Zinssenkung gegen Brexit-Krise Große Geldflut, wenig Wirkmacht

Die britische Notenbank stemmt sich mit voller Kraft gegen eine drohende Rezession. Doch ihr Einfluss ist begrenzt. Nur ein entschiedenes Vorgehen der Regierung kann die Folgen des Brexits lindern.
Londoner Bankenviertel

Londoner Bankenviertel

Foto: © Luke MacGregor / Reuters/ Reuters

Die britische Notenbank hat erstmals seit der Weltwirtschaftskrise 2009 den Leitzins gesenkt, er liegt nun auf dem Rekordtief von 0,25 Prozent. Gleichzeitig wird die Zentralbank verstärkt Staats- und Unternehmensanleihen kaufen.

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Die zweitälteste Notenbank der Welt startet damit einen verzweifelten Versuch, den negativen Folgen des Brexit-Votums etwas entgegenzusetzen. Seit Großbritannien am 23. Juni für den Austritt aus der EU gestimmt hat, herrscht im Land große Unsicherheit.

Es ist unklar, was aus dem für die Wirtschaft so wichtigen Finanzplatz London wird; unklar, ob sich die Geschäftsbedingungen der Unternehmen verschlechtern; unklar, was mit ausländischen Fachkräften geschieht.

All das drückt auf die Konsumlaune und lastet auf der Investitionsbereitschaft der Unternehmen. Allein in den vergangenen Tagen gab es mehr als ein halbes Dutzend Hinweise auf eine rasche Abkühlung der Wirtschaft:

Ein Absturz der britischen Wirtschaft wäre auch in der Bundesrepublik zu spüren. Laut einer Modellrechnung des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung wird der Brexit das deutsche Wachstum in diesem Jahr um 0,1 Prozentpunkte dämpfen, 2017 gar um 0,3 Prozentpunkte. Rutscht Großbritannien in die Rezession, dürfte das Minus in Deutschland noch größer sein.

Die Bank of England will den konjunkturellen Abwärtstrend nun mit einer Doppelstrategie entgegenwirken. Mit dem Leitzins senkt sie, erstens, den zentralen Zinssatz, zu dem sich Banken Geld leihen. Die Institute kommen so billiger an Geld und können Verbrauchern und Geschäftskunden in der Folge günstigere Kredite geben. Das soll die Investitionen von Firmen und den Konsum ankurbeln.

Zweitens sollen auch die Anleihenkäufe die Wirtschaft beleben. Die Banken sollen ihre Staatsanleihen an die britische Notenbank abstoßen und mit dem frischen Geld Anleihen oder Aktien von Unternehmen kaufen. Dadurch sollen dann auch die Firmen neues Kapital bekommen und wieder mehr investieren.

In der Theorie klingt beides erst einmal gut. Tatsächlich aber sind die meisten Experten der Meinung, dass die britische Notenbank gegen die Brexit-Krise nur wenig ausrichten kann.

Die Zentralbank könne unter Investoren zwar neues Vertrauen schaffen, sagt Kallum Pickering, Ökonom im London-Büro der Berenberg Bank. Hauptauslöser des ökonomischen Schocks sei jedoch die politische Unsicherheit im Land. Und gegen diese sei die Notenbank machtlos.

Die Verhandlungen zum EU-Austritt Großbritanniens könnten bis zu zwei Jahre dauern, und es ist unklar, wie die Geschäftsbeziehungen mit der Europäischen Union künftig ausgestaltet werden. Solange solch große wirtschaftspolitische Risiken bestehen, wird die britische Notenbank Unternehmen und Märkte nicht beruhigen können.

Schlimmer noch als die kurzfristige Verunsicherung wiegen die möglichen langfristigen Effekte des Brexits - und auch diese schätzt die britische Notenbank pessimistisch ein. Durch den Austritt aus der EU könnte letztlich Großbritanniens Produktionskapazität sinken, schreibt die Bank of England in ihrer Pressemitteilung vom Donnerstag .

Sie geht offenbar davon aus, dass britische Unternehmen langfristig mit höheren Marktbarrieren, schlechteren Investitionsbedingungen und ungünstigen Wechselkursen zu kämpfen haben werden. Die Folge könnten Schließungen von Produktionsstandorten und eine höhere Arbeitslosigkeit sein.

"Gegen solche Folgen kann Geldpolitik rein gar nichts ausrichten", sagt Thomas Sampson, Wirtschaftsprofessor an der London School of Economics. Überhaupt werde ihm zu viel darauf geachtet, was die Notenbank tut - und zu wenig darauf, was die Regierung gegen die Brexit-Krise unternimmt.

"Sollten sich die Anzeichen für eine Rezession in den kommenden zwei bis drei Monaten verdichten, so sollte die Regierung ernsthaft über ein Konjunkturpaket für die britische Wirtschaft nachdenken", sagt Sampson. Anders wäre ein Absturz der britischen Wirtschaft dann wohl nicht mehr zu stoppen.

Zusammengefasst: Die britische Notenbank öffnet massiv die Geldschleusen. Sie will die politische Verunsicherung lindern und den Absturz der Wirtschaft dämpfen. Doch ihre Wirkmacht ist begrenzt. Nur ein entschiedenes Vorgehen von Premierministerin Theresa May kann die wirtschaftlichen Folgen des EU-Austritts lindern.

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