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15. Januar 2019, 14:36 Uhr

Bahn-Vorstand beim Verkehrsminister

Erste Prüfung versiebt

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Nach dem Chaos im vergangenen Jahr ist der Druck enorm gestiegen. In aller Frühe musste die Bahn-Spitze deshalb zum Rapport beim Verkehrsminister antreten - und fiel prompt mit ihrem Vortrag durch.

Schon die Uhrzeit für das gemeinsame Treffen sollte keine gesellige Stimmung aufkommen lassen: Um sieben Uhr morgens musste der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Bahn, Richard Lutz, mit zwei seiner Vorstandskollegen bei Verkehrsminister Andreas Scheuer antreten. An der eisigen Atmosphäre änderte auch nicht, dass das Treffen für die Öffentlichkeit als "Frühstück" deklariert wurde. Der Bahn-Chef kämpft um seinen Posten, und deshalb dauerte es auch nicht lange, bis er eine ganz wichtige Folie an die Wand werfen ließ, mit der er seinen Kopf retten will. Ihre Kernbotschaft lässt sich in einer Zahl zusammenfassen: 6,5 Prozent.

Das ist jener Wert, mit dem sich die Pünktlichkeit der Bahn im Monat Dezember im Vergleich zum Vormonat verändert hat - zum Guten.

Genau das sind Kennziffern, die Lutz braucht: Eine Verbesserung, die sich beim Kunden bemerkbar macht.

Denn Verkehrsminister Scheuer kann politisch nicht mehr lange an dem Bahn-Manager festhalten, weil er selber keine weiteren Krisen in seinem Aufgabenbereich brauchen kann: Nach Funklöchern, dem Dieselskandal und dem Maut-Chaos ist das Thema Bahn für ihn so überflüssig wie ein Kropf. "Wir müssen das Image wegbekommen, dass die Leute bei der Bahn denken, da läuft nix zusammen", sagte Scheuer deshalb auch in einem Pressegespräch im Anschluss an die zweistündige Sitzung mit dem Bahn-Vorstand.

Konzentration auf die Nadelöhre

Das Erfolgskriterium Pünktlichkeit, so versuchten die Bahner es in ihrer Präsentation zu vermitteln, werde man vor allem dadurch in den Griff bekommen, dass man sich auf die großen Nadelöhre im Schienennetz konzentriert. Das ist der Part, den Infrastruktur-Vorstand Ronald Pofalla vor dem Minister präsentierte. In diesen Korridoren, wo die Zahl der durchfahrenden Züge weit über der Belastungsgrenze liegt, fangen sich die Züge viel zu häufig ihre Verspätungen ein.

Schon eine Baustelle zwischen Fulda und Frankfurt reicht aus, und die verzögerte Weiterfahrt eines Zuges steckt das gesamte System an. Deshalb, so erklärte es Pofalla, werden Baustellen so geplant, dass ihre Auswirkungen auf den Verkehr möglichst gering sind. Im Engpass rund um Dortmund etwa, so legte er dar, habe man dabei erste Erfolge erzielt. Die verbesserte Pünktlichkeitsstatistik sei auch eine Folge dieses neuen Managements.

Doch das, was die Bahner dem Minister vorgelegt haben, reicht ihm offenbar nicht. Offiziell sagt Scheuer, es habe an der Zeit gelegen, dass man sich am Donnerstag noch einmal treffen will. Dann solle es auch um die Finanzierung der vorgeschlagenen Maßnahmen gehen. Aber der Minister deutete auch an, dass ihm vieles, was die Bahn-Manager präsentiert hatten, noch zu unkonkret sei. Und auch die Führung arbeite nicht optimal.

"Die Kommunikation im Vorstand von oben nach unten muss verbessert werden", sagte er im Anschluss an das Treffen - ein deutlicher Hinweis darauf, dass Lutz ihm am Donnerstag auch Vorschläge unterbreiten muss, wie der Vorstand umgebaut werden soll. Im Gespräch ist, die Führungsetage um zwei Vertreter zu erweitern, die zuständig sind für Fern- und Regionalverkehr sowie Güterverkehr.

Kritik von der Opposition

Die bei dem Treffen im Ministerium anwesenden Verkehrspolitiker der Großen Koalition waren ebenfalls noch nicht zufrieden. "Ich erwarte vom Vorstand der Deutschen Bahn einen belastbaren Plan, wie sie die Probleme im Interesse ihrer Kunden abstellen wollen", sagte SPD-Fraktionsvize Sören Bartol: "Dazu will ich in den nächsten Tagen noch verbindlichere Aussagen hören."

Die Opposition fordert sogar noch weitergehende Maßnahmen. Der FDP-Verkehrsexperte Christian Jung fordert bereits die Ablösung des bestehenden Vorstandes und eine rasche Neubesetzung. "Man kann nicht jede Woche zwei Krisentreffen mit den gleichen Persönlichkeiten durchführen." Jung fordert von der Bundesregierung als Eigentümer, dass sie selbst deutlich klarstelle, "wie sie strukturell, operativ und personell die Zukunft der Deutschen Bahn sieht". Dafür bedürfe es eines Zukunftspakts auch unter Mitwirkung von FDP und Grünen, beim dem auch die "durchdachte Trennung von Netz und Betrieb kein Tabu" sei.

Scheuer will diese Zerschlagung der Bahn nicht, selbstverständlich kämpft auch Lutz dagegen. Aber diese immer lauter werdenden Forderungen nach einem harten Schnitt werden die beiden nur aus der Welt bekommen, wenn sie möglichst schnell greifbare Erfolge präsentieren. Bis Donnerstag hat Lutz nun Zeit, an seinen Vorschlägen zu feilen.

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