller sind verunsichert und investieren nicht in neue Verbrennermodelle, auf die eine ellenlange Kette von Zulieferbetrieben spezialisiert ist. Viele dieser Betriebe liegen ebenfalls in - genau: Baden-Württemberg.

"Diese konjunkturelle Flaute ist besonders einschneidend, weil sie mit der strukturellen Transformation zusammenfällt", sagt Nicole Hoffmeister-Kraut (CDU), Wirtschaftsministerin des Landes: Sämtliche Bereiche der Industrie wandeln sich in der digitalen Transformation. Aber welcher kleine Maschinenbauer kann schon eigene Künstliche Intelligenz entwickeln?

Wie also reagiert Baden-Württemberg? Beherrscht es ein gutes Krisenmanagement? Was hat man gelernt aus der vorigen Krise 2009, nachdem der Bankensektor zusammengebrochen war?


Schweizer Electronic: Vertrauen in Technik


Ein Laserbohrer quietscht über eine Platte. Jeder rote Lichtblitz schießt ein Loch, Zehntausende Löcher wird die Platte am Ende haben. Dutzende Meter legt sie in der Fertigungsstraße zurück: Sie wird gebohrt, geätzt, belichtet, galvanisiert. Leiterplatten finden sich in fast jedem elektronischen Gerät, sie tragen und verbinden Computerchips und andere Bauteile.

Eigentlich eine gute Ausgangslage für die Schweizer Electronic AG: Wenn die Autoindustrie schwächelt, sollten noch genug andere potenzielle Abnehmer bleiben. Schweizer beschäftigt noch etwas mehr als 700 Mitarbeiter am Stammsitz in Schramberg, hoch droben im Schwarzwald. Ein schlichter Betonkomplex, groß und grau, wie man so baute Ende der Siebzigerjahre. Und vor der Tür der Tesla des Vize-Vorstandsvorsitzenden. "Wir bauen keine Diesel-Einspritzpumpen, das hilft", sagt Nicolas-Fabian Schweizer, der das Geschäft in sechster Generation führt.

Und doch hat es bei Schweizer in diesem Jahr schon Kurzarbeit gegeben, ab März. "Vier Monate lang haben wir das durchgezogen und all das initiiert, was aus unserer Sicht nötig war, um uns an die Veränderungen des Marktes anzupassen", sagt Schweizer. Außerdem hat er zehn Prozent der Mitarbeiter am Standort Schramberg abgebaut: Frühverrentungen, Trennung von Leiharbeitern, Aufhebungsverträge, vereinzelt betriebsbedingte Kündigungen.

Wie geht es dem Betrieb nun? Schweizer sagt: "Eigentlich ganz gut". Doch was heißt schon eigentlich? Der 44-Jährige will Optimismus verbreiten, spricht lieber von Chancen als von Risiken. In seine Sätze streut er Anglizismen und Mundart, schließt schon mal mit einem schwäbischen "sodele". Die Zukunft, sagt Schweizer, sei "embedded". Soll heißen: Leiterplatten verbinden nicht nur Chips, sie beherbergen ganze Systeme, etwa zur Steuerung des automatischen Lichts an einem Auto. Damit will er immer mehr Umsatz machen.

Embedded ist aber auch die Firma - in die Lieferketten der Autoindustrie. 70 Prozent der Umsätze macht Schweizer in diesem Bereich. "Wenn Absatzzahlen in Europa und insbesondere in China runtergehen, schlägt das auf uns durch." Schweizer ist ein Zulieferer der Zulieferer. Ende 2018 brachen die Aufträge der größten Kunden ein, darunter Bosch und Continental. Besonders das Werk in Schramberg schwächelte, dann kam die Kurzarbeit.

Dennoch, in diesem Jahr will Schweizer die Geschäftsziele einhalten, das heißt: etwa auf dem Niveau des Vorjahrs abschließen, schlechtestenfalls minus vier Prozent. Immerhin, 2018 war ein gutes Jahr. Vor allem das Asiengeschäft soll's bringen.

Für viele Mitarbeiter klingt "Asien" eher bedrohlich. Im chinesischen Changzhou entsteht für 150 Millionen Euro gerade ein großes neues Schweizer-Werk. Außer Schweizer fertigt in Deutschland kaum noch jemand Leiterplatten. Die Gewerkschaft befürchtet deshalb, dass nach der Eröffnung Anfang 2020 Arbeitsplätze nach Fernost verlagert werden. Die Belegschaft sei verunsichert, sagt Dorothee Diehm von der IG Metall in Freudenstadt, die "Stimmung ungut".

"Zunächst ist es weder unser Plan noch unser Ziel, Arbeitsplätze nach Asien zu verlegen", wiegelt Schweizer die Sorgen ab. Man wolle expandieren und fertige bereits seit 1983 in Singapur. In Schramberg werde nicht in größere Kapazitäten investiert, sondern in neue Technologie. Das nennt er "unausweichlich", auch um weniger abhängig zu sein.

In Schramberg wird bereits jetzt zu großen Teilen wie von Geisterhand produziert. "Wie Sie sehen, sehen Sie keine Menschen. Das Ganze funktioniert hier bei uns in Europa nur durch hohe Automatisierung", sagt Schweizer. Eine längere Schwäche an Fertigungsstraßen wie dieser hätte Folgen für weitere Teile der Wirtschaft im Ländle: In der Halle stehen Maschinen von Schmid aus Freudenstadt oder von KSL Kuttler aus Villingen-Schwenningen - sie spüren die Krise zeitversetzt.

Markterweiterungen, Technologie, eine große Forschungsabteilung, so soll es gehen bei Schweizer. "Keiner resigniert, das liegt nicht in der DNA eines Baden-Württembergers", sagt der Firmenchef. Sein Unternehmen musste sich bereits mehrfach wandeln, vor 170 Jahren begann alles mit Zifferblättern für Uhren. Aber auch Schweizer spürt die Unruhe an den Märkten: "Es ist planerisch ein viel kürzerer Horizont, als das was wir gewohnt waren." Immerhin, für die Zukunftsthemen der Autobranche wäre Schweizer gerüstet: "Wir machen Leistungselektronik und wir machen Sensorik. Das eine benötigt man auch für den E-Antrieb, das andere für autonomes Fahren."


Heller: Die Lehren von 2009


Was die Krise für den Alltag bedeutet, hängt bei Heller im schwäbischen Nürtingen von der Abteilung ab. Wer in der Konstruktion arbeitet, hat dort derzeit kaum etwas zu tun. So wie Rolf Mack, der sonst gemeinsam mit Kunden die hauseigenen Maschinen auf deren Bedürfnisse abstimmt; der Ingenieur arbeitet seit knapp 20 Jahren bei Heller. Er wird an diesem Tag Mitte Oktober an die Fertigung ausgeliehen. Die Kollegen dort schuften mit Hochdruck, um Liefertermine einzuhalten. Mack nimmt die Ausleihe mit Humor: "Gar nicht schlecht, wenn ich mal ausbaden muss, was ich sonst nur konstruiere", sagt er und lacht.

Der Maschinenbauer Heller, gegründet vor 125 Jahren, sitzt im Herzen der Kleinstadt am Neckar in größtenteils historischen Gebäuden. Das Projektgeschäft folgt einem neunmonatigen Ablauf: Wird der Vertrag von einem Kunden unterschrieben, dann dauert es so lange, bis die neue Maschine übergeben wird.

Erst wird konstruiert: vor allem sogenannte horizontale Bearbeitungszentren, also Fräsmaschinen, auf denen die Heller-Kunden später selbst Maschinenteile produzieren, etwa Kurbelwellen oder Kolbengehäuse. Dann werden die benötigten Teile gefertigt, in den Monaten darauf zu oft mannshohen Maschinen montiert. Schließlich erfolgt die Außenmontage in der Fabrik des Kunden.

Dem gleichen Ablauf folgt nun die Krise. Anfang 2019 ging der Auftragseingang stark zurück. "Seither ist uns klar, dass wir etwas unternehmen müssen", sagt Klaus Winkler. Seit 2003 führt der 61-Jährige zusammen mit Manfred Maier den Traditionsbetrieb, die Gründerfamilie hat sich aus dem operativen Geschäft zurückgezogen.

"Etwas unternehmen" - das ist in so einer Lage gar nicht einfach. Denn im laufenden Jahr steigert Heller den Umsatz noch um 30 Prozent, zum Großteil werden Aufträge aus dem vergangenen Jahr abgearbeitet. 2020 dagegen werde die Firmengruppe "sicher 25 Prozent weniger zu tun" haben. Das heißt: "Wir müssen unsere Mitarbeiter darauf vorbereiten, dass ein Durchhänger kommt, brauchen aber gleichzeitig die Arbeitskraft vieler Kollegen besonders dringend", sagt Winkler.

Vom Typ her erinnert Winkler entfernt an den CDU-Politiker und früheren Landesvater Günther Oettinger. Mit dem Unterschied, dass Winkler beim Reden nicht hölzern wirkt, sondern geradeheraus. Im Frühjahr haben er und sein Co-Chef eine Vereinbarung mit dem Betriebsrat geschlossen, die Heller in diesen Zeiten flexibler machen soll.

Teams von bis zu acht Leuten reduzieren die Arbeitszeit, wenn der Auftragsrückgang sich bei ihnen bemerkbar macht, von 35 Wochenstunden auf 31,5; das Gehalt sinkt entsprechend. Das geht nicht zuletzt, weil das Lohnniveau hoch ist: In der Metallindustrie im Südwesten werden Gehälter von 60.000 Euro pro Jahr gezahlt - im Durchschnitt, wohlgemerkt.

Die Reduzierung wird auf wenige Monate begrenzt und es müssen vorher bestimmte Bedingungen erfüllt sein. Im Moment sind zeitgleich rund 50 Mitarbeiter im reduzierten Modus unterwegs. Nicht viel angesichts von 1700 Beschäftigten in Nürtingen, aber die Zahl wird im kommenden Jahr steigen, da sind sich fast alle sicher. Die Regelung ist eine Lehre aus der Krise von 2009. Ein eigener Tarifvertrag regelt den Rahmen, die Betriebe klären die Details zwischen den Tarifpartnern.

Auch in normalen Zeiten ist die Heller-Belegschaft in der Arbeitszeit flexibel. Auf den Zeitkonten dürfen bis zu 250 Überstunden angesammelt werden, ebenso sind 150 Minusstunden möglich, bei normal weiterlaufendem Gehalt. Nach dem Rekordjahr sind die Konten prall gefüllt, in diesen Zeiten ein Sicherheitspolster: Derzeit gibt es noch 500 Mitarbeiter, die bei voller Bezahlung sechs Wochen zu Hause bleiben könnten. Außerdem habe man in diesem Jahr 80.000 Mehrarbeitsstunden ausbezahlt, wenn die Zeitkonten voll waren. Das wird es bei Auftragsmangel auch nicht mehr geben.

Wird all das reichen? Prognosen traut sich derzeit niemand zu. Heller hängt stark an der Autoindustrie. Rechnet man Nutzfahrzeuge mit ein, geht es um gut die Hälfte des Geschäfts - auch wenn nach eigener Rechnung des Unternehmens nur 17 Prozent direkt vom Pkw-Verbrennungsmotor abhängen.

Zumindest mittelfristig wird der Wandel der Antriebstechnologie für Heller nicht ganz einfach werden. "Vor allem die deutschen" Autohersteller investieren aus Winklers Sicht nicht genug, verunsichert wie sie sind: "Die Panik ist in Deutschland am größten." Das hätten Teile der Branche selbst verschuldet: Der Dieselskandal habe einfach zu viel Vertrauen zerstört, die Wünsche der Industrie fänden derzeit kaum Gehör.

Winkler will deshalb wie ein "Jäger und Sammler" neue Einsatzmöglichkeiten für seine Maschinen suchen. Fündig wurde er beispielsweise bei Pumpen, die für Ölpipelines verwendet werden, oder in der Schifffahrt.


Der politische Kampf um die Krise


Spätestens wenn im Freundeskreis die Ersten in Kurzarbeit gehen oder der eigene Arbeitsplatz bedroht ist, kommt die Krise bei den Menschen in Baden-Württemberg an. "Bleibt die konjunkturelle Lage so, dann werden die Menschen das im ersten Halbjahr 2020 kräftig spüren", prognostiziert Südwestmetall-Chef Stefan Wolf. Und da in anderthalb Jahren in Stuttgart ein neuer Landtag gewählt wird, ist der Kampf um die politische Deutungshoheit der Krise in Baden-Württemberg in vollem Gange, auch zwischen den grün-schwarzen Koalitionspartnern.

Die CDU-Wirtschaftsministerin setzt auf Innovation, verlangt Steuersenkungen - und schiebt viel Verantwortung auf den Bund. "Wir brauchen einen Strukturausgleich, um auch künftig wettbewerbsfähig zu sein", fordert Nicole Hoffmeister-Kraut. Schließlich müsse das Land aus eigener Kraft die digitale Revolution bewältigen: "Das geht in die Milliarden", sagt die 47-Jährige, die selbst in der Geschäftsführung eines mittelständischen Familienunternehmens war, beim Waagenhersteller Bizerba.

Die Kohlereviere werden mit Steuermilliarden unterstützt, aber auch der Strukturwandel und der Klimaschutz in ihrem Land müsse finanziell abgefedert werden. Sonst sei der Wohlstand gefährdet, und dann "haben wir auch die 40 Milliarden für die Braunkohlereviere nicht mehr".

Die Betriebe äußern ebenfalls lautstark Wünsche: Heller-Chef Winkler und Nicolas Schweizer fordern beide Kurzarbeitsregeln, wie sie in der Krise von 2009 galten. Damals gab es verlängerte Laufzeiten von bis zu zwei Jahren. Eine Regelung, die das ermöglichen soll, hat Bundesarbeitsminister Hubertus Heil kürzlich auf den Weg gebracht. Über die Details wird aber noch heftig gestritten.


Musterländle ade?


Einige Mittelständler im Südwesten trieb die aktuelle Krise bereits in die Insolvenz. Der Lackieranlagenhersteller Eisenmann in Böblingen und der Autozulieferer Siehn in Mühlacker sind nur zwei jüngere Beispiele. Und die Anspannung erreicht inzwischen weitere Sektoren wie Handel und Dienstleistungen. "Nehmen Sie unser nettes Restaurant hier in Dettingen, das 'Rößle', wo wir mit Geschäftsbesuch oft zum Essen hingegangen sind", sagt Südwestmetall-Chef Wolf, im Hauptberuf Chef des Autozulieferers ElringKlinger. "Jetzt gehen wir eher mal in die Kantine, oder wir gehen gar nicht mehr essen."

Auch Banken sind laut Wolf vorsichtig geworden. "Die Verzinsung ist günstig, aber die Anforderungen an die Risikoanalyse sind sehr hoch." Das bringt viele Betriebe schneller an die Grenzen ihrer Finanzierung, als sie gedacht haben.

Meistern die Baden-Württemberger die Krise dennoch besser als ihr Hochdeutsch? Unwahrscheinlich ist das nicht. Am Eingang zum Firmengelände von Schweizer wirbt ein Schild: "Wir stellen ein." Vielleicht kommt es nur auf die richtige Einstellung an.

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