Bahnstreik Weselsky rüttelt am Deutschland-Prinzip

Mit seiner kompromisslosen Haltung nervt Claus Weselsky die gesamte Republik. Denn der GDL-Boss kündigt damit den unausgesprochenen Konsens auf, dass in Deutschland alles nach Fahrplan zu laufen hat - selbst Konflikte.
GDL-Chef Weselsky: Hart im Ton, kompromisslos in der Sache

GDL-Chef Weselsky: Hart im Ton, kompromisslos in der Sache

Foto: Britta Pedersen/ dpa

Mit seiner Drohung, den Zugverkehr über Pfingsten lahmzulegen, hat GDL-Boss Claus Weselsky auch bei denen seinen Kredit verspielt, die bislang der Überzeugung waren: Das Streikrecht ist ein zu kostbares Rechtsgut, um es wegen ein paar Unbequemlichkeiten im Reiseverkehr zur Disposition zu stellen. Der Unmut rührt aus dem Gefühl, dass da einer Regeln verletzt. Regeln, die sich zwischen den Sozialpartnern im Laufe der Jahrzehnte herausgebildet haben.

Man muss in der Geschichte der Bundesrepublik schon weit zurückblättern, um vergleichbar hitzig geführte Arbeitskämpfe zu finden. Der Großkampf um die 35-Stunden-Woche zum Beispiel. Oder die Blockade der Autobahnbrücke in Duisburg Rheinhausen, die aufgebrachte Stahlwerker im Dezember 1987 organisierten, nachdem Manager die Schließung ihres Werks angekündigt hatten.

Konsens aufgekündigt

Seitdem hat sich einiges verändert. Tarifauseinandersetzungen folgen inzwischen über alle Branchen hinweg einem sorgsam austarierten Ritual: Der Forderung der jeweiligen Gewerkschaft folgt das Angebot der Arbeitgeber, man verhandelt, geht auseinander, in der nächsten Stufen folgen Warnstreiks und neue Gespräche. Im Ernstfall erleichtert ein Schlichter die Annäherung.

Konsens statt Konfrontation - diese Formel ist zum Betriebssystem für das Erfolgsmodell Deutschland geworden. Darin spiegelt sich der tiefsitzende Wunsch unserer Gesellschaft wider, dass alles, selbst der Konflikt, funktional zu sein hat. Selbst ein Streik soll bitteschön Regeln folgen und fahrplanmäßig sein Verhandlungsziel erreichen.

Diesen Konsens hat Weselsky längst aufgekündigt. Seine Entschlossenheit dokumentierte er mit bislang neun Streikrunden und Verbalattacken gegen den Bahn-Vorstand. So brutal kämpfen heutzutage in Europa sonst nur französische Arbeiter, die schon mal Fernstraßen blockieren oder gar Geschäftsführer festsetzen, um ihren Zielen Nachdruck zu verleihen.

Womöglich hätte die Öffentlichkeit noch Verständnis für das harte Vorgehen, wenn es um etwas ginge - wie 1987 etwa, als in Rheinhausen knapp 7000 Arbeitsplätze auf dem Spiel standen. Doch hier geht es lediglich um die Frage, ob die GDL andere Forderungen durchsetzen darf als die Konkurrenzgewerkschaft EVG. Die Bahn will unterschiedliche Tarifverträge unbedingt vermeiden, weil sie um den Betriebsfrieden fürchtet.

Balance geht verloren

Weselsky pocht auf das Grundrecht, für die Belange seiner Klientel kämpfen zu dürfen. Die Frage ist nur: Ist es gerechtfertigt, dafür die gesamte Republik auszubremsen? Der Eindruck, dass hier etwas aus der Balance gerät, drängt sich jedenfalls immer mehr auf. Die Gefahr, dass sich die Lokführer am Ende in der Gesellschaft isolieren, wächst mit jedem Streiktag.

Überblick: Der Tarifkonflikt bei der Bahn

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.