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06. November 2014, 18:49 Uhr

GDL-Chef

"Der Rückhalt für Weselsky bröckelt"

Von und

Hart, härter, Weselsky: Innerhalb der GDL wächst die Angst, dass es ihr Chef im Streit mit der Bahn zu weit treibt. Viele Lokführer sehen offenbar nicht ein, warum ihre Gewerkschaft unbedingt auch das übrige Zugpersonal vertreten will.

Hamburg/Berlin - Der ICE von Dortmund nach München erreicht den Stuttgarter Hauptbahnhof 16 Minuten später als geplant. Trotzdem winken die Fahrgäste dem Lokführer freundlich lächelnd zu, einige recken den Daumen. Es ist eben nichts wie sonst, an diesem ersten Tag des längsten Streiks in der Geschichte der Deutschen Bahn. Die Freude, dass überhaupt ein Zug fährt, überwiegt den Groll über die Verspätung bei weitem.

Doch die Gelassenheit täuscht. Hinter den Kulissen der Lokführergewerkschaft GDL brodelt es. "Wir haben die Sorge, dass die Stimmung im Betrieb kippt", erklärt Ludwig Koller, Betriebsrat für den Bereich Fernverkehr. Er ist selbst Mitglied des GDL-Konkurrenten EVG, legt aber Wert darauf, dass er als Vertreter aller Arbeitnehmer spreche. Die Aggressionen seien bereits deutlich spürbar, weil die GDL bei vielen mit ihrer kompromisslosen Haltung auf wenig Verständnis stoße.

Doch nicht nur die Mitglieder der EVG oder Nicht-Gewerkschafter stören sich an dem Konfrontationskurs. Auch die GDLer werden offenbar zunehmend skeptisch. Geht GDL-Chef Claus Weselsky zu weit?

Fragt man Manfred Schell, steht die Antwort fest. Schell war 2007 als GDL-Verantwortlicher ebenfalls wenig zimperlich, wenn es um Geduldstests für Bahn-Kunden ging. Doch jetzt, erklärt Schell, habe der Streit eine ganz andere Qualität. "Weselsky hat mit seinen absurden Forderungen die GDL in eine Zwangslage gebracht, aus der es kaum einen Ausweg gibt", sagt Schell im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. "Am Ende könnte die GDL nicht nur im Streit mit der Bahn verlieren. Der ehrbare Lokführer erleidet zudem einen Imageschaden wie nie in seiner Geschichte."

Ihm fehle ein "diplomatischerer Chef", sagt ein Lokführer

Das Recht für mehr Geld und bessere Arbeitszeiten zu streiken reklamiert Schell auch heute noch für seine Leute. Doch darum geht es seinem Nachfolger Weselsky längst nicht mehr. Er verlangt von der Bahn, dass seine GDL auch für Zugbegleiter und Bordgastronomen verhandeln darf, die bislang von der EVG vertreten werden. Der Konzern verlangt aber, dass beide Gewerkschaften sich auf einen einheitlichen Tarifvertrag für jede Berufsgruppe verständigen. Der Streit um diese Frage berührt aus Sicht Weselskys ein Grundrecht der GDL. Bevor das nicht geklärt ist, will er über Gehälter gar nicht sprechen.

Nach außen hin stehen die GDL-Lokführer hinter dem Kurs ihres Vorsitzenden, immerhin haben sie sich vor einigen Wochen in einer Urabstimmung klar für Streiks ausgesprochen. Schell aber glaubt, dass sich inzwischen die Stimmung gedreht hat - zumindest in Teilen. "Der Rückhalt für Weselsky bröckelt", sagt der 71-Jährige, der sich mit seinem früheren Stellvertreter überworfen hat und seitdem ein Teil der Initiative für Rechtsstaatlichkeit und Demokratie in der GDL ist. Einer Bewegung, die sich gegründet hat, weil sie Weselskys "Ego-Kurs" Einhalt gebieten will.

Schell vermutet, dass die Mehrheit der Lokführer in wenigen Monaten gegen Weselsky stehen wird, dann "wenn die Mitglieder merken, dass sie mit der Strategie keinen Deut vorankommen". Dazu gehört für ihn der Vertretungsanspruch für übriges Zugpersonal. "Der GDL fehlt die tariflich begründete Zuständigkeit für diese Gruppe angesichts eines Organisationsgrads von gerade mal rund 30 Prozent", sagt Schell.

Viele entziehen sich dem Streik durch Krankmeldungen

Über diesen Punkt ärgern sich auch immer mehr Lokführer. "Die sehen nicht ein, warum sie jetzt für die Zugbegleiter kämpfen sollen", erklärt der Arbeitnehmervertreter eines Regionalbetriebes, der zur EVG gehört. Das Problem, das Weselsky in der Verletzung der GDL-Grundrechte sehe, könnten dagegen die wenigsten nachvollziehen: "Denen wäre es am liebsten, die GDL-Führung würde endlich über Geld und Arbeitsbedingungen verhandeln."

Die Skepsis gegenüber dem Kurs der Lokführergewerkschaft soll recht unterschiedlich verteilt sein, je nach Region. In Süddeutschland berichten Bahnmitarbeiter von überwiegender Ablehnung, im Harz dagegen scheinen die Reihen geschlossen. "Dort sehen sie Weselsky als modernen Robin Hood, auch wenn sie nicht kapieren, was er das treibt", lästert ein Mitarbeiter.

Andernorts war offensichtlich schon Druck nötig, um die Streikquote zu erfüllen. In Berlin, Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern war die Kampfbereitschaft offensichtlich eher gering. "Viele haben sich den Streikaufforderungen der GDL entzogen", mutmaßt ein Disponent, selbst Mitglied der EVG. Das könne man an der überdurchschnittlich hohen Zahl an Krankmeldungen ablesen. Auch in Köln sind derzeit auffällig viele krank.

Andere leisten offensiven Widerstand. "Ich beteilige mich nicht am Streik", sagt ein GDL-Lokführer, der allerdings anonym bleiben möchte. "Ich finde, dass Macht- oder Kompetenzstreitigkeiten zwischen Gewerkschaften anders gelöst werden müssen. Ginge es nur um Tariffragen, wäre ich dabei."

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