Gebäudeeinsturz in Bangladesch Begraben in der Schutthölle

Am Tag nach dem Einsturz eines Fabrikgebäudes in Bangladesch offenbart sich das Grauen. Noch immer hört man Schreie unter den Trümmern, es soll mehr als 1500 Verschüttete geben. Arbeiter entdeckten schon am Vortag des Unglücks Risse im Gebäude - und wurden dennoch ins Verderben geschickt.
Gebäudeeinsturz in Bangladesch: Begraben in der Schutthölle

Gebäudeeinsturz in Bangladesch: Begraben in der Schutthölle

Foto: ANDREW BIRAJ/ REUTERS

Das Handy hat sie gerettet, sagt Taslima. Ein billiges Ding von Nokia, viele Jahre alt, kein Smartphone. "Aber es hat eine eingebaute Lampe." Es ist vermutlich das erste Mal an diesem Donnerstag, dass sie lacht. "Mit dieser Lampe habe ich meinen Weg zurück ins Leben gefunden."

Taslima ist eine junge Näherin, vielleicht 20 Jahre alt, sie kennt ihr genaues Alter selbst nicht. Sie hat in Savar gearbeitet, etwa 30 Kilometer von Bangladeschs Hauptstadt Dhaka entfernt, in einer der sechs Textilfirmen in dem neunstöckigen Gebäude, das am Mittwoch eingestürzt ist.

Die Leute nennen es ein "illegales Haus", es trug den Namen "Rana Plaza", nach dem Besitzer Sohel Rana. Im Jahr 2006 wurde es ohne Genehmigung gebaut, zunächst vier Stockwerke. Weil die Geschäftsräume sich gut vermieten ließen und ordentlich Geld brachten, entschied Rana 2008, den Bau um fünf Etagen aufzustocken, doch diesmal mit unzureichend tragenden Wänden. Das oberste Stockwerk war noch nicht fertig.

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Gebäudeeinsturz: Dramatische Rettung in Bangladesch

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Am Mittwochmorgen, sagt Taslima SPIEGEL ONLINE am Telefon, habe sie gemeinsam mit ihren Kolleginnen vor dem Gebäude gestanden. "Die Wände hatten am Dienstag Rissen bekommen, die man sehr deutlich sehen konnte. Wir hatten Angst, dass es einstürzt, aber unsere Chefs sagten, wir sollten keine Angst haben." So liefen die Arbeiterinnen und Arbeiter in die Falle.

Schreie nach Wasser, letzte Gebete

Gegen 8.45 Uhr am Mittwochmorgen stürzten die Wände ein und begruben die Menschen in den Textilfabriken und Läden, die sich hier befanden, unter sich. Nur die untersten zwei Stockwerke blieben stehen. Glück hatten auch die Mitarbeiter einer Bank: Ihre Vorgesetzten verboten ihnen den Zutritt, nachdem sie die Risse gesehen hatten. Den Textilfabrikanten dagegen waren die Warnzeichen egal.

"Ich hörte, wie es knirschte, und dann krachte plötzlich alles um uns herum zusammen und es wurde dunkel", erzählt Taslima. Als sie wieder zu sich kam, sah sie ein paar Kolleginnen, die weinten. Eine Frau sei tot gewesen. "Ihr Schädel war von einem Betonteil eingeschlagen." Mit Hilfe der Lampe am Telefon fand Taslima einen Weg nach draußen, noch am Mittag, nur wenige Stunden nach der Katastrophe.

Sie hatte Glück im Unglück. Bislang haben Polizei, Rettungssanitäter und Armee 230 Tote geborgen und etwa 1200 Verletzte gezählt. "Wir gehen davon aus, dass unter den Trümmern noch rund 1600 Menschen liegen", sagt Brigadegeneral Mohammed Siddiqul Alam Sikder, der die Rettungsarbeiten leitet. Es sind grausame Szenen: Am Donnerstagmittag, eineinhalb Tage nach dem Einsturz, sind noch immer Schreie zu hören aus der Ruine, flehen Menschen darum, ihnen zu helfen. Manche sprechen ihre letzten Gebete, ahnend, dass sie den Tag nicht überleben werden.

"Wir werden von oben ein Loch bohren und dann versuchen, in die Trümmer einzusteigen", erläutert Sikder seinen Plan. "Aber wir müssen extrem vorsichtig sein." Sehr tief vordringen könne man nicht, da die Sorge vor einem weiteren Einsturz bestehe. "Das Ganze ist sehr instabil", sagt ein Feuerwehrmann vor Fernsehjournalisten. "Aus diesem Grund zögern wir auch noch damit, Betonteile mit einem Kran wegzuziehen. Wir wissen nicht, ob das Gebäude dann ganz zusammenbricht." Mindestens bis zum Wochenende würden die Arbeiten dauern. "Aber die Hoffnung, Überlebende zu finden, schwindet von Stunde zu Stunde."

Mit Hilfe von Seilen und Holzstangen versuchen die Einsatzkräfte derzeit, Wasserflaschen und Lebensmittel zu den Verschütteten zu bringen. Mehrere Rettungskräfte beklagen am Donnerstag, es fehle an Ausrüstung. Deshalb gehe es nur langsam voran. "Wir bräuchten mehr Kräne, aber auch so einfache Dinge wie Sauerstoffmasken, Taschenlampen, Schutzbrillen und Handschuhe sind knapp", sagt einer.

Klagen gegen Gebäudebesitzer erhoben

In der Umgebung werden Listen mit dringend benötigten Gegenständen verteilt - in der Hoffnung, dass jemand sie den Rettungskräften zur Verfügung stellt. Angehörige und Helfer versuchen verzweifelt, die unter den Trümmern Begrabenen mit bloßen Händen zu befreien. Tausende stehen hilflos in der Umgebung und weinen um ihre vermissten Angehörigen.

Längst hat in Bangladesch die Suche nach den Schuldigen begonnen. Immer wieder kommt es in dem Land, dessen Textilindustrie boomt und wichtigster Wirtschaftszweig ist, wegen Missachtung von Sicherheitsvorschriften zu Katastrophen. Erst im November starben bei einem Fabrikbrand 112 Menschen. Gegen den Besitzer Rana wurden zwei Klagen erhoben, wegen der fehlenden Baugenehmigung, der Nichteinhaltung von Vorschriften und der Nutzung minderwertigen Baumaterials einerseits und wegen des Verlusts von Menschenleben infolge des Einsturzes andererseits.

In der Kritik bei solchen Katastrophen stehen regelmäßig aber auch westliche Textilfirmen, die billige Kleidung unter schlimmsten Bedingungen herstellen lassen. Zertifikate, die die Einhaltung von Sicherheits- und Sozialstandards bescheinigen, würden geschönt, die Prüfer bestochen. Bei dem Feuer im November geriet beispielsweise der deutsche Discounter Kik in die Kritik, der in der niedergebrannten Fabrik produzieren ließ.

Kik, aber auch C&A sowie Benetton beeilten sich jetzt zu erklären, dass sie in dem jetzt betroffenen Fabrikgebäude nichts herstellen ließen. Zuvor hatte der Textilindustrieverband von Bangladesch mitgeteilt, unter anderem habe die Firma Ether-Tex in dem Gebäude nähen lassen, die auch für Kik und C&A arbeitete. Doch beide Unternehmen erklärten, sie hätten die Geschäftsbeziehungen mit Ether-Tex schon vor Jahren beendet. Auch die US-Händler The Children's Place und Dress Barn, die spanische Kette Mango und der britische Discounter Primark ließen angeblich in dem eingestürzten Gebäude produzieren.

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